Zeitung Heute : Schauspielern hilft nicht nur gute Vorbereitung

Christine Wittenzellner

Assessment Center zählen zu den beliebten und härtesten Ausleseverfahren. Banken, Versicherungen, Industriekonzerne und zunehmend auch mittelständische Unternehmen nutzen das Verfahren, um die sozialen und fachlichen Kompetenzen im Auswahlprozess auszuloten.

Kaum ein Hochschulabgänger, der sich für ein Traineeprogramm bewirbt, kommt daran vorbei. Auch wer im Laufe seiner Karrierelaufbahn die Position wechselt, wird häufig zu einem Assessment Center, kurz AC genannt, gebeten. Mindestens 180 Unternehmen hierzulande setzen es regelmäßig ein. Unternehmen wie Agfa-Geavert oder Allianz arbeiten seit über 20 Jahren damit. Auch zahlreiche Personalberatungen lassen ihre Bewerber im Auftrag der Unternehmen zum AC antreten.

Eine typische AC-Situation könnte zum Beispiel so aussehen: "Bereiten Sie in der Gruppe ein Verkaufsgespräch vor. Arbeiten Sie Argumente heraus, mit denen ein Geschäftsführer davon überzeugt werden kann, dass er auch in Zukunft mit einer IBM-EDV arbeitet. Treffen Sie eine Abwägung zwischen Großrechner- und PC-Systemen, deren jeweiliger Vernetzung und Softwaremodifikation . . ." Diese Aufforderung zu einer 45-minütigen Gruppendiskussion ist Teil eines Assessment Centers, mit denen die IBM Deutschland GmbH Bewerber für Trainee-Programme testet.

"Obwohl viele Unternehmen nach dieser Methode auswählen, ist den Berufseinsteigern oft nicht mal der Name des Verfahrens bekannt", weiß Arne Springborn. Der Berliner Kommunikationstrainer bereitet Bewerber in Seminaren auf das Auswahlverfahren vor. Wer nicht gerade Personalwirtschaft oder Psychologie studiert hat, wisse gar nicht, was auf ihn zukommt. "Mir geht es auch darum", sagt Springborn, "die Teilnehmer in die Lage zu versetzen, die Güte von Assessment Centern zu beurteilen. Damit sollen sie auch entscheiden können, ob sie sich dem Verfahren, das auch zur Tortur ausarten kann, überhaupt unterziehen wollen." Doch die Wenigsten werden es sich leisten können, das Bewerbungsverfahren abzulehnen, es sei denn, sie wollen den Job eigentlich gar nicht.

Lediglich EDV-Experten, die von Unternehmen derzeit dringendst gesucht werden, erlauben sich schon mal "nein" zu sagen, wissen Christian Püttjer und Uwe Schnierda in Kiel, Buchautoren und Trainer in Sachen AC. "Manche gehen zu solchen Unternehmen erst gar nicht hin." Die Meisten werden sogar stolz sein, wenn sie überhaupt in die engere Auswahl kommen. Dann kann es passieren, dass sie oder er zu einem Assessment-Treffen mit zehn Teilnehmern geladen wird. Mit dabei sind dann auch noch vier bis sechs Beobachter.

Doch wie soll man sich darauf vorbereiten? Beruhigungstabletten nutzen ganz sicher nichts. Am Besten ist es, das Ganze gelassen anzugehen. Im Assessment Center wird weniger detailliertes Fachwissen abgefragt. Es soll zeigen, wie jemand mit bestimmten Problemsituationen umgeht, wie er im Team agiert, wie er schwierige Aufgaben bewältigt, wie er Sachthemen aufbereitet und strukturiert. Außerdem soll das AC sichtbar werden lassen, wie sich jemand präsentieren kann und wie Bewerber in Konfliktsituationen reagieren. Die wichtigsten Übungen dazu sind

Selbstpräsentation

Gruppendiskussionen

Rollenspiele

Vorträge und gelegentlich auch Produktpräsentationen, selten auch psychologische Tests.

Den typischen AC-Baustein, die "Postkorb-Übung", haben viele Unternehmen - unter anderem die Allianz-Versicherungs-AG und die HypoVereinsbank - wieder aus ihrem AC-Repertoire genommen. Bei dieser Übung muss der Teilnehmer unter Zeitdruck den Ablagekorb einer Führungskraft bearbeiten. Was heißt, verschiedene Schriftstücke nach Prioritäten bewerten, Aufgaben delegieren oder ignorieren.

