Zeitung Heute : Schicksal Blutzucker

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Diabetes verhindert

Hartmut Wewetzer

Der Mensch vermag sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, aber er kann trotzdem das Opfer seines Blutzuckers werden“, orakelte der englische Diabetesarzt Wilfrid Oakley. Das war im Jahre 1962, und Oakley hat mehr als Recht behalten. Seitdem ist die Zahl der Diabetiker sprunghaft angestiegen. Heute gibt es weltweit schätzungsweise 150 Millionen Zuckerkranke, und in 20 Jahren sollen es doppelt so viele sein.

Immer mehr Menschen werden also „das Opfer ihres Blutzuckers“. Das gilt nicht so sehr für den Typ-1-Diabetes, der meist früh im Leben ausbricht und dann stets mit dem Hormon Insulin behandelt werden muss, sondern vor allem für den Typ-2-Diabetes, auch Alterszucker genannt. Mit der Dominanz des westlichen Lebensstils, mit Bewegungsmangel, falscher Ernährung und Fettsucht hat sich der Alterszucker breit gemacht.

Erst kommt das Fett, dann der Zucker. Auf diese Formel kann man die Entstehung des Typ-2-Diabetes zwar nicht völlig reduzieren, aber doch zumindest zu einem wesentlichen Teil. Starkes Übergewicht erhöht das Diabetes-Risiko auf das 30fache. Das bedeutet: Wer dick ist, muss damit rechnen, zuckerkrank zu werden. Denn zu viel Fettgewebe führt dazu, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin produzieren muss, das Gewebe gleichzeitig unempfindlich für dieses Hormon wird und das Fettzellhormon Adiponektin, eine Art Schutzfaktor gegen Diabetes, an Bedeutung verliert.

Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass eine chronische Entzündung durch das Fettgewebe in Gang gehalten wird. Diese Entzündung kann ihrerseits den Untergang von insulinbildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse fördern. Am Ende steht ein gestörter Blutzucker-Stoffwechsel; die Glucose sammelt sich im Blut an. Am Ende können Spätfolgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Sehstörungen, Nervenerkrankungen, Nierenschäden und Amputationen stehen.

Aber nun kommt die gute Neuigkeit. Denn Untersuchungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Menschen mit einem schon gestörten Zuckerstoffwechsel das Ruder herumreißen und den Ausbruch eines handfesten Typ-2-Diabetes verhindern können. Gewichtsabnahme, Ernährungsumstellung und mehr Bewegung senken die Diabetes-Gefahr um mehr als die Hälfte. Welche Krankheit lässt sich schon so leicht verhüten?

Voraussetzung ist, dass Menschen „am Vorabend der Zuckerkrankheit“ auf einen Arzt treffen, der weiß, was zu tun ist. „Die Hälfte der Patienten wird nicht erkannt“, beklagt sich Andreas Pfeiffer, Diabetesarzt an der Berliner Charité. Wer einen Bauchumfang von mehr als 102 Zentimeter, erhöhte Blutfette und hohen Blutdruck hat, sollte einen Zuckertest machen, rät Pfeiffer, der selbst eine Studie leitet, in der verschiedene Programme zum Abnehmen untersucht werden.

Am Ende hat Wilfrid Oakley, der Diabetesarzt aus London, vielleicht doch nicht so ganz Recht behalten. Denn der Mensch kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, damit er nicht das Opfer seines Blutzuckers wird.

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