Zeitung Heute : Schlange vorm Paradies Die Straßenhändler an der Botschaft in Kiew

Florian Kellermann[Kiew]

Die Frau fragt die Passanten in der Slatoustiwska-Straße in Kiew so selbstbewusst, als wäre sie eine Angestellte der deutschen Botschaft. „Sie möchten ein Visum beantragen?“ Dicke Pelzjacke, Goldzähne, sie hält einen Stapel Papier in der Hand – die offiziellen Antragsformulare der Visa-Stelle in der Ukraine. Natürlich gebe es auch drüben im weißen Barackenbau, direkt bei den Deutschen, Formulare, sagt sie. Trotzdem rät sie dringend dazu, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Botschaft gebe nur unvollständige Auskunft darüber, welche Dokumente gebraucht werden. „Und das Formular richtig auszufüllen, ist nicht einfach.“

Natalja Lazarewa hat ein Geschäft aufgebaut, für das sie hier zwischen den Abrisshäusern der Slatoustiwska-Straße gerne friert: Bis zu 50 Dollar verlangt sie für eine Beratung. Und das, obwohl ein Schild an der Visa-Baracke unmissverständlich erklärt: Die Einschaltung eines kostenpflichtigen Schreibbüros ist nicht notwendig. In Schaukästen hängt außerdem das Musterexemplar eines ordentlich ausgefüllten Visumformulars. Die goldenen Zeiten allerdings sind vorbei.

„Damals, vor fünf Jahren, haben hier so viele Menschen ein Visum beantragt, dass die Schlangen Hunderte von Metern lang waren“, sagt sie. Manche Leute hätten sogar hier übernachtet. Denn damals galt der so genannte Volmer-Erlass, der die deutschen Botschaften und Konsulate zu einer nur oberflächlichen Prüfung der Antragsteller anwies.

Ja, sie habe damals das Doppelte im Monat verdient, sagt Natalja Lazarewa. Sie geht ein Stück mit in Richtung Visa-Baracke, vorbei an den Schuppen, in denen untergebracht sind: ein Studio für Passfotos, Gepäckaufbewahrungsstellen, Büros für Reiseschutzversicherungen und Vertretungen von Busgesellschaften. Auch einen Imbissstand gibt es.

Lazarewa kennt alle, die vor der Visa- Stelle ihr Geld verdienen. Mit der Toilettenfrau Ludmilla wechselt sie ein paar Worte, die sich heftig über den Mangel an Kunden beklagt. Bald werde ihr die Stelle gestrichen, sagt die 60-Jährige, dann habe sie nur noch ihre Rente. „Es ist auch menschlich unbefriedigend, keine Kunden zu haben“, sagt Ludmilla. Sie komme sich nutzlos vor. Ihre drei blauen Häuschen seien übrigens deutsche Baustellentoiletten, sagt sie.

Die goldenen Zeiten bis vor zwei Jahren – seitdem prüft die Botschaft wieder alles sehr genau –, an die erinnert sich auch der Taxifahrer Sergej, der aus seinem 22 Jahre alten Wolga ausgestiegen und zum Imbissstand gekommen ist. Damals habe er die Kunden direkt von hier zum 60 Kilometer entfernten Flughafen gefahren, erzählt er. „Die hatten den Flug schon gebucht, so sicher sind die damals gewesen, dass sie das Visum bekommen.“ Inzwischen sind solche Großaufträge selten.

Natalja Lazarewa, die Toilettenfrau Ludmilla, der Taxifahrer Sergej, sie alle sind enttäuscht von der deutschen Botschaft. Der Volmer-Erlass ist längst aufgehoben, seit 2003 gelten wieder die alten, restriktiven Regeln. Jeder Antragsteller muss persönlich erscheinen, eine Einladung aus Deutschland und eine so genannte Verpflichtungserklärung mitbringen. In der Erklärung garantiert ein in Deutschland Wohnhafter, dass er zum Beispiel für eventuelle Abschiebungskosten aufkommt.

Natalja, Ludmilla und Sergej haben aber auch eine neue Hoffnung: Der Präsident der Ukraine, Viktor Juschtschenko, will Arbeitsplätze schaffen und die Renten erhöhen. Dann müsse kein Ukrainer mehr zum Arbeiten nach Deutschland fahren, sagt Sergej.

„Wir Ukrainer und ihr Deutschen, wir werden uns einmal von gleich zu gleich in die Augen schauen“, sagt er.

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