Zeitung Heute : Schlaf mal wieder aus!

Von Esther Kogelboom

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Ich habe von Mick Jagger geträumt. Er und Keith Richards haben versucht, mich dreist zu entführen.

Es war ein wunderschöner, milder Frühlingstag, und ich entrümpelte meinen Keller. Gerade lud ich einen Karton mit Schrott ins Auto, da hörte ich plötzlich „Sympathy for the Devil“ – in ohrenbetäubender Lautstärke. Dann kam auch schon ein schwarzer Van mit abgetönten Scheiben aus der Choriner Straße geschossen, er hielt direkt neben mir. Mick Jagger sprang heraus und versuchte, mich in den Wagen zu ziehen. In seinen längsgestreiften Röhrenjeans wirkte er ausgesprochen bedrohlich. Ich schrie und tobte, doch als auch Keith Richards an mir zu zerren begann, hatte ich keine Chance mehr.

Mit 180 Sachen heizten wir über die Autobahn Richtung Stettin. „What’s going on?“, fragte ich. „Wir sind gekommen, deine zerkratzten CDs zu rächen“, sagte Mick (akzentfreies Deutsch). „Wir können es nicht ertragen, dass du deine CDs nach dem Gebrauch nicht mehr in die richtige Hülle zurücksteckst. Dafür wirst du jetzt büßen.“ Ich dachte noch: Das ist meine Chance, endlich berühmt zu werden. Im Traum sah ich mich bereits als Stargast bei Günther Jauchs „Menschen 2007“. Dann wachte ich leider auf. Verwirrt schaute ich auf mein Handy. Es war 5 Uhr 31, als ich beschloss, meine Platten künftig besser zu behandeln.

Manche Tage fangen einfach schlecht an. Am schlimmsten finde ich, wenn Fremde einem den Weg zur Arbeit vermiesen. Gestern stand ich vor einer roten Ampel. Ein etwa 50-jähriger Mann neben mir deutete auf seinen schief gewachsenen Begleiter und sagte: „Hallo Puppe, mein Freund hier würde gerne mal mit dir ausgehen.“ Der Schiefgewachsene wandte sich verschämt ab, und während ich noch überlegte, was zu tun sei, sprang die Ampel auf Grün. Wenige Minuten später bremste mich ein Lieferwagen aus. Ich hatte versucht, zu Fuß die Straße zu überqueren. Der Fahrer kurbelte sein Fernster runter und schrie: „Du Schlampe! Verpiss dich!“ Ich wurde wütend und haute mit der Faust auf seine Kühlerhaube. Mir tut die Hand immer noch weh.

Schnell entfaltete sich die ganze Dramatik der großstädtischen Einsamkeit. Das Furchtbare am Morgen ist auch, dass man vor der Arbeit keinen Alkohol trinken kann, um sich zu betäuben. Getränke-Flatrates gibt es leider erst nach Feierabend.

Viele Leute sind sicherlich morgens frisch und stark, aber die meisten Menschen, die ich kenne, sind vormittags unglücklich, weinerlich, leicht verwundbar. Sie kriechen ans Tageslicht, noch mit einem Fuß fest im düsteren Reich der Träume, und stolpern relativ unvorbereitet in die Öffentlichkeit. Zum Beispiel in Coffeeshops, wo zu allem Überfluss meist matte Norah-Jones-Lieder gespielt werden, damit man noch schläfriger wird. (Ich glaube, wenn es keine Coffeeshops geben würde, hätte Norah Jones schon längst Pleite gemacht.)

Manchmal besuche ich morgens meine Freundin, die um die Ecke arbeitet. Sie gehört zu denjenigen, die um acht Uhr frisch und stark sind. Sie schafft es, ich weiß nicht wie, zu Hause zu frühstücken und sich ordnungsgemäß zu kleiden. Als ich ihr von meinem Traum berichtete, reichte sie mir eine Tasse Kaffee und sagte: „Das ist nur die Frühjahrsmüdigkeit. Schlaf mal wieder aus. Oder unternimm einen langen Spaziergang im Tiergarten.“

Ich kann es kaum erwarten, dass endlich Abend wird. Dann werde ich endlich erfahren, wie es weitergeht mit mir, Mick und Keith. Ich wünsche mir eine friedliche Tretbootfahrt über den Werbellinsee.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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