Zeitung Heute : Schaut uns bitte nicht so an!

Julia Hellmich

Ein Zufluchtsort armer Kiez-Bewohner - das war in den sechziger Jahren die Bierschenke "Café Lehmitz" auf der Hamburger Reeperbahn. Hier strandeten Hafenarbeiter, Huren und Kleinkriminelle, Obdachlose und Alkoholiker.

Der 1944 geborene schwedische Fotograf Anders Petersen kam 18-jährig nach Hamburg und fand bei den Lehmitz-Gästen Aufnahme. Petersen erinnert sich an die Zeit mit ihnen als die intensivste seines Lebens. Zurück in Schweden lernte er das Fotografen-Handwerk. Als 23-Jähriger, im Jahr 1968, kam er wieder ins Lehmitz und begann zu fotografieren. Petersen verstand seine Arbeit politisch. Das Lehmitz war für ihn die Endstation eines Systems, in dem das Prinzip Geld gleich Wohlstand und Wohlstand gleich Glück gilt. Über zwei Jahre arbeitete er an einer Reportage, die heute zu den Klassikern der sozialdokumentarischen Fotografie zählt.

Die schwarz-weißen Bilder aus dem Innenraum der Kneipe dokumentieren Absturz und Geborgenheit, Endstation und Heimat: das Nebeneinander von Taumel und Tanz, Zusammensacken und Intimität, Kraftlosigkeit und Festlichkeit - gelöste, stolze Gesichter neben eingefallenen. Petersen ist seinen Akteuren nahe gekommen, manchmal bis an die Grenze ihrer Würde.

Doch man sieht immer, dass er hier Freunde zeigt, deren Gesichter die Gesellschaft wahrnehmen soll. Seine Dokumentation ermöglicht den Einblick in die Vergangenheit von St. Pauli zwischen Gemeinschaft und Zerfall.


Dieses Buch bestellen Anders Petersen: Café Lehmitz. Mit einem Text von Roger Anderson. München: Schirmer/Mosel, 2004. 120 Seiten, 88 Duotone-Tafeln, € 29,80

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