Zeitung Heute : Schlacht um die Erinnerung

SS-Division Frundsberg: Einmal im Jahr begraben sie die Überreste von Kameraden, die bei Spremberg starben. Ein Ort und sein Erbe

Deike Diening[Spremberg]

Christian Lucia geht immer gleich mit den Särgen los, es sind besonders kleine Särge, nicht schmal wie Kindersärge, eher gestaucht. Er bezieht sie aus Kassel. Er packt einen Metalldetektor in den Kofferraum seines weinroten Golf, seine stärkste Sonde kostet Tausende Euro und reicht sechs Meter tief. Und wenn er im Wald um Spremberg Erfolg hat, also nach Piepen und Graben Gebeine findet und einen Stahlhelm zerfressen vom Leichengift, dann empfindet er hauptsächlich Freude. Lucia ist dabei, ein Schicksal zu klären. Auf seiner Karte steht „ehrenamtl. Umbetter“, Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Der Bund handelt im Auftrag der Bundesregierung. Und Lucia ist einer von zwei Umbettern in Deutschland.

Was auf diese Weise wieder an die Oberfläche kommt von der Vergangenheit, sammeln sie seit 1995 in der Spremberger Leichenhalle – und einmal im Jahr lädt der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ zum Begräbnis auf den Georgenbergfriedhof. Nicht zu spät im Jahr, denn die Gäste sind alt, und die Rücksicht verbietet das Stehen in Kälte und Regen. Die „Frundsberger“ – spätestens ein Begriff, seit Günter Grass zugab, dabeigewesen zu sein – sowie ehemalige Mitglieder der Eliteeinheit „Führerbegleitdivision“ und Wehrmachtssoldaten waren 1945 bei Spremberg eingekesselt, sie haben die legendäre „Todeswiese“ überlebt und werden doch jetzt nicht hier eine Erkältung …?

Aber am Samstag – 30 Skelette sind im letzten Jahr an die Oberfläche gekommen, auch durch den Tagebau –, da scheint die Sonne auf die frisch ausgehobenen Gräber, in jedem ruht der kleine Sarg, vor jedem liegt ein Nadelgesteck, über jedes schlägt der Pfarrer ein Kreuz, auf jedes rieselt eine Handvoll Sand. Die „Truppenkameradschaft Frundsberg“ spendet ein Gesteck aus apricotfarbenen Rosen, das Blasorchester intoniert den Trauermarsch von Händel. Ein Frundsberger salutiert. „Sehr würdig“, sagen die beiden Geistlichen später, keine „Interessengruppe“ habe sich der Veranstaltung bemächtigt. Keine Transparente, keine Parolen, bloß weniger Gäste als in den Jahren zuvor, etwa 50, „wegen der schlechten Presse“.

Spremberg ist ein Ort der deutschen Niederlage, 1945 sowieso, aber vielen ist auch unheimlich, was dort heute passiert. Über die Tage vom 16. bis zum 22. April 1945 heißt es immer, „es wurden keine Gefangenen mehr gemacht“. Die Russen, im Marsch auf Berlin, kesselten bei Spremberg die 344. Infanteriedivision, die Führerbegleitdivision und die 10. SS-Panzerdivision Frundsberg ein – oder das, was von ihnen zu diesem Zeitpunkt noch übrig war. Versprengte Truppenteile geraten durcheinander, Soldaten rennen um ihr Leben. Die Verluste auf deutscher Seite sind gewaltig, die Russen kommen besser weg. Später hört man von Verbrechen und Massakern in letzter Minute, von beiden Seiten.

