Zeitung Heute : Schlauer radeln

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Den ganzen trüben Winter lang bin ich Auto gefahren. Seit es draußen warm ist, fahre ich Rad. Aber ich muss feststellen, dass die Umstellung voller Ärgernisse ist. Anfangs störte mich vor allem, dass man beim Radfahren nur Rad fährt. Beim Autofahren kann man nebenbei viele Dinge tun. Radio hören, sich informieren, man kann telefonieren, mit dem Taschentuch den Staub auf den Armaturen verwischen, man kann, wenn man das Lenkrad ans Knie klemmt, die Fingernägel feilen, Lipgloss auftragen, zielgerichtet in Straßenkarten blättern. Auf dem Fahrrad geht nichts von alledem, da ist man gefangen. Die Füße müssen auf den Pedalen bleiben, die Hände am Lenker. Einen Stadtplan aus dem Rucksack schütteln, das Straßenverzeichnis durchsuchen und die richtige Seite aufschlagen ist bei voller Fahrt unmöglich. Für jede Nebentätigkeit muss man anhalten und absteigen. Dabei kommt man ohnehin so langsam vorwärts.

Der zweite Ärger ist hausgemacht. Ich fahre nämlich weiter die Wege, die ich kenne, die ich mit dem Auto fuhr. Das sind meist große Straßen, auf denen Lkws sich breitmachen und Busse atemberaubende Abgaswolken aushusten. Die Straßen haben nur manchmal Radwege, und die meisten sind in beklagenswertem Zustand, so dass ich – man darf das – auf der Straße fahre. Anfangs hielt ich mich nah am Rand, damit die Autofahrer an mir vorbeiziehen können. Doch die meisten fehlinterpretierten das als Todessehnsucht. Inzwischen fahre ich mitten auf der Spur. Wer an mir vorbei will, muss blinken und ordnungsgemäß überholen.

Wenn ich mich in diesem Frühling nicht dauernd übers Radfahren ärgern will, werde ich nachrüsten müssen: Ich brauche einen Kartenhalter für den Lenker, einen Abstandhaltewimpel für den Gepäckträger und eine Karte mit Fahrradrouten durch die Stadt. Und wenn ich dann irgendwann ganz routiniert und entspannt bin, kann ich vielleicht daran denken, die Rostflecken am Lenker während der Fahrt wegzuwischen.

Vom ADFC gibt es einen Fahrrad-Stadtplan für 6,50 Euro. Erhältlich in Fahrradläden

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