Scheidung : Wie ich gehen lernte

Jahrelang lag sie nachts neben ihm und dachte nur: Es ist vorbei! Doch die Kraft ihren Mann zu verlassen, fand sie nciht. Bis sie in die USA flog, 10.000 Kilometer weit weg. Die Geschichte einer Entscheidung.

Antje Joel

Ich kann nicht sagen, wann ich wusste: Meine Ehe ist vorbei. Ich kann nur sagen: Ich wusste es viel zu lange. Und tat nichts. Stand nicht auf. Ging nicht. Ein Jahr, zwei Jahre. Möglicherweise viel länger. Ich blieb, obwohl das Bleiben furchtbar war. (Furchtbarer, als zu gehen. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht). Obwohl ich Nacht für Nacht wachlag, mit Blick auf den schlafenden Mann, der mich schon häufig betrogen, für den ich nur noch ein Gefühl übrig hatte: Es ist vorbei! Das zu wissen, befreite mich nicht. Es presste mir den Brustkorb zusammen. Es nahm mir den Atem. Lähmte mich. Ich wusste, ich musste handeln, mich bewegen, aufstehen, weitergehen. Aber: Ich wusste nicht, wohin. Ich fürchtete, wenn ich dieses Leben offiziell für beendet erklärte, würde es kein anderes mehr für mich geben.

Ich war 15 Jahre mit diesem Mann zusammen gewesen, 14 davon verheiratet. Wir hatten sechs Kinder. Vier gemeinsame und zwei, die ich aus meiner ersten Ehe „mitgebracht“ hatte. Zu der Zeit meiner schlaflosen Nächte war der Älteste 18, die Jüngste vier. Ich war 37. Das ist nicht alt. Und nicht jung genug, um das Leben noch einmal zu beginnen. Mit einem neuen Mann. Mit einer Neuauflage des alten Lebensmodells. Um doch noch glücklich zu werden, nach dem allgemein gültigen Standard: Heiraten, Haus kaufen, Kinder großziehen, zusammen alt werden. Um es „geschafft zu haben“.

Vier Jahre zuvor hatten wir das Haus gekauft – gemeinsam. Es war noch weitere 26 Jahre abzubezahlen – von mir allein. Zeit meiner Ehe beschaffte ich das Geld für alle. Ich wusste, gehe ich ohne die Kinder, zahle ich Unterhalt bis an mein Lebensende. Nicht nur für sie. Gehe ich mit den Kindern, werde ich nie einen Cent Unterhalt bekommen. Nicht mal für sie. Ohne die Kinder zu gehen, war nicht denkbar. Mit den Kindern zu gehen und weiter als Journalistin reisen, schreiben und genügend Geld für die Kinder, für mich und das Haus beschaffen zu können: ebenfalls unmöglich. Wie unter solchen Bedingungen gehen?

Ein Mann hat später einmal zu mir gesagt: „Gehen kann jeder!“ Er war Anfang 40, verheiratet, er hatte zwei Kinder. Als ich ihn kennenlernte, war meine Ehe längst geschieden, schon mehrere Jahre. Mit dem Mann hatte ich eine Affäre; so nennt man das wohl. Vier Monate, in denen er über die Unerträglichkeit seiner Ehe klagte. In denen er wütete über seine Frau, die sonntäglichen Familienspaziergänge, ja selbst über die Kleidung, die er trug. Es war ihm alles furchtbar entsetzlich. „Ich bin nicht mehr ich“, jammerte er. „Ich lebe unter einem Betondeckel. Seit 20 Jahren.“ Ich sagte: „Dann musst du gehen.“ Und er: „Gehen kann jeder!“ Für einen Augenblick wusste ich nicht, ob ich laut lachen sollte, oder ihn schlagen. Ich tat keins von beiden. Unsere Affäre war beendet. Meine Freundin Melanie sagt, ich hätte ihn schlagen und die Affäre beenden sollen, das wäre befriedigender gewesen.

So einen Satz kann nur sagen (und glauben), wer nie gegangen ist. Wer das Gehen so fürchtet, dass er es vorzieht, auf ewig unter dem Betondeckel liegen zu bleiben. Es war nicht diese Erkenntnis, die ihn mir schließlich unerträglich machte. Es war die Tatsache, dass er mit seinem Satz all das, was mich das Gehen gekostet hatte, beiseite fegte. Dass er meine Angst und die bitteren Konsequenzen meiner Entscheidung für null und nichtig erklärte. Statt den Mut anzuerkennen, den ich aufgebracht hatte, erklärte er mich zum Feigling, zu einem Menschen, der ohne Sinn für Pflicht und Verantwortung den federleichten von zwei Wegen wählt. Er hatte keine Ahnung.

