Zeitung Heute : Schizophrenie: Woher kommen diese Stimmen?

Bas Kast

Der Film. Lukas ist 21 und zieht in die Großstadt, nach Köln, in die WG seiner Schwester. "Er hat das sichere Gefühl: Jetzt fängt das Leben an", heißt es auf der Webseite des Films "Das weiße Rauschen" (www.dasweisserauschen.de). "Das weiße Rauschen ist kein Film", steht da weiter, "es ist eine Erfahrung." Tatsächlich bringt das Regiedebüt von Hans Weingartner dem Zuschauer eine Welt nahe, die sonst verschlossen und fremd, ja unheimlich bleibt: die Innenwelt eines Schizophrenen.

Lukas stürzt sich ins Nachtleben, es gibt Partys, ein Mädchen, Drogen. Doch der Drogentrip hat fatale Folgen: Lukas beginnt, Stimmen zu hören. Stimmen, die ihn begleiten, beschimpfen, Lukas fühlt sich verfolgt, bedroht - und stürzt sich in seiner Verzweiflung aus dem Fenster. In einer Klinik stellt man die Diagnose: Schizophrenie.

Abschied von der Wirklichkeit

Die Realität. Bei dem Wort Schizophrenie ("gespaltener Geist") denken viele an Robert Louis Stevensons Geschichte "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" - "eine weit verbreitete, aber falsche Vorstellung", sagt der Schizophrenie-Experte Wolfgang Maier von der Uni-Klinik Bonn. "Ein schizophrener Patient leidet nicht darunter, dass sich sein Ich in mehrere Persönlichkeiten aufspaltet."

Bei der Schizophrenie spaltet sich die Welt im Kopf von der Wirklichkeit ab. Zum Beispiel hört ein schizophrener Mensch Stimmen, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Er fühlt sich verfolgt, entwickelt Verschwörungstheorien, die an der Realität vorbeigehen. Soziale Zusammenhänge werden nicht mehr erkannt, das Denken zerfällt. "Positive Symptome" nennen Psychologen das. Hinzu kommen die "negativen Symptome" - die Betroffenen verlieren die Motivation, sind niedergeschlagen, ziehen sich von Freunden zurück.

"Meine Mutter sagt jetzt, dass sie, als ich 18 war, eine Veränderung an mir feststellte, dass ich meinen Ehrgeiz, es zu etwas zu bringen, verlor", beschreibt ein Patient namens Ian Chovil den unscheinbaren Anfang seiner Erkrankung in einem Erfahrungsbericht, der sich im Internet nachlesen lässt (www.kompetenznetz-schizophrenie.de).

Später entwickelt der junge Mann Verschwörungstheorien: "Als der Bombenanschlag auf das Flugzeug über Lockerbie in Schottland verübt wurde, dachte ich, dies sei ein Mordversuch an mir gewesen." Er fühlt sich verfolgt von Außerirdischen, vereinsamt immer mehr.

Drogen und Stress

Einer von 100 ist mindestens einmal im Leben von einer Schizophrenie betroffen - egal, ob er in Berlin, Australien oder in einem Dorf im Dschungel von Zentralafrika wohnt. Meist bricht die Krankheit aus, wenn das Leben gerade zu beginnen scheint: im Alter zwischen 18 und 30. Die Auslöser der Krankheit sind häufig seelische Belastungen, Stress - auch Drogen können den ers-ten Schub verursachen, wie bei Lukas.

Die Aussichten. Bis zu einem Drittel der Betroffenen bekommt einen Schub - "und fünf, sechs Jahre später ist davon nichts mehr übrig, sie sind geheilt", sagt Wolfram an der Heiden, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim die Epidemiologie der Krankheit untersucht. 15 Prozent der Patienten werden von Zeit zu Zeit immer mal wieder von einem schizophrenen Schub heimgesucht, können aber ansonsten ein normales Leben führen. Bei gut der Hälfte der Menschen jedoch ist die Krankheit chronisch: Sie verschwindet nie ganz - trotz Therapie.

Schizophrenie versucht man mit Neuroleptika zu behandeln. Die Medikamente greifen in die Botenstoffe des Gehirns ein, insbesondere in den Botenstoff Dopamin. Es scheint, als herrsche im Hirn des Schizophrenen eine regelrechte Dopamin-Flut. Mit Dopamin-Blockern lässt sich die Botenstoff-Flut eindämmen - die Stimmen werden leiser, die Wahnideen treten zurück. Nicht behandeln kann man bislang die negativen Symptome. Die Antriebslosigkeit bleibt.

Hinzu kommen Psychotherapien, mit computergestützten Trainingsprogrammen versucht man, das beeinträchtigte Konzentrationvermögen zu verbessern.

Die Ursachen. Sicher ist, dass die Gene eine entscheidende Rolle spielen (siehe Grafik): Je näher die Verwandtschaft zum Kranken, desto größer das eigene Erkrankungsrisiko. Völlig unklar ist jedoch, welche Gene den Ausschlag geben - es spielen ganz offensichtlich mehrere eine Rolle.

Im "Weißen Rauschen" flüchtet Lukas vor seinen Mitmenschen - und endet schließlich an der Atlantikküste in Spanien, allein. In dem Erfahrungsbericht des Patienten Chovil heißt es: "Ich denke über meine einsame Zukunft nach... Ich werde Dinge, die andere als selbstverständlich betrachten, nie erleben. Ich werde niemals ein Auto besitzen. Ich werde niemals heiraten. Ich werde vielleicht nie mehr Urlaub machen."

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