Zeitung Heute : Schieß die Berliner zum Mond!

VOLKSBÜHNE Himmelfahrtskommando: Herbert Fritsch entdeckt in in Paul Linckes Operette „Frau Luna“ neue Galaxien des Nonsense.

PATRICK WILDERMANN

Wenn das nicht schiefgeht, weiß ich auch nicht mehr“, hat Herbert Fritsch erst kürzlich in einem Interview über sein jüngstes Projekt frohlockt. Und wenn man ihn mit diesem Zitat konfrontiert, erntet man große Heiterkeit. Scheint ja auch absurd. Ausgerechnet „Frau Luna“ an der Volksbühne. Die burlesk-fantastische Ausstattungsoperette von Paul Lincke im Panzerkreuzer am Rosa-Luxemburg-Platz. Andererseits: Es hätten auch die wenigsten im Vorfeld erwartet, dass ebendort der Schwank „Die (s)panische Fliege“ und das Dada-Stück „Murmel Murmel“ gewaltige Renner würden. Fritsch jedenfalls nicht. Weswegen er sich auch im „Frau Luna“-Fall verhalten zuversichtlich gibt. „Ich suche das Triviale“, sagt er. „Aber gerade das hat seine Tücken.“

Operette ist anarchisch

Die Geschichte des zum Mond reisenden Mechanikers Fritz Steppke und die dazugehörigen Gassenhauer wie „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“ nur zu verwitzeln, das jedenfalls fiele Fritsch nicht ein. „Die Musik hat ein Sentiment, da ist ein Kitsch drin, zu dem man sich bekennen sollte“, findet er. Aufladen will er die Hits, mit einem neuen sinnlichen Reiz, der mitreißt. „Wenn es am Ende Freude macht, haben wir viel erreicht.“

Herbert Frisch ist im Musiktheater angekommen. Eigentlich war er da schon immer. Der Begriff ist für ihn ohnehin ein Pleonasmus, ein weißer Schimmel, der Terminus „Sprechtheater“ lässt ihn erschauern. „Theater ist Musik. Auch Malerei. Theater ist alles!“, ruft Fritsch, im Intendanzzimmer auf der Couch von Frank Castorf hingegossen – ein ganzheitlicher Gedanke, der sich auch in den sprühenden Gesamtkunstwerken niederschlägt, die er auf die Bühne bringt. Schon als Schauspieler hat er sich als Musiker begriffen, mit dem Körper als Instrument. Er spielt zwar selber keins, aber er hört viel Musik. „Sie rührt mich an, hilft mir in Momenten, wo ich Ängste oder Panik hab“, sagt Fritsch. Als er noch ein Junge war, lief bei den Großeltern zum Mittagessen Klassik vom Bayerischen Rundfunk, später entflammte der junge Herbert für Elvis, noch ein wenig später für die Beatles. Zu der Zeit gewann er auch den ersten Preis seines Lebens: Er wurde „Twist-König“ an seiner Schule. Die weitere musikalische Sozialisation führte über Underground und Psychedelic zu Jazz. Und schließlich zu Klassik und Oper. Das Schöne daran, Gesang auf die Bühne zu bringen, ist für ihn, „dass man sich Dinge erlauben kann, die man nicht begründen muss. Man kann wahnwitzig werden“.

Mit dieser Maxime und Peter Eötvös’ „Drei Schwestern“ hat Fritsch unlängst sogar das konservative Zürcher Opernpublikum erobert. Davor ist er in Bremen dank Offenbachs „Banditen“ für die Operette entflammt. Der Ursprung dieses Genres nämlich, erklärt der Regisseur, „ist ein sehr radikaler, im Ausdruck anarchischer. Wo seltsame Koloraturen und blitzschnelle Duette möglich sind“. Bloß hätten die Nazis der Kunstform Operette den Stachel gezogen und das Aufrührerische genommen. Fritsch aber besann sich mit Offenbach auf den Ursprung des Unverschämten zurück – derart konsequent, dass zumindest die Lokalpresse irritiert von einer „unterleibsbetonten Inszenierung“ berichtete. „Operette ist frivol“, hält Fritsch dagegen, „die zielt stark unter die Gürtellinie, das gehört dazu.“

„Mach’s doller! Mach’s extremer!“ Das sei die Lieblingsanweisung von Fritsch, hat kürzlich der famose Musiker Ingo Günther berichtet, sein langjähriger Weggefährte und jetzt auch Leiter des „Luna“-Orchesters. Das stimme schon, bestätigt der Regisseur, sei aber einzig die Reaktion auf den herabgedimmten Geist, der am Theater herrsche: „Bloß keinen zu starken Ausdruck suchen, keine kräftigen Farben im Bühnenbild zulassen, könnte ja eine Katastrophe geben, zu Hause haben schließlich auch alle weiße Wände“, spottet er. Bei Stanislawski habe dieses Missverständnis der Verarmung schon begonnen. Fritsch erzählt von einer Übung mit Schauspielstudenten, denen der berühmte Lehrer die Riesenschritte, die großen Gesten und Grimassen austrieb. Stattdessen sollten sie lernen, „ganz normal“ über die Bühne zu gehen. „Fast verbrecherisch“ findet er das, „weil es eine Grundlust tötet“. Mit Ansagen à la „Sei doch einfach mal nur der Herbert“ wusste er selbst noch nie etwas anzufangen. Das dümmstmögliche Credo in seinen Augen: Weniger ist mehr. Sein Bekenntnis dagegen: „Lasst uns die Gesichter so stark wie möglich verzerren, die Körper so weit es geht verrenken!“

Mach’s doller!

Sein Theater sei ja gar nicht innovativ, nicht revolutionär, wird dem Regisseur Fritsch nun gelegentlich vorgeworfen. Der Punkt ist: Das hat er auch nie behauptet. „Eigentlich arbeite ich konservativ“, stellt er klar, „ich knüpfe an die 20er Jahre an, ich beschwöre den Geist der ermordeten Clowns.“ Er will auf der Bühne eben nicht den Horror ausmalen, wie es Mode ist, nicht die Angst vor Krise und Katastrophe forcieren. Wenn er sich zu Hause eine DVD anschaut, die mit einem traurigen Kind unterm Tannenbaum beginnt, dessen Raubkopierer-Vater hinter Gitter musste, ist er schon bedient. Er hält dagegen mit seinem Theater der Furchtlosigkeit und des entfesselten Frohsinns. Ein Blick in die Welt genüge doch, findet Fritsch, „um zu erkennen, wie absurd alles ist“.PATRICK WILDERMANN

Premiere 19.6., 19.30 Uhr

Auch 21., 22., 27. und 29.6.

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