Ich sage: Bleiben kann jeder! Der schwere Part ist das Gehen. Nicht nur in einer Situation wie der meinen. Als es an meiner Freundin Melly war, sich zu entscheiden, drei Jahre nach mir, war sie 47. Das Haus, aus dem ihre drei erwachsenen Kinder bereits ausgezogen waren, war bezahlt – von ihr und ihrem Mann. Ich fand mich mehr als einmal verführt zu denken: Melly hat’s gut. Derweil Melly auf ihrem Bett in dem Ehehaus saß und nicht wagte, sich zu rühren. Nicht wusste, „welches Bild zuerst von der Wand nehmen“. Sie wusste nur, dass sie gehen musste. Endlich. Ohne eine Vorstellung, wie, noch wohin. Nach 20 Jahren Ehe, Familie, gemeinsamem Freundeskreis. Nach fast einem Vierteljahrhundert festgefügten Lebens. Wo beginnen, wenn alles am Ende scheint?

Bleiben kann jeder. Weil Bleiben keine Entscheidung braucht, sondern nur: sitzenbleiben, weitermachen. Bleiben ist Nichtentscheiden. Oder? Wäre Bleiben eine Alternative gewesen? Hätte ich mich weiter zusammenreißen, die Zähne (noch) fester zusammenbeißen können? Nicht mehr wachliegen nachts. Sondern (wieder) wegdämmern. Das Unbehagen in mir nicht groß werden lassen, es nicht heranwachsen lassen zu einem Unglück. Mit so einem bisschen diffusen Unbehagen lässt es sich doch leben. Das tragen so viele mit sich herum. Dämmerzustand für 20 Jahre. Oder ein Leben lang. Ich mein’s nicht böse, ich kann es verstehen.

Wer bleibt, ist auch nicht zu beneiden. Der Vorteil des Bleibens ist, dass man sich keiner plötzlichen Todesangst stellen und sie durchleiden muss. Man stirbt über Jahre einfach so vor sich hin. Nahezu unbemerkt. Ein englisches Sprichwort sagt: „Schmeiß einen Frosch in kochendes Wasser – und er springt heraus, um sein Leben zu retten. Erhitze das Wasser langsam, Grad für Grad – und er wird sterben.”

Mein Affärenmann sagte: „Ich bin einfach nicht so weit, kann noch nicht sagen: Es ist vorbei.“ Vielleicht lasse sich seine Ehe ja doch noch zum Guten wenden. Nach 20 unguten Jahren. Das ist, was wir hinterher immer sagen. Wie wir unser Viel-zu-lange-Gebliebensein uns und anderen erklären. Ich inklusive. „Ich dachte sie/er würde sich bessern.“ Tatsächlich? Ich glaube nicht. Wie sollte sich bessern, was über die Jahre schlimmer und schlimmer geworden war? Wie schlimm ist schlimm genug? Wenn man eines Morgens nicht aufstehen kann. Weil man weiß: Wenn du aufgestanden bist, musst du gehen. Oder du musst dich auf ewig verachten. Und doch blieb ich nochmal vier Wochen.

Mitte August 2003 flog ich nach Idaho, USA. Ich hatte seit Jahren ein Porträt schreiben wollen, über einen Cowboy, 74 Jahre alt. Etwas zog mich zu dieser Geschichte, als hinge mein Leben daran. Jetzt hatte ich die Möglichkeit, ihn zu treffen. Als Gelegenheitsarbeiterin, zwei Wochen auf seiner Ranch.

