Zeitung Heute : Scheinbare Ruhe

Frank Jansen

Die Ruhe wirkt unheimlich. Seit Mai, seit dem Doppelschlag der Attentate in Riad und Casablanca, haben Al Qaida und das verbündete Spektrum nur noch einen spektakulären Anschlag gegen zivile westliche Ziele verübt – den auf das Marriot-Hotel in Jakarta. Abgesehen einmal vom Irak. Was hat das zu bedeuten? Ist Al Qaida durch die Festnahme mehrerer Führungsfiguren so geschwächt, dass momentan die Kraft zu Terrorakten fehlt? Oder konzentriert sich die Organisation auf den Kampf gegen die Amerikaner und andere Ungläubige im Irak? Ist die Vorbereitung auf einen großen Terrorangriff im Gange, einen zweiten 11. September, womöglich mit biologischen, chemischen oder radiologischen Stoffen? Die Sicherheitsbehörden schließen nichts aus und trauen Al Qaida alles zu. Doch wird derzeit in Expertenkreisen die Ansicht geäußert, es könnte eine Atempause geben. Allerdings mit einer gespenstischen Perspektive.

„Terror is coming home“, sagt Guido Steinberg, Islamwissenschaftler und Referent im Bundeskanzleramt. Bei einem Symposium des Berliner Verfassungsschutzes in der vergangenen Woche skizziert der Analytiker den zu vermutenden Trend: Al Qaida sei als Organisation nur noch eingeschränkt handlungsfähig, die Koordination internationaler Aktivitäten werde zunehmend schwierig. Militante Islamisten wendeten sich wieder verstärkt lokalen und regionalen Zielen zu, meint Steinberg. Damit werde der islamistische Terrorismus „zu einem zumindest unmittelbar weniger gefährlichen Phänomen“. Denn die muslimischen Staaten würden die auf Terror fixierten Heimkehrer „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ bekämpfen, sagt Steinberg und verzichtet darauf, die bekannten brutalen Methoden orientalischer Sicherheitsapparate im Detail zu schildern. Dem Experten ist die Perspektive wichtiger: „Politisch ist diese Entwicklung langfristig eine Katastrophe.“ Schließlich sei der Widerstand gegen die repressiven Regime, wie in Saudi-Arabien und Ägypten, eine der zentralen Ursachen der Entstehung des islamistischen Terrorismus.

Der Experte schildert einen fatalen Kreislauf: Die Erfolge im internationalen Kampf gegen den Terror zwingen militante Islamisten zum Ausweichen in ihre Heimatstaaten, die dann zwangsläufig noch autoritärer agieren, damit aber auch die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter anfachen – und so immer mehr Terrorismus provozieren. Kurz: Der Krieg gegen den Terror begünstigt ihn noch. Wenn sich dieses Szenario bewahrheitet, erscheint eine Atempause nur wie die Ruhe vor dem nächsten, heftigeren Sturm.

Sie kommen wieder

Gerade die Anschläge in der saudischen Hauptstadt Riad und der marokkanischen Hafenmetropole Casablanca sind nach Ansicht Steinbergs ein Indiz für das „coming home“ des islamistischen Terrors. Osama bin Laden und ein Teil der Kerntruppe von Al Qaida sind Saudis, auch 15 der 19 Attentäter des 11. September kamen aus dem Königreich. In Riad schlugen am 12. Mai dieses Jahres saudische Al-Qaida-Kämpfer zu, 35 Menschen kamen ums Leben, darunter neun Amerikaner. Nur vier Tage später verübten Islamisten der marokkanischen Gruppierung „Salafia Djihadia“ fünf Attentate in Casablanca. Zwölf Selbstmordattentäter rissen 33 Opfer mit in den Tod. Vor allem der Anschlag in Casablanca zeige, dass es dem islamistischen Terrornetzwerk zumindest in Marokko nicht schwer falle, neue Rekruten zu gewinnen, warnt Steinberg. Und das Potenzial könnte, auch außerhalb Marokkos, noch wachsen, prophezeit Ernst Uhrlau, der vom Bundeskanzleramt aus die Arbeit der Nachrichtendienste des Bundes koordiniert.

Am zweiten Jahrestag des 11. September hatte Uhrlau bei einem Vortrag in Berlin das demographische Pendant zu Steinbergs „coming home“-Szenario präsentiert. In den arabischen Staaten wachse die Bevölkerung rapide an – und werde immer jünger. In 15 Jahren, sagt Uhrlau, sind mehr als 50 Prozent jünger als 25 Jahre. Das heißt: Das Potenzial der jungen Unzufriedenen, die ihre Kritik an den autoritären, korrupten Regierungen mit Hass auf Amerikaner und Juden koppeln, nimmt ständig zu. Uhrlau befürchtet eine demographisch-politische Dynamik, die in einen „selbsttragenden Prozess der Rekrutierung“ neuer Terroristen mündet. Auch in den muslimischen communities in Europa.

Terror is coming home – hinein in die Bevölkerungsexplosion. Von Ruhe keine Spur.

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