Zeitung Heute : Schaut auf dieses Land

Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen, Völkermord – im Sudan findet einer der blutigsten Konflikte weltweit statt. Tausende sind schon getötet worden, eine Million Menschen ist auf der Flucht. Und die Weltgemeinschaft tut zu wenig, um das Morden zu beenden.

Christoph Link[Nairobi]

BÜRGERKRIEG IM SUDAN

Bei den Vereinten Nationen in New York schrillen die Alarmglocken. Wieder scheint sich in einem abgelegenen Flecken Afrikas ein Völkermord abzuspielen, diesmal im schwer zugänglichen Bergland des Darfur im Westen des Sudan. Am Freitag legten UN-Verantwortliche ihre Reiseberichte aus dem Darfur vor, von einer „Politik der verbrannten Erde“ ist die Rede.

Monatelang hatte die sudanesische Regierung die Region Darfur hermetisch abgeriegelt. Reisen wurden aus „Sicherheitsgründen“ weder Journalisten noch UN-Beauftragten gestattet. Doch auf massiven Druck der Weltgemeinschaft konnten kürzlich Delegationen der UN von Khartum aus in den Darfur fliegen, und sie legten in New York erschütternde Berichte vor. Zerstörte Dörfer, geplünderte Märkte und Tausende von verzweifelten Vertriebenen, die in Lagern unter unmenschlichen Bedingungen hausen und bar jeglicher Versorgung sind. Obwohl sie von Regierungsbeamten begleitet wurden, konnte den Beobachtern kein „geschöntes Bild“ der Lage gezeichnet werden. Ein „Regime des Terrors“ liege über dem Darfur, sagt Bertrand Ramcharan, der Leiter der UN-Menschenrechtskommission. Arabische Milizen unterbänden die Nahrungsmittelverteilung, sie stoppten die Bevölkerung vor der Flucht in sichere Gebiete. Ramcharan bestätigt, was schon sudanesische Flüchtlinge im Tschad ausgesagt hatten. Arabische Milizen und die sudanesische Regierungsarmee teilen sich die „Arbeit“. Während die sudanesische Luftwaffe mehr oder weniger blind mit Antonow-Flugzeugen Bomben abwirft, rücken die arabischen Janjawid-Milizen in die Dörfer vor, sie töten Männer, vergewaltigen Frauen und plündern. „Das alles spielte sich vor unseren eigenen Augen ab“, sagt Ramcharand. Zahlreiche Übergriffe der regierungsfreundlichen Araber auf die schwarzafrikanischen Volksgruppen „könnten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ darstellen, sagte er.

Die BBC-Reporterin Ishbel Matheson, die mit dem UN-Tross unterwegs war, schildert Eindrücke aus einem Flüchtlingscamp im Dorf Kass bei Nyala. In der Schule wurden Kranke gelagert, Matheson musste mit ansehen, wie ein dreijähriges Mädchen mit dem Tode kämpft. Es gebe keine Medizin und wenig zu essen, berichtet sie. Ein örtlicher Krankenpfleger bettelte die Delegation um Medikamente an, täglich, so sagt sie, stürben drei Kinder in Kass. Die Flüchtlinge waren erschöpft und ausgehungert, wochenlang waren sie von Milizen in ihrem Dorf gefangen gehalten worden. Erst das zufällige Eintreffen der UN-Mission habe ihre Befreiung gebracht, und erst als die Delegierten in Kass eintrafen, wurde begonnen, Nahrung zu verteilen Ein gemeinsamer Bericht von Unicef und der Landwirtschaftsorganisation FAO klagte die Regierung von Sudan an, dass sie „systematisch“ der Bevölkerung im Darfur die „Nahrung vorenthält“. Bewaffnete Männer schirmten die Vertriebenen ab und verhinderten die Ankunft von Nahrung.

In der Region Darfur, die ein Fünftel der Staatsfläche Sudans ausmacht, lebten schon immer die schwarzafrikanischen Volksgruppen der Fur, der Zagalit und Masalit, die Felder bestellen, Vieh halten und moslemischen Glaubens sind. Als Nachbarn wurden die hellhäutigen arabischen Nomadenstämme aus dem Norden und Osten des Sudan angesehen, die auch in Darfur umherziehen und mit denen es eine Konkurrenz um Vieh, Wasserstellen und Land gibt. Beide Gruppen bekriegen sich, und die Erklärungen dafür sind unterschiedlich. Die Sahara rücke jedes Jahr um sechs Kilometer nach Süden vor, und weite Teile des Darfur versteppten, was die Konkurrenz um Landrechte verstärke, sagen Fachleute. Bei den Vertriebenen hört man eine einfache Erklärung: Die hellhäutigen Araber wollten die Afrikaner aus dem Darfur vertreiben und dafür Araber aus Ägypten oder anderswo dort ansiedeln. Vor einem Jahr haben sich zwei Rebellengruppen im Darfur gegen die Regierung erhoben, sie werfen Khartum „Vernachlässigung der Region“ vor, und seitdem ist der Konflikt außer Kontrolle geraten. Unterstützt von der ebenfalls arabischen Regierung in Khartum, auch Präsident Omar al-Bashir ist ein Nordist, haben arabische Reitermilizen, die so genannten Janajawid, einen Feldzug gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung begonnen, von „ethnischer Säuberung“ ist die Rede. Schon im seit 21 Jahren schwelenden Krieg mit dem christlich-animistischen Süden hatte Sudans Regierung arabische Milizen sozusagen als Söldnerheere gegen die schwarze Bevölkerung des Südens eingesetzt. Dieses Muster scheint sich jetzt zu wiederholen. In Sudans neuem Bürgerkrieg im Darfur sollen in einem Jahr 10 000 Menschen getötet worden sein, eine Million Menschen ist auf der Flucht, das ist ein Sechstel der Bevölkerung des Darfur. 100 000 sind bereits in den Tschad geflohen, wo das UN-Flüchtlingshilfswerk fünf Lager betreut.

Der Direktor des UN-Welternährungsprogramms, James Morris, zeichnet ein düsteres Bild der Lage. Es gebe die Wahrscheinlichkeit, dass man im Darfur und im Tschad einer humanitären Katastrophe „mit Zehntausenden von Toten“ entgegensehe. Außer einer genauen Beobachtung der Lage hat der Weltsicherheitsrat keine Maßnahmen beschlossen. Von Sudans Regierung wird dementiert, dass Zivilisten verfolgt werden, nur werden „Übergriffe“ eingeräumt. „Man muss verstehen, wir sind im Krieg“, sagt Mohamed Manis, sudanesischer UN-Diplomat.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!