Zeitung Heute : Schenkel klatschen: Der Körper als Klangwelt

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Umjubelt wurde gestern im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt die Körperpercussion von Robin Hoffmann, einem Studenten der Folkwang Hochschule in Essen: Seine Partnerin in eng anliegender schwarzer Körperkleidung bot eine rhythmische Darstellung von Bewegung und Klang: Die Zunge schnalzte, der Mund schmatzte beim Küssen, Faustschläge auf Oberkörper und Rücken klatschten. Schläge mit der flachen Hand auf die Oberschenkel klangen wieder anders. Schreie und die rhythmisch trampelnden Füße boten alles, was sich aus dem Körper herausholen lässt. Die Körperpercussion wurde mit einem Spitzenpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet.

Die Studenten von heute führen offensichtlich nicht überhitzte Debatten über die Gefahren der Gentechnik und die Chancen und Risiken der Stammzellenforschung. Das jedenfalls haben die Juroren des Studienpreises der Körber-Stiftung herausgefunden, der unter dem Motto stand: „Wieviel Körper braucht der Mensch?“ Der Geschäftsführer der Körber-Stiftung, Lothar Dittmer, hält eine vorsichtige Annäherung an das Thema für typisch jugendlich. Natürlich ist den Jugendlichen die Ambivalenz bewusst, dass der Körper für die Gesunden und Starken ein Kapital darstellt, für die Schwachen, Behinderten und Kranken eine schwere Bürde. Aber Jugendliche leben in einer Zeit, in der eine neue Lust am Körper zu beobachten ist. „ Die schöne Seele allein wärmt nicht mehr.“

Die Körberstiftung hat sich den Studienpreis etwas kosten lassen. 250 000 Euro wurden zur Verfügung gestellt, um 65 Preise zu vergeben. Einen Spitzenpreis, der mit 5000 Euro dotiert ist, erhielt Carsten Dewy von der Universität Münster, der ein Navigationssystem entwickelt hat, das es Rollstuhlfahrern ermöglicht, sich durch Großstädte zu navigieren. Eine Gruppe von 18 Studenten aus der staatlichen Akademie für bildende Künste in Karlsruhe und von der Technischen Fachhochschule Berlin stellte den Ausflug in ein stillgelegtes Postamt in Karlsruhe als Erkundung des Körpers dar: Die Wendeltreppen führen zum Innenohr, die Nylonfolie verdeutlicht bei jedem Luftzug die Empfindlichkeit der Haut. Zugleich wird die Vergänglichkeit des Körpers in dem Video symbolisiert, das in einem Gebäude entstand, das heute unzugänglich ist.

Viel ernster ging es in der ebenfalls mit einem Spitzenpreis ausgezeichneten Studie von Gunda Rosenberg zu. Die ehemalige Studentin der Pflegewissenschaften, einem neuen Studienganges in Deutschland, hatte sich dem Problem der Langzeitpatienten angenommen, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen an das Bett gefesselt sind. Dass sie sich wund liegen können, ist bekannt. Wie weit sie das beklemmende Gefühl erleben, Teile ihres Körpers zu verlieren, ist bestürzend. Eine Patientin bildete sich ein, dass sie bis zum Skelett abmagert und die Arme und Beine ihre Verbindung zum sonstigen Körper verlieren. Uwe Schlicht

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