Zeitung Heute : Schlaue Brillen und starke Arme

Moderne Technik hilft älteren Menschen im Alltag. In Japan sind bereits erste Pflegeroboter im Einsatz

 Tong-Jin Smith

Die Gesellschaft verändert sich drastisch, die Weltbevölkerung wird immer älter. Doch was bedeutet das für die künftige Entwicklung von Technik und Dienstleistungen? Welche Innovationen sind zu erwarten? Seit über zehn Jahren unterstützt die Senior Research Group (SRG) an der Technischen Universität (TU) Berlin Industrie und Forschung bei der Entwicklung von Produkten, die sich älteren und beeinträchtigten Menschen intuitiv erschließen. Dabei entstehen mit den rund zwanzig Senioren der Forschungsgruppe zum Beispiel Konzepte für generationenübergreifende Alltagsprodukte wie Handys oder Fernbedienungen.

Gemeinsam mit Partnern aus der Industrie erarbeiten die TU-Senioren Produkte bis zur Marktreife. „Viele Entwickler von Produkten für Ältere entwerfen Fabrikate, die aussehen wie im Sanitätshaus. Aber die will heute keiner mehr“, sagt Sebastian Glende, wissenschaftlicher Mitarbeiter der SRG. Die meisten Menschen über 55 seien gar nicht so krank oder behindert, dass sie zum Beispiel ein Handy mit riesigen Tasten bräuchten – nur eben gut erkennbare. „Solange ältere Menschen aktiv sind, versuchen sie offensichtliche Seniorenprodukte zu vermeiden. Dennoch freuen sie sich über sinnvolle, logische und einfach zu bedienende Funktionen – wie ich mich übrigens auch“, so Glende.

Neben der Optimierung von Alltagsprodukten prognostizieren Experten in Zukunft vor allem den wachsenden Einsatz von Hilfstechniken – zum Beispiel die Robotik. Sven Wachsmuth von der Universität Bielefeld identifiziert Bereiche, in denen sie eingesetzt werden könnte: etwa als Assistenztechnologie, die Demenzpatienten hilft, bestimmte Körperfunktionen aufrechtzuhalten. Auch seien Anwendungen im Bereich Gedächtnisunterstützung denkbar, etwa eine Brille, die Gesichter erkennt und den Namen dazu auf dem Brillenglasdisplay einblendet. Im Bereich der Sicherheit seien zum Beispiel intelligente Kameras oder Sensoren möglich, die erkennen, wenn jemand auf dem Boden liegt. In der Mobilität seien Roboterfahrzeuge oder Rollstühle in der Entwicklung, die die Bodenbeschaffenheit erkennen und bei der Steuerung helfen.

Intuitive Bedienbarkeit sei dabei ein Muss, meint Wachsmuth. „Die Interaktion mit der Technik muss so natürlich sein wie mit der normalen Umgebung.“ Gerade deshalb seien viele robotische Anwendungen noch Zukunftsmusik. „Sie funktionieren in einer normierten Umgebung gut. Aber für den Alltagseinsatz außerhalb des Labors reicht es oft noch nicht“, sagt der Ingenieur. Vor allem in der Kommunikation hapere es noch. „Man will ja auch sicher sein, dass der Roboter einen verstanden hat, will es in seiner Gestik oder Mimik lesen können.“ Es werde erst dann eine Akzeptanz für Roboter im Alltag geben, wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine transparent sei. Bis dahin sei es noch ein langer Weg.

In Japan, wo heute schon 25 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt ist, gibt es hingegen bereits Roboter, die in der Altenpflege helfen und ältere Menschen die Bewältigung ihres Alltags erleichtern. So hilft etwa im Katsura-ryo Altenheim seit über fünf Jahren eine von Sanyo entwickelte „Waschmaschine“ bei der Körperpflege. Die robotische Badewanne schließt sich wie eine Muschel um die im Rollstuhl sitzenden Heimbewohner und wäscht sie automatisch. „Unsere Bewohner mögen das, weil sie bei der Wäsche warm gehalten werden. Außerdem können sie alleine baden und ihre Privatsphäre wahren“, sagt Heimleiterin Yukiko Sato. Für das Personal bedeute das eine Arbeitserleichterung und vor allem Zeitersparnis.

Auch als Alltagshilfe sind Roboter in Japan im Einsatz. So gibt es beispielsweise eine Maschine, die bei Bettlägerigen die Windeln wechselt und den Patienten reinigt. Die japanische Elektronikfirma Cyberdyne stellte kürzlich ein robotisches Skelett namens HAL vor, das über Sensoren auf der Haut Nervenimpulse wahrnimmt und Patienten hilft, sich zu bewegen. HAL kann seinen Träger bis zu zehn Mal stärker machen. Bei einer Präsentation im Sommer ließ er einen fragilen älteren Herrn zum ersten Mal seit zwei Jahren laufen. „Ich war überrascht“, gibt Yoshiyuki Sankai, Geschäftsführer von Cyberdyne, zu. „Ich habe erwartet, dass er aufsteht, aber nicht dass er gehen würde.“

Mit dem Pflegeroboter „Riba“ geht die Biotechnikfirma Riken noch einen Schritt weiter. 2007 präsentierte sie einen ersten Prototyp namens „Ri-Man“, der Personen bis zu 40 Kilogramm sanft heben und absetzen konnte. Jetzt wird er vom teddybärgesichtigen „Riba“ abgelöst, der stärker und geschickter als sein Vorgänger ist. Toshiharu Mukai, Entwicklungsingenieur bei Riken, hofft, dass „Riba“ in Krankenhäusern und Pflegeheimen eingesetzt wird, vielleicht sogar zuhause. „Der Roboter soll harmonisch mit Menschen interagieren und Pflegeaufgaben übernehmen“, sagt er. „Unser Ziel ist es, die Wahrnehmungen den Menschen zu überlassen, während der Roboter physische Aufgaben übernimmt, die für den Menschen schwer sind.“

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