Am Morgen vor dem Flug sprang ich von der Terrasse, mein rechter Fuss traf den Boden in einem falschen Winkel, ich hörte ein Knacken, der Schmerz, scharf und plötzlich, trieb mir Tränen in die Augen. „Bänderriss“, sagte der Arzt. Ich bat ihn, den Knöchel so fest wie möglich zu bandagieren, um die Schwellung gering zu halten. Ich sagte, der Fuss müsse in meinen Stiefel passen, ich flöge am nächsten Morgen nach Idaho, Pferde einreiten und Kühe treiben. Sein Blick war entsprechend. Ich konnte mir nicht leisten, mich weiter beirren zu lassen. Ich musste nach Idaho. Mein Leben hing davon ab. Ich kaufte Bandagen und ein Paar Stiefel zum Schnüren. Ich schluckte jeden Morgen sechs Schmerztabletten und mittags noch einmal vier. Ich biss die Zähne zusammen, in jeder Hinsicht. Ich trieb zehn Stunden täglich Kühe, flog von bockenden Pferden und sprach nie von meiner Familie, 10 000 Kilometer weit weg. Der Alte hörte alles, was ich nicht sagte. Als meine zwei Wochen mit ihm vorbei waren, sagte er in unser Frühstücksschweigen hinein: „Du musst gehen. Damit du zurückkommen kannst.“ Ich kam zurück. Schon sechs Stunden später.

Von Boise, Idaho, bis nach Seattle in Washington – weiter hatte ich es nicht geschafft. Von Seattle aus hatte ich meinen Mann angerufen. Ob er mich am nächsten Tag in Hamburg abholen komme? Er sagte, er habe die Frau seines Lebens gefunden, er kenne sie seit vier Tagen. Es war nicht die erste Frau, die er während unserer Ehe fand. Aber es war die letzte. Ich rief in Idaho an. Die Rancher brauchten ein bisschen, um Wörter aus meinem Geschluchze herauszuhören. Sie sagten: „Warum kommst du nicht nach Hause?“ Und buchten ein Ticket, zurück nach Boise. Ich blieb acht Wochen. Bis der Mann in Deutschland aus unserem gemeinsamen Haus ausgezogen war. Das hatte ich endlich gefordert.

„Die Kinder“, um deretwillen (angeblich) so viele Ehen künstlich am Leben erhalten werden, meine Kinder, sagen noch heute: „Warum, verflucht noch mal, bist du nicht eher gegangen?“ Sie sind die Einzigen, denen ich das Recht zugestehe, das zu fragen. Und manchmal bin ich so wütend auf mich wie sie. Warum entschied ich nicht, bevor ich mich nicht gezwungen glaubte zu entscheiden? Warum war „schlimm, wirklich schlimm“ so lange nicht schlimm genug? Worauf habe ich all die Jahre gewartet? Auf jemanden, der für mich entschied? Ich bin kein guter Entscheider. Entscheidungen treffen, heißt: den Mut haben, Fehler zu machen. Daran hat es mir oft gefehlt. Ich wollte Sicherheit. Die Sicherheit, das Richtige zu tun. Unter allen Umständen. Immer. Ich wollte Zweifellosigkeit. Die ist leider nicht zu erreichen.

Man kennt nur das Ende des Wegs, den man gegangen ist. War meiner richtig? Ich weiß: Er war der einzig mögliche. Ist das das Gleiche?

Ich lebe seit fünf Jahren mit meinen Kindern allein. All meine Vorstellungen von der Zukunft, die mich nachts wachliegen ließen, wurden wahr. Ich habe kein Haus mehr, kaum Geld – und ich fürchte, ich habe auch zu wenig Zeit, das Leben noch einmal von vorn zu leben. Ich bin 42. Wenn alles am Ende scheint, kann man nicht weitermachen. Gottseidank. Man muss neu beginnen. Neu denken. Nach neuen, den eigenen Standards.

Wer keine Perspektive hat, muss sich eine schaffen. So etwa dachte ich. Und zog nach Irland. Meine Entscheidung auf nichts gegründet als auf Intuition. Dem zweifelhaftesten aller Gefühle, zusammen mit Liebe. Ich dachte: Probier’s, wenn es schiefgeht, stehst du auf und probierst was Neues. Meine schwerste Entscheidung hatte ich schon vor Jahren getroffen. Was konnte mir noch passieren?

Der Alte in Idaho hat mir einmal eine Geschichte erzählt. Von einem jungen Mann und einem alten. Der Junge fragt den Älteren: „Wie kommt es, dass du so oft richtig entscheidest?” – „Aus Erfahrung.“ Der Junge wartet, diese Antwort näher erklärt zu bekommen. Schließlich fragt er ungeduldig: „Und woher hast du die Erfahrung?“ – „Aus all den falschen Entscheidungen, die ich getroffen habe.“

Tatsächlich, manchmal fühle ich mich der Zweifellosigkeit schon ein bisschen näher. Dem besten Zustand von allen. Den man nie erreichen kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben