Zeitung Heute : Scheinbar stille Tage in Clichy

Man hat ihnen viel versprochen und wenig gehalten – die Pariser Banlieue ein Jahr nach den Unruhen

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Die hohe Mauer ist mit neuem Stacheldraht bewehrt, das riesige Tor hat einen frischen Anstrich erhalten. Darauf ein Graffito mit der Schrift „Halt! Die Elektrizität ist stärker als du!“ Ein kleines Blechschild legt die Vermutung nahe, dass das Graffito im Auftrag der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft EdF auf den Eingang zu dem dahinter gelegenen Hochspannungstransformator gesprüht wurde.

Paris. Clichy-sous-Bois. Eine Gegend, in der die von bescheidenen Einfamilienhäusern gesäumte Straße endet. Man hätte Blumengebinde an jener Mauer erwartet, vielleicht eine Gedenktafel, die daran erinnert, dass hier am Abend des 27. Oktober 2005 zwei Jungen ums Leben kamen und ein dritter schwere Verbrennungen erlitt. Auf der Flucht vor der Polizei hatten sie die Absperrung überwunden und ein Versteck gesucht. Bouna, 15, und Zyed, 17, wurden von einem 20 000 Volt starken Stromschlag getroffen und waren sofort tot. Muhittin Altun, 17 Jahre alt, konnte sich trotz seiner Verletzungen retten und die Feuerwehr alarmieren.

Der Tod der beiden Jungen war der Beginn eines Aufstands, der von Clichy- sous-Bois auf andere Orte des nordöstlich von Paris gelegenen Departements Seine- Saint-Denis übersprang und dann die Banlieue, die Hauptstadtregion, erfasste. Jugendliche aus Einwandererfamilien, die hier eingepfercht in trostlosen Betonburgen leben und bei der Suche nach Arbeit und Wohnung wegen ihrer Herkunft diskriminiert werden, hatten – von Innenminister Nicolas Sarkozy als „Gesindel“ verunglimpft – drei Wochen lang den Zorn über ihre Lage ausgelassen. Hatten Autos angezündet, Polizeiwagen angegriffen, Sportstätten, Schulen und Geschäfte demoliert. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand; 1301 Menschen wurden festgenommen, 422 in Schnellverfahren zu Gefängnisstrafen verurteilt und 577 Minderjährige dem Jugendrichter vorgeführt. Die Versicherungen sprachen von Schäden in Höhe von 200 Millionen Euro.

Nun, an einem Herbstwochenende gut ein Jahr später, liegt eine milde Herbstsonne über Clichy. Auf einer Anhöhe steht das Rathaus, ein Jagdschloss aus der Zeit Heinrichs IV., man blickt hinüber zu Wohnklötzen, den Cités. Es ist der „Tag der Vereine“, ein Fest, das jedes Jahr mit einem Trödelmarkt, Sportwettbewerben und Geschicklichkeitsspielen für Kinder begangen wird. Überall Informationsstände: „Atelier für den Erfolg“, eine von der Stadt unterstützte Initiative für die Betreuung von Schulkindern, Kulturvereine, Hundezüchter. Eine normale Gemeinde, scheint es.

Nur dass Normalität hier nicht das Normale sei, sagt Claude Dilain, der Bürgermeister. In Jeans und kariertem Hemd ist der 50-jährige Kinderarzt gekommen, um Stände zu besuchen, Hände zu schütteln und mit den Leuten zu sprechen. Hinterher sagt er: Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, unzureichende Verkehrsanbindung und leere Kassen – nichts habe sich getan. Dabei hatte die Regierung nach den Unruhen den Gemeinden in der Banlieue mehr Geld zugesagt. Die zuvor gestrichenen Zuschüsse für die von den Kommunen unterstützten gemeinnützigen Vereine wurden wieder eingesetzt. Aber das hilft wenig. „Wir haben weniger Geld als vorher, um das Nötigste zu machen“, sagt Dilain. Lange Pause. „Ich verteidige keine Übeltäter, aber wenn die Leute mir sagen, sie hätten die Nase voll, kann ich ihnen nicht widersprechen.“ Die Gesellschaft verliere die Banlieue wieder aus dem Blick. Wenigstens ein Wort, sagt er, hätte er vom Präsidenten der Republik erwartet. „Aber nichts ist gekommen.“