Seitdem ruht die Geschichte hier nicht, der Kessel raucht noch immer. Vor zwei Jahren ist der ehemalige CDU-Bürgermeister von Spremberg, Egon Wochatz, ins Gerede geraten, als herauskam, dass er sich jedes Jahr mit SS-Veteranen auf dem Georgenbergfriedhof getroffen hatte und auch junge Rechte dabei gewesen waren. Zuletzt meldete der Schriftsteller, Träger des Nobelpreises der Literatur, der aber 1945 und 17-jährig noch ein Maschinengewehr trug, seine lückenhafte Erinnerung an die Kämpfe um Spremberg. Dafür erinnert sich an ihn aber auch keiner mehr. Jedenfalls nicht bei den paar Frundsbergern hier. Dabei gibt es hier Leute, die pflegen jedes Detail.

All diese Ereignisse, hatte man gewarnt, haben dazu geführt, dass sie empfindlich geworden sind. Sie sehen vieles anders und sich selbst gleich in die rechte Ecke gestellt. Wenn nur endlich einmal jemand ihre, also die echte Version der Geschichte erzählte, da wollten sie schon reden. Es ist eine Version, das wird am heutigen Tag noch zu erfahren sein, in der häufig das Wort Leid und so gut wie nie das Wort Schuld vorkommt. Eine Version, in der der Frontsoldat der Leidtragende ist, ein Retter und ein Verfolgter. Es geht um die letzte Ehre „für die toten Kameraden“– schließlich könnten auch sie hier liegen –, aber es geht auch um sie selbst. Ganz persönlich. Es sind ja nicht die Angehörigen der zu Bestattenden, die hier auf den Friedhof kommen, denn es kann Jahre dauern, bis die zuständige Dienststelle in Berlin sie findet. Es sind die letzten Kämpfer des Spremberger Kessels, sie sind um die achtzig Jahre alt, unter ihren Füßen knistert das erste Laub. Was tun sie hier?

„Das kann ich Ihnen sagen“, sagt einer, „ich bin hier, weil ich mir meine Jugend nicht nehmen lasse.“ Eine Jugend bei der SS-Panzerdivision Frundsberg hatte Gottfried Pönitz, 80, 19 am Ende des Krieges. „Wir sind keine Mörderbande“, sagt er, „sondern christlich erzogen.“ Verbrechen hätten sie nicht begangen, was man schon daran sehen könne, dass über Jahre Menschen aus dem nahen Kausche zum Begräbnis gekommen seien. Weil nämlich die SS-Division Frundsberg die Kauscher, flüchtende Zivilisten, auf ihre Panzer geladen und aus ihrem Ort gerettet hätten. „Wenn Hitler nicht gewesen wäre, wäre der Russe am Atlantik“, sagt einer. Werner Gierth, 79, aus Pirna, trägt ein kleines Abzeichen mit einem „F“ am Revers. „F“ für „Frundsberg“. Er möchte etwas zeigen. Er geht zu seinem Auto, klappt den Kofferraumdeckel auf, darin ein Aktenordner mit dem Deckblatt: „Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu“, abgeleitet vom SS-Motto „Unsere Ehre ist die Treue“. Darunter Kopien von seinem Bild als Sturmmann der SS, 22. Regiment, 16. Pionierkompanie, und Fotos von Veteranentreffen. Gierth zeigt auf die lachenden Menschen an karierten Tischdecken, einige sind auch heute hier, er versteht nicht, warum andere diese unschuldig Lachenden eine „Zusammenrottung“ nennen. Sieht so etwa eine Zusammenrottung aus?

Einige fahren noch zusammen zum Mittagessen nach Neupetershain. Die Niederlausitz ist ein Tagebaugebiet, durchpflügt wie die deutsche Geschichte, der Abraum lagert in Halden. In die Furchen, ökologisch tot, lassen sie später Wasser ein, die Seen bilden glatte Oberflächen und spiegeln unschuldig jeden, der hineinguckt, aber wer blickt schon bis zum Boden? Renaturierung ist auch nur ein Versuch.

