Zeitung Heute : Schinkel-Klause

Eisbein mit Speckstippe

Elisabeth Binder

Endlich! Die Schinkelklause hätte ich auch als Nicht-Testerin ausprobiert. Denn was braucht der Berliner mit einem reisefreudigen internationalen Freundeskreis am allerdringendsten in seinem Adressbüchlein? Richtig. Ein gutes Lokal mit deutscher Küche, das auch genauso aussieht, wie man sich draußen in der Welt Deutschland noch vorstellt, aber trotzdem ganz angenehm sein soll. Nach dieser Art von Restaurant werde ich mit am häufigsten gefragt. Und da hilft keine Ausrede, dass wir im Grunde doch alle Europäer… Und es hilft auch kein Geheimtipp, dass dieser supernette Italiener in der hippsten Gegend eine ganz große Karriere vor sich hat. Deutsch soll es sein. Und Deutsch heißt nun mal nicht „Ossobuco“, sondern Eisbein.

Kein Wunder, dass die ersten Wortfetzen, die uns entgegen wehten, reines Ostküstenamerikanisch waren. Die Schinkelstube liegt im Souterrain, ist aber ganz perfekt eingerichtet. In der Mitte große Essecken, am Rande komfortable Tische mit luxuriösen Stühlen, genau die Art von schicker Urigkeit, die man sich wünscht, wenn man good old Germany vorführen will. Es gibt Glasbilder und Skulpturen, die solche sehr erträgliche Art von Folklore noch unterstreichen.

Leider gibt es keinen offenen deutschen Sekt. Das ließe sich aber ohne größeren Aufwand ändern. Diesmal noch nicht mit amerikanischen Freunden, sondern dem vertrauten Begleiter aus Blankenese unterwegs, schummelte ich ein bisschen und trank Prosecco vorweg, aber korrekt war das natürlich nicht. Das knusprige Baguette, das wir zur Vorspeise bekamen, war zwar sehr gut, aber im Ernstfall sähe ich das auch gern durch frisches Graubrot mit einem möglichst klingenden Namen (Berliner Spreebrot) ersetzt. Vielleicht auch noch ein kleines Töpfchen Schmalz dazu. Und das englische Mineralwasser (Hildon 0,25 l 2,60 Euro) wäre durch ein Selters nicht nur stilechter, sondern womöglich auch etwas verwässerter im Preis gut ersetzt. Wenn schon, denn schon.

Man wird sowieso nicht durchgehend konsequent sein können. Die Speisekarte bietet überwiegend wirklich die Gerichte an, die in den Deutschbüchern der Welt als typisch aufgeführt werden, von Rheinischem Sauerbraten bis Königsberger Klopse. Allerdings werden auch einige vegetarische Speisen und Salate angeboten. Den sehr schönen gemischten Salat mit cremigem Schafskäse gibt es auch in einer kleinen Variante, dort ohne Ei, Kräuteroliven und Pepperoni, dafür mit Dressing nach Wahl, und der leichte korsische Akzent macht gar nichts (3 Euro).

Die dampfende Terrine mit Linsensuppe hingegen ist ein Gedicht. Wie aus Großmutters Bilderbuch, mit deftigen Knackwurstscheiben und so umfangreich, dass sie gleichzeitig Großzügigkeit signalisiert. Außerdem ist es auch urig, mit der Kelle die Suppe auszuteilen, und sei es auch nur auf einen einzigen Teller. Sie schmeckte, wie man so schön sagt, „wie bei Muttern“, und mehr kann man eigentlich nicht verlangen (3,50 Euro).

Bei den Hauptgerichten setzte sich der gute Eindruck fort. Ja, natürlich probierten wir das Eisbein mit Speckstippe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Eisbein probiert habe, aber dieses sah aus wie von Witwe Bolte persönlich gekocht. Groß und eindrucksvoll, innen wirklich zart und rosig, natürlich fettig, aber das kann man ja abschneiden. Dazu kräftiges Erbspüree, sehr schön gelungenes Weinsauerkraut und Kartoffeln (11,50 Euro). Der Drahtseilakt war wirklich gelungen: alles, was das Klischee verspricht, aber so, dass man sich nicht zu genieren braucht. Leichter und ebenfalls zart, saftig und köstlich war der Havelzander (aus Berliner Gewässern), gekonnt paniert in einer zitronigen Remoulade angerichtet mit Tomatenfilets auf sehr gutem Spinat, gute Kartoffeln (11,90 Euro). Dazu tranken wir einen Frankenwein, Schloss Castel, aus dem Jahrgang 2001, sehr vorführbar (32 Euro). Es gibt aber auch sehr ordentliche Schoppenweine, einen Dornfelder zum Beispiel für Einsteiger ins deutsche Rotweinwesen.

Die Rote Grütze zum Schluss wollten wir uns teilen und baten um zwei Löffel. Wir bekamen sie comme il faut auf zwei Tellern, ausgezeichnet, vorzüglich passend ein Stück Apfelfächer und Mandelblättchen (4,50 Euro). Nur die drei Häubchen von der Labbersahne wären verzichtbar, aber das ist wohl auch eine Geschmacksfrage. Darauf noch einen Schwarzwälder Kirsch und, ja, auch Blankenese schummelte sich mit einem doppelten Espresso statt Filterkaffee ins Finale. Insgesamt war dieser Ausflug in eine für uns eher exotische Welt doch sehr erfeulich. Schon, weil man mal wieder eine gute Antwort auf die Frage weiß, wohin, wenn John oder Dorothy kommen. Aber, wer weiß, vielleicht warten wir gar nicht so lange.

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