Zeitung Heute : Schlau geschenkt

Die Firmenkassen sind leer, aber Weihnachten wird wieder gefeiert. Steuerfreibeträge erleichtern Arbeitgebern die Rückkehr zu alten Ritualen

Regina-C. Henkel

„Wir machen Weihnachten für Sie & Ihre Mitarbeiter zu einer unvergesslichen Feier“, verspricht die Dresdner Compact Creation GmbH. Doch die Offerte kommt zur falschen Zeit. Ein „Spektakel in einer Welt voll Zauberei & Phantasie“ oder auch ein „kulturelles Weihnachtsspecial“ für die Belegschaft korrespondiert im Dezember 2003 weder mit der Kassenlage der Unternehmen noch mit der Stimmung in den Abteilungen.

Schlecht für Jungunternehmerinnen wie Jana Keßler (27), die sich vor einem Jahr mit der Compact Creation GmbH selbstständig gemacht hat und derzeit fünf freie Mitarbeiter beschäftigt. Denn die Arbeitgeber trauen den ersten Anzeichen für einen Aufschwung noch nicht recht und setzen weiter auf Sparkurs. Dabei machen sie aus der Not eine Tugend und laden zur Weihnachtsfeier statt einen als Knecht Rupprecht verkleideten Alleinunterhalter lieber das Finanzamt mit ein. Denn bestimmte Zuwendungen und Geschenke an Mitarbeiter und Geschäftspartner sind abzugsfähig (siehe Kasten).

Für die nicht mehr ganz so üppig Beschenkten ist das nicht einmal ein Problem. Die „üblichen Firmenweihnachtskarten“ lösten bereits im vergangenen Jahr nur noch bei fünf Prozent der Arbeitnehmer wirkliche Freude aus. Laut einer Umfrage des Internet-Karrieredienstleisters Monster hielt sich im vergangenen Jahr auch die Begeisterung für betriebliche Weihnachtsfeiern eher in Grenzen (18 Prozent positive Nennungen).

Doch diese Einstellung könnte sich ändern. Zum einen erlebt die Institution Weihnachtsfeier in den USA in diesem Jahr einen ausgesprochenen Boom. Nach Erhebungen des Personaldienstleisters Hewitt laden in der Heimat von Santa Claus wieder 68 Prozent der Betriebe zu einer „Xmas-Party“ ein – und waren die Amerikaner nicht immer schon Trendsetter in der Personalführung? Zum anderen haben die Arbeitgeber dazu gelernt. Beim Immobilienberatungsunternehmen Jones Lang Lasalle in Berlin beispielsweise sind Weihnachtsfeiern eigentlich dem Sparzwang geopfert worden. Doch International Director Gert Lorenz sagt: „In den zurückliegenden zwei Jahren haben sich alle so ins Zeug gelegt, dass das eine gemeinsame Feier mehr als rechtfertigt.“

Der Essener Flachglas-Hersteller Pilkington AG beteiligt sich ebenfalls mit zehn Euro pro Mitarbeiter an einer Adentsfeier im Betrieb. Doch deutlich mehr wertgeschätzt werden die mit Empfängernamen versehenen Jahreskalender. Frank T. Passmann, Commercial Director bei der Pilkington AG, hat solche Terminplaner für alle Mitarbeiter bedrucken lassen. Seine Überzeugung: „Jeder hört und liest seinen eigenen Namen doch am liebsten.“

Dass unpersönliche Kalender-, Wein- und Spirituosenpräsente für Mitarbeiter und Schlüsselkunden nach wie vor eine Spitzenstellung unter den Weihnachtsgeschenken einnehmen, wundert Pakize Schuchert-Güler. Die 36-jährige Habilitantin am Institut für Marketing der FU Berlin sagt: „Über die dritte Flasche Wein freut man sich nicht mehr unbedingt.“ Kostenkontrolle, Effizienz und Motivation seien heute die wichtigsten Vokabeln im Zusammenhang mit Geschenken – auch und gerade in der Weihnachtszeit. Zuwendung in Top-Unternehmen würden nicht mehr unter dem Aspekt der netten Geste gesehen, sondern als strategisches Instrument der Personalentwicklung oder der langfristigen Kundenbindung.

Massenware dürfte deshalb eigentlich kein Unternehmen mehr verschicken, denn: „Wer billige Werbeartikel ohne Bezug zum Unternehmen verschickt“, berichtet Thomas Herriger, Chef der Solinger Praesenta Promotion International GmbH, „schadet seinem Branding.“ Sein Unternehmen verschickt deshalb im Kundenauftrag ausschließlich Markenprodukte. Die Mobilfunkfirma Vodafone etwa hat einige Tausend Designer-Taschenschirme mit Firmenschriftzug versehen lassen. Ob dieser Schutz vor Wetterkapriolen für bessere Laune sorgt als ein kostümierter Engel auf einer Weihnachtsfeier von Jungunternehmerin Jana Keßler?

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