Je nach dem Ziel des AC, lassen sich die Personalexperten auch stets Neues einfallen. Zu den Einzelübungen für Trainees zählt beispielsweise bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse AOK eine PC-gestützte Aufgabe, die komplexes Denken fordert. Es kann auch passieren, dass die Prüfer die Testkandidaten zu Beginn ganz bewusst warten lassen, um ihre Reaktionen zu testen. Wer dann alle paar Minuten zur Sekretärin rennt, um sich zu erkundigen wann es losgeht, muffig vor sich hin murmelt oder eine Zigarette nach der anderen raucht, hinterlässt keinen besonders guten Eindruck. Die Trainer Püttjer und Schnierda raten in diesem Fall: "Sie lösen Zeitprobleme aktiv, indem Sie einen lockeren Small talk mit den anderen Kandidaten beginnen." Die Wartenden sollten sich untereinander vorstellen. Wer sich die Namen gut merken kann, habe nach den Worten der Trainer, schon einen Pluspunkt: "Wenn Sie in der späteren Gruppendiskussion andere Kandidaten mit Namen ansprechen, wird dies durch die Beobachter als überzeugender Beleg für Ihre soziale Kompetenz registriert und positiv wahrgenommen."

Manche Unternehmen fordern in ihre AC-Prüflinge sogar mit lebensbedrohenden Aufgaben wie dieser. "Sie sind auf einer Jacht, die untergeht. Was nehmen Sie mit?" Das Auswahlverfahren ist nicht unumstritten. In der Praxis werden AC ganz unterschiedlich gehandhabt. Viele der hausgemachten entsprechen nicht den Gütekriterien. Kritiker rügen außerdem Beobachtungsfehler und die erfundene Wirklichkeit, in der getestet wird. Sogenannte dynamische AC sollen jetzt manche Schwächen ausgleichen. Auch die Dauer ist unterschiedlich. In der Regel dauert die Testphase für Bewerber eines Trainee-Programms einen Tag. Ausnahmen gibt es auch hier. Der Otto Versand in Hamburg beispielsweise prüft Trainees mit einem Mini-AC von einem halben Tag. AC die darauf abzielen, das Potential von Fach- und Führungskräften im Unternehmen zu testen oder zu fördern, unterziehen die Kandidaten einer längeren Prüfung - beginnend von zwei Tagen bis hin zu einer Woche. Wer zum AC antreten muss, kann sich darauf vorbereiten und so den Prüfungsstress reduzieren. "Die Teilnehmer erhalten eine Orientierung darüber, was auf sie zukommen wird," sagt Trainer Springborn. In den Seminaren entwickeln sie beispielsweise Lösungsstrategien für Aufgaben oder lernen diese von anderen kennen. Sie üben unter Druck zu arbeiten, können die eigene "Frustrations- und Stresstoleranz" erfahren und erhalten Sicherheit beim Präsentieren. "Techniken wie Präsentationen, kann man natürlich üben", findet auch Psychologe Thomas Leymann von der Kienbaum Management Consultants GmbH, die AC für Unternehmen anbietet. "Ein Verhaltenstraining allerdings", gibt er zu bedenken, "birgt die Gefahr, dass sich die Teilnehmer auf Standardantworten einstellen". Schauspielern sei ohnehin zwecklos. Antrainierte Rollen könnten auf Grund der verschiedenen Übungen nicht durchgehalten werden.

Ein letzter Tipp: Gut ausgeschlafen und selbstbewusst ins AC gehen. Letztendlich geht es nicht um Leben und Tod.

Christian Püttjer, Uwe Schnierda: Assessment Center Training für Studierende und Hochschulabsolventen, 1997, 231 Seiten, 34, 80 Mark; Dieses Buch bestellen

Assessment Center Vorbereitung für Fach- und Führungskräfte, 1998, 239 Seiten, 39,80 Mark, beides Sit Up!-Verlag, Knorrstrasse 1, 24106 Kiel ; Internet: www.Sit-Up.de ; Dieses Buch bestellen



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