Zeitung Heute : Schimmelpilze müssen an die Luft gesetzt werden

Auch falsches Lüften kann zu Feuchtigkeit führen

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Sie verbergen sich hinter Schränken und Sofas, in Speisekammern oder auf Silikonfugen. Doch wird der Kleiderschrank abgerückt, zeigt sich in manchen Fällen ein weiß-grauer, schwarzer oder gelber Belag an den Wänden: Schimmelpilze.

Wohl jeder hat schon einmal damit zu tun gehabt – wenn nicht in der Wohnung, dann beim Aufräumen oder Renovieren des feuchten Hobbykellers. Zwar sind Schimmelpilze als Teil unserer natürlichen Umwelt normalerweise harmlos und kommen fast überall vor: auf dem Schneidebrett und dem Küchenschwamm, in der Kaffeemaschine und auf der Zahnbürste, in der Blumenerde und im Staubsauger.

Aber immer häufiger wächst der Schimmel auch auf Tapeten und Teppichen in einem Ausmaß, dass er die Gesundheit der Bewohner gefährdet. Die Gründe sind vielfältig, lassen sich aber meist auf zwei Hauptursachen zurückführen: das Verhalten der Bewohner einerseits – vor allem fehlende Kenntnis über richtiges Lüften – sowie der Zustand des Gebäudes auf der anderen Seite. „Vorschriften zum Wärmeschutz haben zu besserer Dämmung und zu dichteren Fenstern und Türen geführt“, so Klaus Sedlbauer vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik: „Eine undefinierte und meist überhöhte Lüftung zum Feuchteaustrag wie in früheren Zeiten existiert nicht mehr.“ Hinzu komme, dass durch schnelleres Bauen und früheren Einzug in Neubauten verstärkt noch Baufeuchte vorhanden sei.

In einem Dreipersonenhaushalt etwa werden durch die Wasserdampfabgabe der Personen, durch Duschen, Wäschetrocknen und Kochen sowie durch Pflanzen oder Aquarien täglich etwa sechs bis 14 Kilogramm Wasser freigesetzt, hat das Umweltbundesamt ermittelt. Um zehn Kilogramm Wasser abzuführen, müssen rund 3000 Kilogramm Luft bewegt werden. Dies bedeutet, dass der komplette Luftinhalt der Räume täglich rund sieben Mal ausgetauscht werden müsste – was nur mit einer mehrmals täglichen „Stoßlüftung“ von fünf bis 20 Minuten, bei der die Fenster weit geöffnet werden, geschehen kann. „Schon ab einer relativen Luftfeuchte von sechzig Prozent“, so Sedlbauer, „herrschen zunehmend bessere Voraussetzungen für das Gedeihen von Milben, Krankheitskeimen und Schimmelpilzen“. In einem Altbau dürften maximal fünfzig, in gut gedämmten Wohnräumen bis 55 Prozent relative Feuchtigkeit auftreten.

Aber auch Kälte-Wärmebrücken, Risse im Mauerwerk, ein undichtes Dach, Lecks an Wasserleitungen, mangelhafte Fensteranschlüsse, beschädigte oder verstopfte Dachrinnen oder der Einschluss von Feuchtigkeit hinter dichten Bauteilen begünstigt das Wachstum der Pilze. Grundvoraussetzung für eine Wohnung ohne Schimmelpilzwachstum sei die Errichtung des Gebäudes nach dem Stand der Technik mit Einhaltung der DIN-Normen, heißt es beim Umweltbundesamt.

Die Frage, ab welcher Konzentration Schimmel die Gesundheit gefährdet und beseitigt werden muss, ist nicht eindeutig zu beantworten. Die Quellen seien „hochgradig individuell, da es kaum eine gleiche Expositionssituation zweier Menschen“ gebe, so der Umweltmediziner Frank Bartram. Hauptrisiko sind allergische Reaktionen mit Bindehaut-, Hals- und Nasenreizungen sowie Husten, Kopfweh und Müdigkeit. Schimmelpilze, die Infektionen auslösen, kommen in unseren Regionen dagegen eher selten vor. Noch unzureichend erforscht ist die Frage, wann sich Pilzgifte, sogenannte Mykotoxine, bilden und welche Gesundheitsrisiken damit verbunden sind.

Zu unterscheiden sind zum einen holzzerstörende Pilze und zum anderen Pilze, die nur an Oberflächen auftreten. Oft entwickeln sie sich im Verborgenen. Ein modriger, muffiger Geruch sowie dunkle Flecken an Decken, Wänden oder Mobiliar können erste Hinweise sein. Ein Sachverständiger ermittelt dann die Belastung anhand mikrobiologischer Untersuchungen. Sinnvoll sind auch Staubproben von Teppichen, Betten oder Polstermöbeln. Zum „Erschnüffeln“ von Schimmel in Hohlräumen werden zunehmend Schimmelspürhunde eingesetzt.

Pilze auf glatten Flächen wie Glas oder geschlossenen Mobiliar-Oberflächen lassen sich mit einem normalen Haushaltsreiniger entfernen, die Stellen sind anschließend zu desinfizieren. jub

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