Zeitung Heute : Schießen und weinen

Der Tagesspiegel

Von Patrick Goldfein,Tel Aviv

Itzik Misrachi hat seine Augen weit aufgesperrt. Aufmerksam mustert er jeden, der an seinem Gemüsestand vorübergeht. Hunderte drängen sich daran vorbei, hier auf dem Carmel-Markt im Süden Tel Avivs. Es ist Freitagnachmittag, die Menschen machen ihre letzten Einkäufe für den Sabbat. Selbst als ein Kunde nach den Preisen fragt, schaut Misrachi ihn nur kurz an und starrt dann weiter auf die Passanten vor seinem Stand. „Ich habe Angst“, sagt der hagere Mann und packt ein paar Bündel Petersilie in eine Plastiktüte. „Davor, dass sich ein Palästinenser hier mittendrin in die Luft jagt.“

Misrachi ist 50 Jahre alt. Die Marktluft hier, in der sich die Gerüche von frischem Fisch, orientalischen Gewürzen und den Kräutern aus seiner Auslage vermengen, atmet er seit 30 Jahren. Aber so schlecht wie jetzt gingen die Geschäfte noch nie. Aus Furcht vor Anschlägen meiden viele Tel Aviver zur Zeit belebte Plätze wie den Markt und kaufen stattdessen in den teuren, aber bewachten Supermärkten ein. Misrachi sagt, er verdiene 40 Prozent weniger als vor Ausbruch der Intifada. Es reiche gerade, um über die Runden zu kommen. „Wohin soll ich denn gehen?“, fragt er heiser. „Ich habe vier Kinder. Und in meinem Alter bekomme ich keinen anderen Job mehr.“

Ariel Scharon, den Misrachi nach Beginn der Intifada gewählt hat, weil er Frieden versprach, hat Israel unsicherer gemacht als je zuvor. Erst vergangenen Donnerstag kamen bei einem Anschlag in der Jerusalemer Innenstadt drei Israelis ums Leben. Misrachi ist enttäuscht von Scharon. Doch er sagt auch: „Keiner kann heute Frieden machen.“

Solange die Gewalt anhält, müssen Einzelhändler wie Itzik Misrachi Tag für Tag auch um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen. 21 000 Geschäfte gingen im letzten Jahr landesweit pleite. 2002 werden fast doppelt so viele Insolvenzen erwartet. Auch Touristen, eine der wichtigsten Einnahmequellen für Israels Wirtschaft, kommen nicht mehr. Tausende jüdischer Besucher, die für das heutige Passah-Fest erwartet wurden, bleiben lieber zu Hause. Es gibt Menschen in Israel, die sich deshalb von den Juden außerhalb des Landes im Stich gelassen fühlen. Sie glauben auch, dass man sich vom Terror nicht einschüchtern lassen darf, dass man sich seinen Alltag nicht von den Palästinensern diktieren lassen darf. Aber das ändert nichts an ihrer Angst. In Israel kann man auf dem Weg zum Briefkasten sterben, auf der eigenen Hochzeitsfeier oder beim Kuchen essen im Café.

Weil das so ist, ist der Schuhverkäufer William Hasan seit drei Wochen ein Held. Denn er zog im richtigen Moment seine Pistole. Der 46-Jährige saß im Tel Aviver Restaurant Seafood Market und aß Krebse, als ein Mann das Restaurant betrat und um sich schoss. Hasan schrie die Gäste an, sie sollten sich auf den Boden legen, zog seine Waffe und erschoss den Attentäter. Seither wird in Israel darüber diskutiert, ob auch Zivilisten bewaffnet sein sollten. „Das Glück ist eine warme Pistole“ titelte am vergangenen Wochenende die Zeitung „Ha’aretz“ über einem Artikel.

Kriegsfilme ohne Regisseur

„Unsere Kunden würden sich hier am liebsten mit einem Granatwerfer, vier Bazookas und acht Pistolen ausstatten“, sagt Amir Moran, Inhaber eines Waffengeschäfts in der Nähe des Seafood Market. Vor allem am Morgen nach Anschlägen stauen sich schon kurz nach Ladenöffnung um die 40 Kunden vor Morans Tresen. Aber nicht jeder kann eine Waffe kaufen. Um als Zivilist einen Waffenschein machen zu können, muss man einen bestimmten Beruf haben, zum Beispiel Wachmann sein oder in den besetzten Gebieten leben.

Motti Zis, ein 50-jähriger Leutnant der Reserve mit Waffenschein, hat gerade eine Pistole erstanden. Er steht in dem Laden und kann sich über den Kauf nicht so recht freuen. „Ich hasse es, dass ich mir jetzt so ein Ding kaufe“, sagt er, aber wegen der dauernden Attentate sei er überzeugt, dass er eine Waffe brauche. Zis weiß aber auch, dass sie ihm nichts nützen wird, wenn sich ein Mensch vor ihm in die Luft sprengen will.

