Zeitung Heute : Schlag auf Schlag

Peter Bihr Martin Gehlen

Mindestens drei Untersuchungsberichte dokumentieren Misshandlungen – und sprechen von einer Strategie

Von Peter Bihr

und Martin Gehlen

Ungeachtet zunehmender Hinweise auf eine systematische Misshandlung irakischer Gefangener bleiben sowohl die amerikanische wie auch britische Regierung dabei, die bisher bekannten Vorfälle seien die Verfehlungen einiger weniger Soldaten. „Die Welt wird sehen, dass das amerikanische Volk von dem Verhalten einiger, sehr weniger Leute angeekelt ist“, sagte US-Präsident George W. Bush im US-Militärrundfunk. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon erklärte im Unterhaus, über das Verhalten britischer Truppen seien insgesamt 33 Beschwerden eingegangen, von denen 15 bislang entkräftet worden seien. Im Übrigen lobte er die „exzellente Arbeit“ der Soldaten, die sich mit Mitgefühl und Takt verhielten.

Das sehen das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und Amnesty International (AI) anders. Auch der 53-seitige interne Untersuchungsbericht von US-Generalmajors Antonio Taguba zur Folterung irakischer Gefangener in Abu Ghraib durch die US-Armee stellt fest, die Gefangenen hätten dort diverse „sadistische, eklatante und mutwillige kriminelle Misshandlungen“ erlitten. Die Misshandlungen sollten demnach „die physischen und seelischen Bedingungen für eine günstige Befragung der Zeugen“ schaffen.

Die Geschäftsführerin von AI in Deutschland, Barbara Lochbihler, warf den USA und Großbritannien die „Verharmlosung“ von Folter und Misshandlungen vor. Seit mehr als zwei Jahren konfrontiere AI die Regierungen beider Länder „mit Folter und Misshandlungen" in Afghanistan und Irak, sagte sie. Wenn Washington dennoch weiterhin auf Einzelfälle verweise, sei dies „unverantwortlich“. Amnesty könne belegen, dass Gefangene gedemütigt und geschlagen würden. Es gebe „Scheinandrohungen von Hinrichtungen“ und Elektroschocks. Die Organisation forderte unabhängige Untersuchungen, zusätzlich zu den Ermittlungen des Militärs. Es müsse jederzeit möglich sein, dass Vertreter der UN oder von Menschenrechtsorganisationen präventiv in Haftanstalten gehen könnten. Der IKRK-Bericht erklärt, Misshandlungen von Gefangenen habe es nicht nur in Ausnahmefällen gegeben, sondern „müssen angesehen werden als eine von den Koalitionstruppen tolerierte Praxis". Im Übrigen hätten die Koalitionstruppen zwischen 70 und 90 Prozent aller Gefangenen irrtümlich verhaftet und ins Gefängnis geworfen.

Alle drei Untersuchungsberichte enthalten als Belege eine Fülle von detallierten Vorwürfen sowohl gegen die amerikanische wie auch gegen die britische Armee. So hätten britische Soldaten nach Angaben des IKRK am 13. September 2003 in Basra neun Männer in einem Hotel festgenommen und misshandelt. Die Männer seien gezwungen worden, gefesselt niederzuknien und – wie bei der islamischen Gebetshaltung – mit dem Kopf den Boden zu berühren. Immer wenn einer den Kopf hob, traten ihm die Soldaten in den Nacken. Ein 28-jähriger Familienvater, der nach Zeugenberichten laut um Hilfe schrie, sei an den Verletzungen gestorben.

Amnesty International wirft den britischen Besatzungstruppen vor, sie hätten ohne Not Zivilisten getötet. Seit dem Ende der Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 seien britische Soldaten an der Tötung von 37 Zivilisten beteiligt gewesen. Die britischen Soldaten verletzten im Irak Recht und Gesetz. In dem Amnesty-Bericht werden neun Fälle in den südirakischen Gebieten um Basra und Amara genauer beleuchtet, darunter der Fall des Mädchens Hanan Saleh Matrud. Sie wurde am 21. August in der Nähe ihres Dorfes erschossen. Augenzeugen berichteten Amnesty zufolge, ein Soldat habe aus 60 Metern Entfernung auf die Achtjährige gezielt und dann abgedrückt. Die Armee erklärte, das Mädchen sei aus Versehen durch einen Warnschuss getötet worden. Amnesty berichtete auch über den Tod von Ghanem Kadhem Kati. Er sei vor seinem Haus erschossen worden, in dem gerade eine Familienhochzeit stattgefunden habe.

Sofern es Untersuchungen gegeben habe, seien diese unter größter Geheimhaltung geschehen und hätten keine Rücksicht auf die Interessen der Angehörigen genommen. „Die Reaktion der britischen Armee auf die unrechtmäßige Tötung von Zivilisten hat die Rechtsstaatlichkeit untergraben statt sie aufrechtzuerhalten“, stellte Amnesty fest.

Die US-Militärermittler wiederum dokumentierten zahlreiche Foltermethoden. So wurden irakische Gefangene vielfach nackt fotografiert, zu sexuellen Handlungen gezwungen und dabei verhöhnt. Unter anderem mussten sie vor den Kameras masturbieren oder Oralsex simulieren, männliche Insassen wurden zum Tragen von Frauenunterwäsche gezwungen. Ein US-Militärpolizist vergewaltigte eine irakische Gefangene und ein Gefangener wurde mit einer Neonröhre missbraucht, wahrscheinlich auch mit einem Besenstiel.

Die Berichte im Internet

http://www.usawatch.org/iraq/prison/icrc-prisoner-report-feb-2004.pdf

http://www.npr.org/iraq/2004/prison_abuse_report.pdf

http://www.amnesty.org

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