Und Christian Lucia hält am Aussichtspunkt Welzow-Süd, und die Insassen der vier Autos steigen aus und blicken auf die unendliche Tagebaulandschaft. Über den Furchen aasen die Bagger, Tag und Nacht dröhnen sie wie Panzer. Die Hauptkampfhandlungen fanden hier statt. Die Männer auf der Aussichtsplattform deuten mit ausgestrecktem Arm nach vorn, nach links, Neupetershain, Spremberg rechts. Immer wieder finden die Suchtrupps der Bergbaufirmen Munition und Knochen. Die Munition zum Teil noch originalverpackt – abgeworfener, verscharrter Ballast. Zu DDR-Zeiten, als man noch nicht „darüber“ reden durfte, als man „berufliche Nachteile zu erwarten hatte“, wenn man sich um die deutschen Gefallenen kümmern wollte, da haben die Bergbaufirmen die Knochen nur in Plastiksäcke gepackt, erzählt Ruth Barnasch, Geschäftsführerin des Volksbundes, Stadtverband Spremberg.

Was genau suchen die Veteranen hier? Und dann auch noch jedes Jahr wieder? Rudi Fröhlich ist 81 Jahre alt und heute ein sanfter Mann. 1600 Mann haben die berüchtigte Todeswiese nicht überlebt, aber er, Führerbegleitdivision. Soll er deshalb zu seinen verwitweten Nachbarinnen sagen, Entschuldigung, dass ich lebe und meiner Frau hier die Tasche noch tragen kann? Der Krieg, das ist für ihn folgendes Bild: Er sieht es vor sich, wie er aus dem Wald tritt, dahinten die Anhöhe, die ist sein Ziel. Wer dort ankommt, ist durch. Und da liegen sie schon. Und rennen. Und stürzen. Und erheben sich wieder. Einschläge überall, Feuer von drei Seiten, sie werfen sich auf den Boden, sie laufen über Tote.

Fröhlichs Erinnerung ist solide. Ausgebildet am SIG, Schweres Infanteriegeschütz, er weiß genau, was ein Ladeschütze tat, nämlich auf Befehl eine Granate von 35 Kilo nehmen, meistens aus einem gefüllten Weidenkorb. Er greift neben seinem Stuhl ins Leere, als stünde der noch dort. Das Geschoss hielt einer auf den Unterarmen, der Nächste führte es in den Lauf. Der Ladeschütze sah nie das Ziel, hinter seiner Waffe blind, nahm er teil am Krieg. Aber jetzt hat er Granatensplitter im linken Fuß. Sein Maschinengewehr ist nutzlos, er hängt es in einen Baum, „irgendwo muss das noch hängen“. Er schleppt sich auf ein Fahrrad gestützt bis Calau, kommt nach Altdöbern. „Und dort“, sagt er, im Lazarett, „da bin ich zu mir selbst gekommen.“ Was er da findet bei sich, ist kein Jubel über das Ende des Krieges, keine Euphorie über das Überleben, auch keine Wut auf die Befehlshaber, sondern eine tiefe Enttäuschung: Alles war umsonst. „Was bist du eigentlich noch wert?“, hat er sich gefragt. Als ginge nicht das Leben erst los, in dem er Lehrer werden wird, Geschichte und Geografie, der Sohn bei der NVA, der Enkel bei der Bundeswehr. Die Systeme wechseln, doch immer befiehlt einer, und ein anderer gehorcht. „Das ist doch im Prinzip das Gleiche“, hatte einer auf dem Friedhof gesagt.

Die DDR war nicht der Ort, darüber zu reden. „Da war es nicht nur umsonst, sondern ein Verbrechen.“ Vor fünf, sechs Jahren hat Fröhlich von diesem jährlichen Begräbnis erfahren, er fuhr hin, er wollte endlich reden mit Leuten, die ihn verstanden. „Woanders nennt man das Selbsthilfegruppe“, sagt Fröhlich.

Ist das eine Zusammenrottung? Ist das keine? Dürfen sich ehemalige SS-Männer erinnern, an was sie wollen? Auch wenn in der DDR nicht über „ihr Leid“ geredet wurde? Müssen sie sich nicht vielmehr erinnern an Verbrechen, die in ihrem Namen geschehen sind und die sie alle nicht gesehen haben wollen? „Verbrechen gab es nur von den Russen“, hatte auf dem Friedhof einer gesagt. Und das letzte Argument: Wir waren dabei.

