Zeitung Heute : Schizophrenie: Genie und Wahnsinn: Luther, Hölderlin, Newton

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Genies ragen heraus aus der Masse, wer sich aber außerhalb stellt, macht sich verdächtig. Zu allen Zeiten wurde denn auch über einen Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn spekuliert und posthum wurde so manchem großen Geist eine psychopathologische Störung attestiert. So wurde der Prophet Hesekiel mit seinen Visionen nachträglich ebenso zum Patienten wie Franz von Assissi, der den Vögeln predigte oder Martin Luther, der mehr als einmal Stimmen vernahm. Aber war zum Beispiel ein Friedrich Hölderlin tatsächlich schizophren? Oder täuschte er den Kranken nur vor, um der Vorladung in einem Hochverratsprozess zu entgehen, wie Fürsprecher glaubten?

Die lange Ahnenreihe prominenter Verwirrter wurde denn auch immer wieder benutzt, um zweierlei zu belegen. Konservative Psychiater wie Emil Kraepelin interpretierten die Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf ihre Weise, indem sie Arbeiten von Max Klinger und Richard Dehmel mit Diagnosen versahen, Beweis für die Verirrungen der Moderne. Eine Praxis, die die Nazis mit ihrem Begriff von der "entarteten Kunst" später aufgreifen sollten. Wohlmeinende Kollegen wiederum versuchten anhand der prominenten Vorbilder zu belegen, dass auch Kranke zu außergewöhnlichen Leis-tungen imstande seien.

Die bis heute umfangreichste, immer wieder ergänzte und überarbeitete Psychopathographie legte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Wilhelm Lange-Eichbaum an. Sein elfbändiges Werk "Genie, Irrsinn und Ruhm" geriet zum "Who is Who". Unter Schizophrenie-Verdacht gerieten Hölderlin, van Gogh, Tasso, Newton, Strindberg, Paniz-za. Mit affektiven Störungen zu kämpfen, hatten danach auch die Komponisten Beethoven, Mozart, Schubert, die Maler Dürer, Rembrandt, Leonardo da Vinci, die Dichter Lessing, Heine, Baudelaire - selbst Goethe findet sich auf der Liste.

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