Samir Mihi sieht es ähnlich, ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann mit einem dünnen Kinnbart, 29 Jahre alt. Seine Familie stammt aus Algerien, er ist in Clichy aufgewachsen und geblieben. Er ist Sportlehrer. Bouna, einer der beiden getöteten Jungen, war einer der Besten und „Beliebtesten“ seiner Klasse. Mihi steht am Informationsstand des Sportdezernats der Stadt und erzählt, wie er während der Unruhen jeden Abend mit Freunden loszog, um randalierende Jugendliche zu beschwichtigen und so weiteres Unglück zu vermeiden. „Es war nicht immer erfolgreich“, räumt er ein.

Zwei Jungen sind tot. Und Muhittin, der bei einer flüchtigen Begegnung in Begleitung seines Anwalts Jean-Pierre Mignard im August den Eindruck eines freundlichen, aber scheuen jungen Mannes hinterließ, wohnt nicht mehr in Clichy. Der Sohn kurdisch-türkischer Einwanderer habe den Tod seiner Kameraden nicht überwunden, sagt Mihi. Er habe unter Schuldgefühlen gelitten, weil er überlebte und sie nicht. Die Schule habe Muhittin ohne Abschluss verlassen, er wolle Kellner werden, habe aber bisher nur Gelegenheitsjobs als Pizza-Bote gefunden. „Vielleicht“, sagt Mihi plötzlich, „wäre es zu diesem Aufruhr nicht gekommen, wenn man den Opfern nicht durch wahrheitswidrige Anschuldigungen die Würde genommen hätte.“

Dieser Satz tippt ein Thema an, das Jean-Pierre Mignard umtreibt. Mignard sitzt in einem mit modernen Grafiken dekorierten Beratungszimmer seiner Kanzlei im Pariser Börsenviertel. Es habe viele Gründe für den Aufruhr gegeben. „Aber die von den Behörden in den ersten Tagen verbreiteten Unwahrheiten haben alles nur noch schlimmer gemacht.“ Er holt weit aus, um seine Sicht zu erläutern.

Als Anwalt hat er in vielen großen Prozessen plädiert, unter anderem als Verteidiger der chinesischen Studenten vom Platz des Himmlischen Friedens. Jetzt vertritt er die Interessen der Familien Zyeds und Bounas und die Muhittins in drei Verfahren, die er für sie gegen die Polizei und den französischen Staat angestrengt hat. Anfangs wählt er seine Worte mit Vorsicht, dann aber spricht er von „offiziellen Lügen“. Letztlich verantwortlich für die „katastrophale Kommunikation“ sei der Innenminister. „Gegen alle Evidenz“, sagt Mignard, habe Sarkozy die Wahrheit verneint – dass nämlich die Jungen grundlos von der Polizei verfolgt wurden. Das habe die Wut „noch angeheizt“. Mignard hat mit seinem Partner Emmanuel Tordjman ein Buch darüber geschrieben: die „Affäre Clichy – Mort pour rien“ (tot für nichts). Er stützt sich auf einen internen Untersuchungsbericht der Polizei.

Demnach liefen die drei Jungen auf dem Heimweg von einem Fußballspiel vor einer Polizeikontrolle fort, weil sie keine Papiere bei sich hatten und fürchteten, auf der Wache festgehalten zu werden. Die Polizisten verfolgten sie. Nachdem die Jungen die Mauern der Elektrizitätsanlage überwunden hatten, drehten die Beamten ab. „Ich gebe nicht viel für ihr Leben“, meldete einer laut Funkprotokoll der Einsatzleitung.

