Zeitung Heute : Schlager-Grand-Prix: Auftritt der Anständigen

Harald Martenstein

Huuuh, der Wind, wie grauslig und klamm er durch die öden Expo-Gassen pfeift! Einige Gebäude sind abgerissen, andere sehen traurig aus. Wenn die Expo ein Lied wäre, dann hieße es "The wind cries Mary", Interpret: Jimi Hendrix. Aber in der Preussag-Arena brennt Licht, zwölf Tonkünstler probieren für die Vorentscheidung des Grand Prix de la Chanson, ein Lied für Kopenhagen, heute Abend, ARD. Wieder einmal, wie zur Expo-Zeit, ist Hannover die Stadt, in der Deutschlands umstrittenste Veranstaltung stattfindet.

Im Saal sitzt Rudolph Moshammer, der Schneider von München, und hört sich Joy Fleming an. Ist sie nicht ein Mythos? Joy Fleming hat 1975 schon mal die Ausscheidung gewonnen. Dann wurde sie international nur Drittletzte, jetzt will sie Revanche. Womöglich gewinnt sie, ihr Lied ist hübsch, singen kann sie auch. Sie lebt in Heilbronn und startet mit Lesley (21) und Brigitte (34) für die Schweiz. Die Schweiz darf international nicht mehr teilnehmen, weil sie immer so furchtbar schlecht war. Da haben die Deutschen der Schweiz einen Gastplatz angeboten, und die topmodernen Schweizer haben das Lied per Internet-Abstimmung ermitteln lassen. Dabei ist Joy Fleming herausgekommen. Vielleicht gewinnt sie auch nicht, denn ihre Partnerin Brigitte hat in Hannover einen Autounfall gehabt, im Taxi, Totalschaden, Trauma, und wirkt ein bisschen indisponiert.

Moshammer ruft: "Bravo!" Er gewinnt bestimmt nicht. Moshammers Song besteht hauptsächlich aus Sprechgesang und den Worten: "Hier kommt der König der Welt." Hinter ihm steht eine Frau, die eine Weltkugel tragen soll, welche aber ständig runterfällt. Am Ende werden die Hände der Frau und die Weltkugel dick mit Klebeband verpackt. Seine Erlöse will Moshammer für Obdachlose stiften, und bei der Pressekonferenz verkündet er seine Botschaft: "Die Spaßgesellschaft muss umdenken." Mosi ist einer von den Guten. In den Probepausen fährt er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daisy in den Botanischen Garten, dort blüht eine Orchidee, die seinen Namen trägt. Ein Team des Bayerischen Rundfunks weicht nicht von seiner Seite. Was soll daran schlecht sein?

Seit Wochen ist es vor allem die "Bild"-Zeitung, die den Grand Prix verunglimpft. "Nackte und Betrunkene wollen für Deutschland singen!" Künstler kommen zu Wort, die früher beim Grand Prix Triumphe feierten, heute aber längst nicht mehr, und die deswegen der Ansicht sind, dass es früher besser gewesen ist als heute. Udo Jürgens zum Beispiel, aber auch Guildo Horn, der immerzu sagt: "Ich habe das nicht gewollt." Dieter Thomas Heck findet: "Das müsste man verbieten." Es ist alles aber nur ein Spiel. Tatsache ist, dass Mitte der neunziger Jahre kein Hahn mehr nach dem Grand Prix gekräht hat. Dann wurden die Regeln geändert. Die Expertenjury wurde abgeschafft, jetzt zählen nur noch die Stimmen des Publikums. Seit Musikexperten beim Grand Prix nichts mehr zu sagen haben, geht es bergauf. Sogar eine bosnische Internetseite kommt zu dem - anerkennenden - Ergebnis, es handele sich um eine der interessantesten Freakshows.

In diesem Jahr geht es also darum, ob der klassische deutsche Schlager die Scharte auswetzen kann, die ihm Guildo Horn und Stefan Raab zugefügt haben. Schlägt das Establishment endlich zurück? Die Hoffnungen der Schlagerfreunde ruhen vor allem auf Michelle. Michelle ist in den Internet-Meinungsumfragen die Nummer eins, ihre Stimme klingt allerdings stark nach Daisy Duck. Die Ersatzhoffnung heißt Andy Jonas, Enkelsohn von Rudi Schuricke, der in den 40er Jahren - schwere Zeit - die "Caprifischer" gesungen hat. Andy und die "Tagträumer" sind die Kandidaten von Sony, Abteilung "Kuschelrock" - die gibt es wirklich! - und ihr Text geht so: "Ich will verstehen, was du fühlst." Die Reklame für die Berliner "B.Z." klingt ähnlich, nicht wahr.

In ihren Interviews sagt Michelle, dass sie eine schlimme Jugend hatte, reichlich Geschwister, Alkohol, Schläge, außerdem hat sie selber etliche kleine Kinder und wurde gerade vom Matthias Reim verlassen. "Klar, jeder will sie jetzt beschützen", sagt ein Kollege aus Süddeutschland, "außerdem, hast du mal auf ihr Dekolleté geachtet?" 400 Journalisten sind in Hannover akkreditiert, und weil das sittliche Niveau der Künstler so hoch ist, hat jede Redaktion ihre verkommensten Subjekte geschickt.

