Zeitung Heute : "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung": Des Teufels jodelnde Großmutter

Uwe Friedrich

Dreizehn Schneidergesellen muss der Freiherr von Mordax töten, um die Hand seiner geliebten Liddy zu erringen. Das tut er in einem herzig choreographierten Ballett mit einer riesigen Fliegenklatsche und ohne mit der Wimper zu zucken. Da hat der Teufel in Gestalt des überragenden Countertenors Axel Köhler das Nachsehen und muss mit seiner Großmutter nun in die Hölle. Im Bauerntölpel Gottliebchen findet er jedoch einen gelehrigen Schüler, der zum Schluss mit einem blasphemischen "Amen - Bäh!" die Kulissen der biedermeierlichen Idylle umwirft.

Für seine komische Oper "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" nach Christian Dietrich Grabbe bedient sich der Berliner Komponist Detlev Glanert virtuos aus dem Formenkanon des 19. Jahrhunderts. Die quirlig-maschinenhaften Ensembles verweisen auf Rossini und Donizetti, die ruhigeren Passagen auf Lortzing oder Flotow. Damit nutzt Glanert theaterwirksame Gesten, die bis heute nicht durch Besseres ersetzt wurden. Schließlich lässt sich Komik auf der Bühne und in der Musik nur erzielen, wenn allseits bekannte Formen in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Das Publikum in Halle erkannte die Formen und Floskeln jedenfalls und amüsierte sich sehr. Schon diese Wirkung ist mehr, als man vielen anderen "komischen" Opern des deutschen Repertoires nachsagen kann.

Die originell mit Zitaten gewürzte Komposition Glanerts wird gelegentlich Opfer der eigenen Geschwindigkeit. Gerade hat man das "kühne, herrliche Kind" aus Wagners "Ring" erkannt, da knallen dem Zuhörer auch schon die Bläser und Schlagzeuge um die Ohren. Besonderen Wert legte Detlev Glanert auf sing- und phrasierbare Linien, die der Tenor Nils Giesecke (Mollfels) oder Gundula Hintz (Liddy) mit großer Freude gestalten. Offenbar macht der Einsatz für diese gemäßigte Moderne auch dem Hallenser Generalmusikdirektor Roger Epple viel Spaß. Er sorgt aus dem Graben für größtmögliche Wortverständlichkeit und angemessen aufgeregte Orchesterausbrüche.

Der erfahrene Regisseur und Bühnenbildner Fred Berndt verschenkt durch den biedermeierlichen Rahmen die Möglichkeit, das groteske Spiel bizarr zu verschärfen. Er arrangiert die Hofgesellschaft auf einer riesigen bürgerlichen Tafel mit monströsen Stühlen und bleibt damit allzu brav an der Handlungsoberfläche. Des Teufels Großmutter als jodelnde Maria Hellwig-Karikatur zu zeigen, erweist sich als grobe Fehlkalkulation. Grabbes Witz in der Vorlage war selbst in der Polemik feiner gearbeitet als dieser denunziatorische Einfall. Auch das Finale mit seiner Aufwertung des trotteligen Gottliebchen zum teuflischen Terminator vermag nicht zu überzeugen, weil es Grabbes wütenden Pessimismus zur platten Polemik verflacht. Nach den Kriterien des Poeten spielt Detlev Glanert aber auch so in der vordersten Reihe mit. Grabbe sah schließlich in der ganzen Welt nicht mehr als ein mittelmäßiges Lustspiel.

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