Dass die Beamten um die Lebensgefahr gewusst haben müssen, die Jungen aber trotzdem sich selbst überließen, ist Gegenstand eines Untersuchungsverfahrens, das Mignard veranlasste. Kurz nach dem Tod der Jungen. Bis dahin behauptete die Polizei, die drei seien nicht verfolgt worden. Zudem wurden Bouna fälschlicherweise als „polizeibekannt“ bezeichnet und Anwalt Mignard wegen seiner Freundschaft zum Parteichef der Sozialisten, Francois Hollande, als parteiisch dargestellt. Doch nichts findet der Anwalt so gravierend wie das Polizeiverhör des überlebenden Jungen, Muhittin Altun – kurz nachdem der am Morgen des 28. Oktober in der Klinik aufwachte. Polizisten hatten sein Geburtsdatum gefälscht, damit die Ärzte ohne Zustimmung der Eltern die Vernehmung des angeblich Volljährigen erlaubten. Und sie erfanden ein Delikt, um den Staatsanwalt zu umgehen, wofür sie von der Kommission, die über den Berufsethos der Polizei wacht, eine schwere Rüge kassierten. Nun müssen sie sich wegen Fälschung und vorsätzlicher Gefährdung verantworten. In einem weiteren Verfahren will Mignard dem Staat wegen Fehlverhaltens seiner Beamten eine Entschädigung abringen. Alle drei Verfahren sind noch im Anfangsstadium. „Es gibt Fälle, in denen die Justiz sehr minutiös vorgeht“, sagt Mignard mit vielsagendem Lächeln, „in anderen Fällen kann sie sehr schnell sein.“ Im Dezember verteidigt er Muhittin Altun in einem Prozess. Ein Polizist beschuldigt Muhittin, bei neuerlichen Unruhen im Mai aus einer Gruppe heraus einen Stein auf einen Polizeiwagen geworfen zu haben. Muhittin, der als Einziger festgenommen wurde, bestreitet das. Es steht Aussage gegen Aussage.

Auch dieser Fall ist ein Grund, warum man auf die Frage, ob die Revolte etwas bewirkt habe, in Clichy oft dieselbe Antwort bekommt. „Leider nicht“, sagt Olivier Klein, ein Lehrer. Ein Jugendlicher in Sweatshirt mit Kapuze, Trainingshose und Turnschuhe, der typischen Vorstadtkleidung, sagt: „Die Polizei ist so provozierend wie immer.“ Die Kameraden, mit denen er an einer Imbissbude steht, nicken. „Jetzt setzt Sarkozy auch noch Drohnen zu unserer Überwachung ein.“ Kürzlich wurde bekannt, dass die Polizei mit unbemannten Flugkörpern über den Vierteln hier experimentierte.

„Die Lage hat sich seit dem heißen Herbst 2005 nicht spürbar verändert, man kann sogar sagen, dass die Feindseligkeiten nur noch zugenommen haben“, glaubt der Sozialwissenschaftler und Autor Sebastian Roché. „Die Stimmung ist gespannt“, sagt der Lehrer Klein. Beim geringsten Anlass würden die Anti-Kriminalitäts-Brigade aus dem Nachbarort und die im Departement stationierte Bereitschaftspolizei CRS nach Clichy entsandt. Ein Kommissariat in Clichy, dessen Beamte die Bewohner kennen und die beim Streifengang nicht so martialisch auftreten, gibt es nicht mehr. Die Regierung hat die Nachbarschaftspolizei aufgelöst. Nach den Unruhen war Clichy wieder ein eigenes Kommissariat versprochen worden, doch „bei dem Versprechen ist es geblieben“, sagt der Bürgermeister.

Manche resignieren. Der Sportlehrer Samir Mihi nicht. Gemeinsam mit Freunden hat er in den Cités Umfragen gestartet. Das Ergebnis ist ein „cahier de doléances“, ein Beschwerdebuch wie in der Zeit vor der Französischen Revolution, in dem die Klagen der Bewohner über ihre Lage festgehalten sind: das heikle Verhältnis zur Polizei, das lange Warten auf eine Wohnung, die Schließung von Supermärkten, der Mangel an Angeboten für Kinder und an Arbeitsplätzen. Und, vor allem: Der größte Arbeitgeber der Gegend – der Flughafen Roissy mit seinen vielen Dienstleistungsjobs – ist für Leute aus Clichy ohne Auto schlecht erreichbar. „Der erste Bus fährt um sechs, die Arbeit dort beginnt um fünf Uhr“, sagt Mihi. Wenn in Roissy um Mitternacht die Arbeit endet, fahre kein Bus mehr bis Clichy.

Zum Jahrestag des Todes der zwei Jungen will Mihi mit seinen Freunden das „cahier de doléances“ mit einem symbolischen Marsch nach Paris bringen und je ein Exemplar der Nationalversammlung, dem Senat und Jacques Chirac überreichen. Soll dann keiner mehr sagen, er hätte ja nichts gewusst.

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