Zeitung Heute : Schaun mer mal

Der Tagesspiegel

Von Helmut Schümann

Und was, wenn die Bürgschaft nun ausbleibt, wenn die Vernunft siegt und kein einziger Steuercent herhalten muss, um die Finanzkraft des Profifußballs zu sichern? Geht dann dem Ball hierzulande die Luft aus, bleiben Bildschirme dunkel und Stadien leer? Am Ende verliert womöglich noch Kanzler Gerhard Schröder die Wahl, weil er den Fußball nicht gerettet hat – und Kandidat Edmund Stoiber gewinnt sie auch nicht, weil er den Crash des Freundes Kirch durch verschwenderische, bayerische Kredite befördert hat. Und dann? Anarchie, Agonie – ein Land am Boden! Tod durch Eigentor sozusagen.

Nun wäre es ja in der Tat schecklich, wenn Fußball nichts mehr wäre hier im Land, nichts mehr wert und nicht mehr erfolgreich und nicht mehr attraktiv. Nur wird es so nicht kommen. Karlheinz Rummenigge hat dieser Tage schon mal den Ausblick gewagt in die Zeit, in der keine Milch und kein Honig mehr fließen wird: „Der Fußball wird bleiben, die Begeisterung wird bleiben und Finanziers werden sich finden. Gesünder wird es werden.“ Rummenigge ist Vorstandsvorsitzender beim finanziell unabhängigen FC Bayern München und von daher in der Lage, unaufgeregt die Aufregung zu betrachten. „Kurzfristig“, sagt Rummenigge, „wird es Liquiditätsprobleme geben.“

Kurzfristig also, weil die Profiligen sich wie der Neue Markt im Rausch der versprochenen Milliarden blindwütig verschuldet haben – genau um eine halbe Milliarde Euro nämlich und weil sie den Spielern das Geld hinterhergeworfen haben. Um 200 Prozent sind die Personalkosten in der ersten und zweiten Liga seit dem Jahre 1995 gestiegen, es dürfte sich in der Bundesliga kaum noch ein Spieler finden, der für weniger als eine Million Mark die Fußballschuhe schnürt und man muss schon in die Riege der Reservisten schauen, um Kicker zu finden, die es für weniger als eine Million Euro tun. Und dann verletzt sich einer oder man befindet, dass noch ein Brasilianer her muss, und dann wird einfach wie bei Borussia Dortmund in dieser Saison für 40 Millionen Mark Marcio Amoroso verpflichtet. Jetzt bleiben die versprochenen Milliarden aus, Verträge platzen, Gehälter können nicht mehr bezahlt, Ablösesummen nicht mehr aufgebracht werden.

Und Ruhe wird einkehren. Ist diese derzeitige Phase der heftigen Irritation erst einmal vorbei – und sie sollte zu überstehen sein mit internen Mitteln, mit Solidarfonds der großen Klubs für die kleinen etwa in Form von moderaten Krediten, mit Gehaltsverzicht der Spieler, mit Zugriff auf die gesättigten Konten des Ligaverbandes DFL – wird einsetzen, was Rummenigge die Gesundung nennt. Die Finanziers werden bereit stehen zu gemäßigten Konditionen, die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten würden wohl auch wieder einsteigen - aber ganz sicher das Geld nicht mehr so rauspulvern wie Kirchs Premiere, wo sie Kommentatoren wie Franz Beckenbauer für dünne Sätzchen fünf Millionen Mark per anno gezahlt haben. Und kein Spieler wird murren, wenn er nicht mehr so üppig bedacht wird, weil eben nicht mehr, wie noch vorgesehen für die kommende Saison, gut 360 Millionen Euro über die Klubs geschüttet werden.

Die bisherige Argumentation der Vereine für die scheinbar ungebremste Zahlungsmoral war so schlicht wie logisch: Zahlen wir die Million nicht, geht der Spieler zu einem anderen Verein, geben wir den Stars nicht gleich mehrere Millionen, gehen sie ins Ausland. Und dann wird die Liga mittelmäßig, deutscher Fußball international nicht mehr konkurrenzfähig, am Ende stehen wir fußballerisch auf einer Stufe etwa mit Österreich – für die deutsche Sportseele das Schrecklichste, was sie sich vorstellen kann. Nun ist die Logik zerbrochen. Wer sollte mehr zahlen können, wenn keiner mehr die Mittel hat? Die haben in Deutschland die Münchner des FC Bayern sowie Borussia Dortmund, wo aber schon jetzt 50 Prozent des Etats von etwa 200 Millionen Mark für Personalkosten draufgehen. Und Geld hat auch Bayer Leverkusen. Mehr als 20, 25 Spieler brauchen diese Klubs aber auch nicht, wohl jedoch Gegner, die gut genug sind, spannende Spiele zu ermöglichen. Dieses Druckmittel der Spieler in den Vertragsverhandlungen wird wegfallen.

Also raus aus Deutschland? Rein in die englische Premier League, in Italiens Seria A, Spaniens Primiera Division oder nach Frankreich in die Division Premiere? Viel Glück bei der Arbeitssuche! In Italien werden schon länger vertraglich zugesicherte Gehaltszahlungen verweigert, fliehen Spieler wie Amoroso nach Ostwestfalen, wo vorher schon Sunday Oliseh nach dem Finanzcrash von Juventus Turin Zuflucht gefunden hatte. England, Frankreich, gesättigt ist der Markt auch hier und überzeichnet ebenso. Allein in Spanien fließen die Fernsehgelder noch mit Gewinn und refinanzierbar. Aber auch dort ist allein Real Madrid schuldenfrei, und die mussten dafür eigene Immobilien für mehrere hundert Millionen Mark verkaufen. Auch keine Alternative.

Was also bleibt, wenn die Bürgschaft ausbleibt? Das Ende der Großmannssucht. Hoffentlich bleibt die Bürgschaft aus.

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