DJ Balloon ist ein sehr dicker Mann, über den das Gerücht kursiert, er sei früher eine Frau gewesen. Bekannt wurde er mit dem Song "Pussylovers". In Hannover trägt DJ Balloon eine Rüstung, seine Begleitung besteht aus einem zahmen Puma und vier Mädchen, die relativ wenig anhaben. Aber DJ Balloons eigentlicher Trumpf heißt Steffen Grossmann (37) und spielt in seiner Band. Steffen Grossmann ist ein waschechter Epileptiker und hat sogar einen Schwerbehinderten-Ausweis. "Bild" fragt: "Darf man einen Behinderten vor einem Millionen-Publikum auftreten lassen?" und lässt den Präsidenten des Behindertenverbandes die Antwort geben: "Wenn Grossi selbst Spaß an dem Auftritt hat, ist seine Teilnahme eine gute Sache für alle Behinderten."

Es ist der Aufstand der Anständigen, vertont. Fast jeder in Hannover kämpft für eine bessere Welt, jeder auf seine Art. Die Mitglieder von Illegal 2001 zum Beispiel sehen so aus wie Joschka Fischer, bevor er Minister wurde, und in ihren Liedern, erklärt ihr Pressesprecher, "geht es um gesellschaftliche Vorurteile". Gemeint ist vor allem die Diskriminierung der Trinker. Ihre Songs heißen "Wir trinken gern" und "Dosenbier macht schlau", das Lied für Hannover beginnt mit den Zeilen: "Gibt es einen Drink auf dieser Erde, den Harald Juhnke noch nicht kennt?" Wegen einiger Zeilen über mögliche sexuelle Gewohnheiten des Papstes hat die deutsche Bischofskonferenz gegen den Auftritt von Illegal 2001 protestiert. Während des Auftritts sollen die Kameras auf Guildo Horn zoomen, den Paten aller Freaks, der im Saal sitzt. Auch bei den Proben hängt Horn schon rum, er arbeitet als Internet-Reporter für "T online".

Auch Ralph Siegel, die "Mir" des deutschen Schlagers, trudelt unstet durch die Preussag-Arena. Er hält Händchen mit der lustigen Lou, die eines der beiden Siegel-Lieder dieses Jahres singt. Die lustige Lou hat karottenrote Haare, bei ihrem Auftritt stehen hinter ihr zwei schwarze Trommler, die Hemden in der Farbe ihrer Haare tragen. 1965 wäre das Lied wahrscheinlich ein Hit geworden, aber heute? In den letzten Jahren war er ein schlechter Verlierer, wie Berti Vogts im Fußball, jetzt lobt er Stefan Raab und Guildo Horn, aber nur, um seine diesjährigen Rivalen um so schärfer zu schmähen. Sein zweites Eisen im Feuer sind die "German Tenors", die drei deutschen Tenöre, die aus einem Polen, einem Chilenen und einem Deutschen bestehen und mit italienischem Akzent singen. Auf die Frage, worauf in seiner Karriere er am meisten stolz sei, erwähnt Ralph Siegel gern die sechs oder zehn Punkte, die eines seiner Lieder einmal aus Israel bekommen hat. Zwischen Deutschen und Juden wäre in der Geschichte gewiss manches besser gelaufen, wenn es mehr von Ralph Siegels Sorte gäbe.

Vielleicht sollte man Zlatko interviewen. Erstaunlich, dass er sich so lange gehalten hat. Irgendwas hat er. Genau - er hat sich jetzt das Bauchfett absaugen lassen. Der süddeutsche Kollege hat ein Interview bekommen, er berichtet, dass Zlatko auf dem Bett gelegen hat, dass zwei albanische Disco-Türsteher aus Heidenheim dabei gewesen seien und dass man jeden Moment denkt, dass man eins in die Fresse gehauen kriegt. Gerade deshalb sei der Typ okay. Zlatko ist in Hannover so ziemlich der Einzige, der einem nicht auf die moralische Tour kommt.

"Love Rocket" wären sicher so ähnlich gewesen, die drei Frauen, die sich zum Refrain "Ich bin die geile Kleine gegen Langeweile" ausziehen wollten und vom NDR disqualifiziert wurden. Letztes Jahr hatten die Männer von "Knorkator" angekündigt, dass sie auf der Bühne onanieren würden, und wurden nicht disqualifiziert. Darauf angesprochen, erklärte ein Mitarbeiter des NDR: "Die konnten doch nicht in drei Minuten ein Lied singen und dazu gleichzeitig onanieren. Das war doch klar, dass die das nicht schaffen. Ausziehen in drei Minuten, das geht." Ziemlich frauenfeindlich, oder? Wie Moshammer schon sagt - die Spaßgesellschaft muss umdenken.

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