Zeitung Heute : Schlaganfall-Patient wartete acht Stunden auf Behandlung

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Lebensbedrohlich sollte der Zustand schon sein. Andernfalls kann eine Einweisung ins Krankenhaus für Patienten zur Odyssee werden. Wie beispielsweise bei Gerhard S. Der 79-Jährige war nach einem leichten Schlaganfall auf einem Auge erblindet. Mehr als acht Stunden vergingen, bevor dem Mann ein Bett zugewiesen werden konnte. Die Regel sei dies nicht, heißt es in der Notaufnahme der Charité. „Aber das kommt leider vor.“

Genau genommen hatte die Geschichte bereits am Morgen bei der Augenärztin von Gerhard S. begonnen. Statt den Mann umgehend einzuweisen, schickte sie ihn nach Hause. Nachdem der Sohn des 79-Jährigen am Nachmittag mit einem befreundeten Arzt telefoniert hatte, brachte er seinen Vater ins Krankenhaus. Gegen 17.45 Uhr trafen die beiden in der Notaufnahme der Charité ein, wo sie erklärten, Gerhard S. habe vermutlich einen Schlaganfall erlitten. Anschließend mussten sie in einer mit einem Vorhang abgetrennten Kabine dreieinhalb Stunden warten, ehe ein Facharzt zur Untersuchung erschien. „Eine Frau nebenan hatte schon seit zehn Stunden in ihrer Kabine gesessen“, sagt der Sohn.

Die Diagnose des Arztes klang eindeutig: kleiner Schlaganfall. Der Patient gehöre ins Krankenhaus, müsse so bald wie möglich an den Tropf und blutverdünnende Mittel erhalten. Leider habe man aber in der Charié kein Bett mehr frei. Etwa 20 Minuten telefonierte der Arzt mit anderen Krankenhäusern, dann schickte er den Patienten ins Virchow-Klinikum. Statt lange auf einen Krankentransport zu warten, setzte der Sohn seinen Vater ins Auto. Es war Mitternacht, als sie die Weddinger Klinik erreichten.

Wieder dieselbe Prozedur: Formulare ausfüllen. Warten. Gegen 1.30 Uhr kam der Arzt zum selben Befund wie Stunden zuvor sein Kollege. Auch er bedauerte sehr: Man habe im Virchow ebenfalls kein Bett mehr frei. Der Arzt empfahl dem Patienten es doch in seinem „Heimatkrankenhaus“, also in Lichtenberg, zu versuchen. „Ich stand kurz davor, zum Attentäter zu werden“, sagt der Sohn. Er muss im Krankenhaus recht deutlich geworden sein, jedenfalls zeigte man sich dort schließlich kooperativ: Gegen zwei Uhr bekam der Patient Infusionen und ein Bett, auch wenn er die Nacht auf dem Flur verbringen musste.

Dass es in Berlin zu viele Krankenhausbetten gibt, scheint zumindest für die Charité und Virchow-Klinikum nicht zuzutreffen. Jedenfalls gilt es hier als keine große Ausnahme, dass Patienten abgewiesen werden müssen. In der Regel seien 95 Prozent der Betten belegt, so der Ärztliche Direktor. „Es gibt Situationen, in denen unsere Überwachungsbereiche voll sind“, sagt Manfred Dietel. Normalerweise organisierten die Ärzte in diesen Fällen eine Überweisung. Dass der Patient dann aber im Virchow wieder nicht aufgenommen werden konnte, sei offenbar eine interne Panne. „Da hat die Kommunikation nicht funktioniert.“

Auf lange Wartezeiten muss man sich in der Notaufnahme der Charité aber offenbar grundsätzlich einrichten. „Hier ist abends der Teufel los“, sagt ein Arzt. Die Behandlung von Patienten, die besser am nächsten Morgen beim Facharzt aufgehoben wären, verursache fast täglich einen Stau. „Die haben drei Wochen lang Halsschmerzen und kommen abends zu uns.“ Zuweilen würden in der Notaufnahme der Charité an einem Abend 120 Patienten betreut. „Lebensbedrohte Notfälle werden sofort versorgt“, sagt der Arzt. Für alle anderen heiße es aber: warten.

Gerhard S. bekam am nächsten Morgen im Virchow-Klinikum ein Zimmer und das volle Programm: Röntgen der Augen, Computertomographie... Die Sehkraft von Gerhard S. hat sich nach Angaben des Sohnes durch die Behandlung wieder leicht verbessert. „Wäre er bereits am Dienstagmorgen behandelt worden, hätten die Heilungschancen sicher noch besser gestanden.“

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