Man müsse sie einmal gesehen haben, sagt Christian Lucia, die Todeswiese, hier quer durch den Wald. Ihm liegt daran, dass man sie sich vorstellt, die toten Deutschen, es ist seine Sichtweise. Er rumpelt einen Waldweg lang, die Äste klopfen dumpf an den Unterboden seines Golf.

Er ist 36 Jahre alt, war Möbelpacker, ist zurzeit arbeitslos. Er, der Nachgeborene, interessiere sich so, weil er „heimatverbunden“ ist. Er hätte auch die Spuren der Germanen suchen können, nun sei es aber so gekommen. Es gibt Zeitzeugen, er kann etwas tun. Nun gut, warum aber kommen junge Leute zur Umbettungsfeier? Er selbst fände es ja auch nicht gut, für etwas gestorben und dann vergessen zu sein, sagt er. Es geht um die letzte Ehre. Welche Ehre? Als Lucia sein Buch über die Schlacht im Kessel veröffentlichte – „Von Kausche bis Ressen“, mit Augenzeugenberichten –, entsetzten sich viele über die einseitige Darstellung. Die Deutschen waren nun Opfer und Retter.

Aber da ist die Wiese, jetzt ackergefurcht, rechts ein Hochsitz, ein zweiter vorn, drei Windräder in der Flucht, im Sommer Getreide, jetzt Sonne. Lucia sieht mit geübtem Blick die Löcher im Waldboden, hier eine Stellung, dort auch, „und je tiefer die Löcher sind, desto länger lag einer darin“. Kaum 20 Meter von hier hat Lucia 1997 durch Zufall sein erstes Grab gefunden. Seitdem ist er professionell geworden, und weil er nicht „illegal im Wald herumstochern“ wollte, ist er zur Kriegsgräberfürsorge gegangen. Lucia geht nur auf Hinweise von Zeitzeugen hin los. Die erinnern sich genau an die Topografie und wo sie den, der neben ihnen kämpfte, verscharrt haben. Mit bloßen Händen holt er die Gebeine heraus, er siebt auch den Boden drumherum, und wenn er Glück hat, liegt am Ende ein Ehering im Sieb.

Christian Lucia lädt noch nach Hause ein. Über seinen Garten bläst der Wind, unterm Sonnenschirm sitzen unter anderem Rudi Fröhlich, ein Frundsberger mit Frau, Ruth Barnasch vom Volksbund, die Kinder spielen im Garten, die Frau hat gebacken, „Schnellkuchen Kirsche“.

Lucia erzählt von den Granaten, die einen Wolframkern hatten. Er liebt die technischen Details. Schlugen sie ein in einen deutschen Panzer, bohrte sich der Wolfram, härter als Eisen, durchs Material, um innen zu zersplittern. Draußen, ergänzt der Frundsberger, sah man nur ein kleines Loch. Doch die Menschen waren Mus.

Sie sitzen jetzt hier und besprechen selbstvergessen Details. Fotos machen die Runde von zerstörten Panzern, erinnert sich einer? Der Frundsberger von heute trägt Jeans und Hörgerät. Man müsste die militärischen Begriffe durch automobile ersetzen oder durch elektronische, es wäre ein Kaffeeklatsch für Männer. Es wirkt jetzt nicht verherrlichend. Die Gegenwart bringt Puderzucker, die Vergangenheit Schrot. „Unterkaliber“, erklärt Lucia, nannten sie Granaten, die ihre volle Dicke im Rohr nicht an allen Stellen ausfüllten. In die Zwischenräume haben die Russen Schrot gepackt, das das Ziel mörderisch zerfetzte. Die Russen haben nicht fair gekämpft. Das, sagt Lucia empört, ist gegen die Genfer Konventionen.

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