Zeitung Heute : Schimpfen und schwärmen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es kommt der Tag, an dem auch die glühendste Berlinerin die Stadt einmal verlassen muss. So fuhr ich am Wochenende nach Wien. Kaum angekommen, traf mich der Kulturschock schon. „Gnädige Frau“ sagte der Verkäufer im Feinkostladen zu mir – so hat mich hier noch nie jemand genannt – und dann noch einmal: Gnädige Frau, und ob die gnädige Frau denn nicht noch etwas bräuchte, Gebäck zum Beispiel, nein, man sei nur auf der Durchreise da, und zwei Minuten später noch einmal, ob die gnädige Frau denn nicht ein bisserl Käse… und immer so weiter, bis die gnädige Frau ganz ungnädig wurde und sich nach ihrer Reichelt-Verkäuferin sehnte, die keine Freundin großer Worte ist.

Am Abend in der Kneipe dann fing eine Wienerin an zu schwärmen: davon, wie „irrsinnig freundlich“ die Berliner seien, „so serviceorientiert!“, wie grantig dagegen die Wiener. Prompt trat uns ein solches Musterexemplar entgegen, in Gestalt eines Kellners, der uns wüst beschimpfte: Wir hätten unsere nassen Schuhe nicht anständig abgewischt.

So, das musste mal gesagt sein, vor allem den Münchnern, die so gern meckern über Berlin. Aber schwärmen kann ich auch von Wien. Über den Apfelstrudel zum Beispiel oder die Hochachtung, die man dort hat vor Architektur. Adolf Loos scheint fast ein Nationalheiliger zu sein. Und wenn man im neuen Museumsquartier ins Architekturzentrum geht, das regelmäßig spannende Exkursionen in die Stadt und jenseits ihrer Grenzen anbietet, und wenn man sich dort die auch für Laien anschauliche Ausstellung angesehen hat, dann landet man am Schluss fast automatisch in der Bibliothek. Und dort setzt man sich, an einem helllichten Sonntagnachmittag, ins rote Lederfauteuil, und blättert in angenehmer Gesellschaft in den neuesten Architekturzeitschriften aus Norwegen, Frankreich, England und den USA, ohne zu zahlen dafür, geht ans Regal und zieht sich – ohne Anmeldung, ohne Leserausweis – Bücher heraus, in denen man ein bisschen lesen will.

So habe ich mal bei Erich Mendelsohn nachgeschaut. Ein Baukünstler, auf den wir so stolz sein könnten wie die Wiener auf Loos, so viel Schwung hat er in die Architektur gebracht. Und an den wir uns umso heftiger erinnern sollten, da er aus Stadt und Land vertrieben wurde. Aber fragen Sie mal einen Berliner auf der Straße nach Mendelsohn. Wenn Sie Glück haben, erzählt der Ihnen was von einem Musiker. Was ja so verkehrt auch wieder nicht ist, hat doch kaum ein Architekt so musikalische Häuser gebaut. Aber sonst? Wer bringt denn wenigstens die Schaubühne mit Mendelsohn in Verbindung?

Ein öffentliches Architekturzentrum fehlt in Berlin. Dafür gibt’s die Galerie Aedes und den Bücherbogen, beide am Savignyplatz. Und die Akademie der Künste, die jetzt zum 50. Todestag an Erich Mendelsohn erinnert. Wie hat dieser mal gesagt? Die Welt sei weit und schön und jede Wiese sei die Welt. Also fahren wir demnächst in die Wiese: nach Brandenburg statt Wien.

In Luckenwalde hat die Akademie eine Ausstellung zu Mendelsohns berühmter Hutfabrik eingerichtet, Industriestr. 2, bis 15.5., Mo-Fr 14-18 Uhr, Sa/So 10-20 Uhr. Die Urania Potsdam bietet Führungen durch den Einsteinturm an, Tel. 0331/291741.

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