Zeitung Heute : Schicksals Schläge

Ein Mann fällt um, er ist halbseitig gelähmt und kämpft in der Reha-Klinik darum, wieder alleine leben zu können. Ein anderer hat Glück: Man operiert ihn an der Halsschlagader, und er muss vorerst keinen weiteren Schlaganfall fürchten

Marc Neller

Der Tag, an dem Herrn Tornows Mitte verrutschte, liegt zwei Monate zurück.

Herr Tornow lief durch seine Wohnung, er wollte etwas aus dem Wohnzimmer holen. Zumindest glaubt er das heute, so genau erinnert er sich nicht mehr, er hat seit jenem Tag manchmal Schwierigkeiten, sich zu erinnern. Er kam nicht bis ins Wohnzimmer, im Flur fiel er um. Ihm war schwindlig geworden. Kurze Zeit später brachte ihn die Feuerwehr ins Krankenhaus, und als er dort ankam, war die linke Hälfte seines Körpers taub.

Krankenhaus. Intensivstation. Herr Tornow hatte einen Schlaganfall, Durchblutungsstörung in der rechte Hirnhälfte.

Inzwischen versucht Herr Tornow, 86 Jahre alt, schlohweiße Haare, buschige Augenbrauen, hager und ausgestattet mit trockenem Humor, ins Leben zurückzukehren. Man könnte auch sagen, wenn er Glück hat, wird er in den kommenden Wochen und Monaten einige Dinge wieder lernen, die ihm die längste Zeit seines Lebens so selbstverständlich erschienen, dass er nie über sie nachgedacht hat. Laufen, Zähneputzen, sich waschen zum Beispiel.

Durch solch eine halbseitige Lähmung verlieren die Patienten ihre Körpermitte, sagen Ärzte. Das Gleichgewicht beider Körperhälften sei dahin, die Körperachsen verrutschten. Die gelähmte Hälfte hänge an den Betroffenen, schwer und nutzlos wie ein Kartoffelsack. Der Körper vergisst Bewegungsabläufe, und das Hirn verliert Informationen.

Ein Schlaganfall ist in Deutschland die dritthäufigste Todesursache, nach Herz-Krankheiten und Krebs. Jeder dritte Patient stirbt, sofort oder binnen eines Jahres. Und von jenen, die einen Anfall überleben, hat mindestens jeder Zweite nach einem Jahr noch mit Einschränkungen zu kämpfen; viele bleiben dauerhaft geschädigt.

Es gibt zwar kein Register, in dem zuverlässig erfasst ist, wie viele Menschen in Berlin Schlaganfälle erleiden. Doch Experten gehen von bis zu 10 000 Fällen jährlich aus. Bei manchen Patienten ist nicht daran zu denken, dass sie jemals wieder alleine gehen oder sprechen können. Oben, unten, rechts, links, das alles hat für sie jegliche Bedeutung verloren. Druck, Temperatur, Schmerz, sie empfinden es nicht.

Doch es gibt auch Fälle, die glimpflich ausgehen. Manfred König, 67 Jahre alt, einst Fernmeldemonteur, hat eine tiefe, raue Stimme und ein robustes Naturell. Die einzige sichtbare Spur seiner jüngsten Krankengeschichte ist eine langsam verblassende Narbe am Hals. Aber man merkt, dass er weiß, welch großes Glück er hatte. Vielleicht, weil er eine Spur zu gelassen davon erzählt. Er war auf der Post, als ihn schwindelte und sein rechter Arm plötzlich taub an seiner Seite hing. „Zu wenig getrunken, dachte ich, bestimmt ist dein Blut zu dick. Geht gleich wieder.“ Das dachte zunächst auch die Hausärztin, zu der ihn seine Frau sofort schickte. Sie müssen mehr trinken, sagte sie zu ihm. Irgendwann war der Arm plötzlich wieder taub. Schwindelgefühle. Dieses Mal wurde er zum Radiologen geschickt. Eine Untersuchung, bei der die Blutströmung mit Hilfe von Ultraschall gemessen wird. Diagnose: linke Halsschlagader zu 80 Prozent eingeengt durch Kalkablagerungen.

Kalk oder ein Blutgerinsel an den Wänden dieser Ader können sich lösen und ins Gehirn gespült werden, wo sie ein feines Gefäß verstopfen. Das umliegende Gewebe wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Wichtige Teile des Gehirns versagen. Je länger dieser Zustand anhält, desto schwerwiegender sind die Schäden. Einer von acht Hirninfarkten – so wird der Schlaganfall auch genannt – entsteht so.

Er, Manfred König, habe zwei kleine Schlaganfälle erlitten, sagte der Arzt, im Fachjargon: ischämische Attacken. Er riet dringend zu einer Operation. König habe keine Zeit zu verlieren.

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