„Der Nahostkonflikt ist wie eine dunkle Wolke, die über uns schwebt und einen ständigen Schatten auf unser Leben schickt,“ sagt der Psychologe Ori Levy. Er sitzt in einem blauen Sessel im Behandlungszimmer seiner Praxis in Haifa, einer Hafenstadt im Norden Israels. Doch mittlerweile sagen manche seiner Patienten die Sitzungen ab, weil ihnen die eigenen Probleme zu banal erscheinen.

Levy hat deutsche Vorfahren und deshalb auch einen deutschen Pass. Einige Jahre hat er in Berlin gelebt. In den letzten Wochen haben ihn viele israelische Freunde gefragt, wie denn das Leben so sei in Deutschland. Manche haben wie er deutsche Vorfahren und wollen deshalb in der Botschaft einen Antrag auf Einbürgerung stellen. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres hat sich ihre Zahl im Vergleich zu 2001 fast verdoppelt.

Aber noch sind es nur Anträge, noch bleiben die Israelis hier, gehen zur Arbeit und abends heim, sitzen vor dem Fernseher und schauen Nachrichten. Dabei sehen sie einen Kriegsfilm ohne Regisseur – keiner weiß, was als nächstes passieren wird. Sie kennen die Orte, an denen die Bomben hochgehen, und vielleicht haben sie gestern noch in einem Restaurant gegessen, das jetzt in Trümmern liegt. „Unser Land ist wie ein Schiff, das in stürmische Gewässer geraten ist. Da ist man froh, wenn man noch irgendwo einen sicheren Strand hat, an den man sich retten kann“, sagt Levy über die Israelis, die sich Pässe für die Länder ihrer Vorfahren besorgen.

Doch zumindest einen sicheren Strand, den scheint es auch noch in Israel selbst zu geben: Eilat, der Urlaubsort am Roten Meer. Hierhin ist Gadi Marcus, der als Offizier einer israelischen Spezial-Kampfeinheit im Südlibanon und in den besetzten Gebieten gedient hat, nach dem Ende seines Militärdiensts gegangen. Die Stadt an der Südspitze des Landes grenzt an Ägypten und Jordanien, und sie wurde von Krieg und Terroranschlägen bisher verschont. „Ich schaue kein Fernsehen und lese keine Zeitungen“, sagt Marcus, „ich will hier einfach nur tauchen.“ Anstelle der grünen Militäruniform trägt er jetzt einen schwarzen Neopren-Anzug . Vor wenigen Wochen noch war Marcus nördlich der palästinensischen Stadt Ramallah stationiert. Jeden Morgen stauten sich dort die Autos, hunderte Palästinenser versuchten, durch den Checkpoint in die von Israel verwaltete B-Zone zu gelangen. Marcus musste entscheiden, wer passieren darf und wer nicht. „Natürlich ist es möglich, jemanden aus Willkür nicht durchzulassen“, sagt er.

Befehlsverweigerer im Gefängnis

Der Schriftsteller Etgar Keret hat in seiner Geschichtssammlung „Gaza Blues“ das Dilemma der israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten beschrieben. „Einerseits wollen wir moralisch sein und sagen, dass unsere Soldaten schießen und dabei gleichzeitig weinen“, sagt er. „Aber in dem Moment, wo du Gebiete besetzt, die dir nicht gehören, ist es aus mit der Moral.“ Die Palästinenser hätten es da leichter. Sie kämpften für ihre Freiheit und fühlten sich daher im Recht. Doch durch die Selbstmordanschläge gegen unschuldige Zivilisten vergeben sie diesen moralischen Vorteil. „In diesem Konflikt gibt es keine Moral mehr.“ Keret schreibt seit Ausbruch der Gewalt keine fiktiven Texte mehr. „Damit erreicht man zu wenig Leute“, sagt er. Stattdessen veröffentlicht er im Internet politische Essays. Und die Kriegsdienstverweigerer unterstützt er auch.

Einige von ihnen wurden inzwischen zum Reservedienst einberufen. Wegen Befehlsverweigerung müssen sie jetzt 28 Tage in Militärgefängnissen absitzen. Vor den Fenstern ihrer Zellen demonstrieren Friedensgruppen für ihre Freilassung und für einen palästinensischen Staat. Auch Marcus, der Taucher, befürwortet den Rückzug der Armee aus den besetzten Gebieten. Aber als Offizier, sagt er, habe er seinen Soldaten beigebracht, die Palästinenser mit Respekt zu behandeln. Deshalb weiß er nicht, ob er jetzt, als Reservist, den Verweigerungsbrief unterschreiben wird. „Alle, die den Brief unterzeichnet haben, haben ein Gewissen und Moral, deshalb sollten doch gerade diese Leute dort an vorderster Front dienen.“

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