Zeitung Heute : Schlaumeier unter sich

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Heitmüller

Charlottenburg. „Du siehst nicht besonders gut aus, du kannst nicht singen und nicht malen, ein Glück, dass du wenigstens gut in Mathe bist“ – das hat Gabi Rothe von ihrer Mutter mehr als einmal gehört. Wenigstens? Gabi Rothe ist hochbegabt, das heißt, sie gehört zu den intelligentesten zwei Prozent der Bevölkerung. Das weiß sie genau, seit sie einen Intelligenztest absolviert hat. Auf dessen Ergebnis hin hat sie sich „hIghQ“ angeschlossen, einem Berliner Verein für Hochbegabte. Aufnahmebedingung: Man muss bei einem Test einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 nachweisen.

Die Mitglieder von „hIghQ“ treffen sich jeden Monat zum Stammtisch, am Montag waren sie in der Kabale in Charlottenburg. Da sitzt dann ein knappes Dutzend Intelligenzbestien um einen ovalen Holztisch herum und sie alle betonen mit großer Verve, dass sie wirklich – also ganz bestimmt – vollkommen normal sind. Gerade sie! Ja – über den internationalen Verein „Mensa“, auch die ein Verein für Hochbegabte, könnte man ja schon hier und da lesen, dass es ein abgehobener Verein sei, aber „hIghQ“ nicht.

„Ich bin zum ersten Mal mit relativ wenig Erwartungen hingegangen, weil ich dachte, dass dort Leute über Themen reden, wo ich sowieso nicht mithalten kann“, sagt Verena Birkenschenkel, derzeit arbeitslose Fremdsprachensekretärin und Herausgeberin des Vereinsblattes „Klugscheißer/-in“. Vor Ort wurde sie dann angenehm enttäuscht: Die klugen Menschen reden durcheinander über Euromünzen, Flaschenöffner und die Länge menschlicher Speiseröhren (vierzig Zentimeter, sagt Jan Wagner, Arzt und Medizininformatiker.) Und hin und wieder halten sie einander Vorträge über Kartoffelgratin (als praktische Übung), die Welt des Boxsports oder Hundezucht. Naja, auch über Kryptographische Verfahren oder Quantenphysik – aber das rücken die Klugen nur zögerlich heraus: „Es ist ein großes Vergnügen, sich auszutauschen mit Leuten, die eine ähnlich hohe Denkgeschwindigkeit und ähnlich viele Interessen haben“, sagt Grundschullehrerin Elisabeth Heckel schließlich, und fügt sogleich hinzu: „Das klingt elitär, ist es aber nicht.“

Wer klug ist, hat´s nicht immer leicht: „Wenn im Kollegenkreis jemand was wissen will, heißt es immer, fragen wir mal Lisa“, sagt Elisabeth Heckel, „es führt einfach zu Verwunderung, wenn ich eine Sache nicht weiß. Viele Leute denken, wenn jemand hochbegabt ist, muss ihm doch alles ganz leicht fallen. Aber die Begabung macht nur zehn Prozent aus, neunzig Prozent sind Sitzfleisch – für viele Qualifikationen ist das entscheidend.“ Neid hat sie noch nicht wahrgenommen, sagt sie. Anders Detlef Oeffner: „Es gibt schnell mal die Neigung zu sagen, ihr seid doch arrogante Spinner“, erzählt er. Er wertet die Kurztests aus, die jeder auf der Website des Vereins ( www.hIghQ-ev.de ) absolvieren kann. „Wer nicht bestanden hat, schickt dann mal eine Mail, ’Ihr seid doch alle geisteskrank.’“ Er selbst hat seinerzeit den Intelligenz-Test bloß aus Neugier absolviert. „Ich war dann recht erstaunt gewesen, dass ich da so gut abgeschnitten hab.“ Er wurde zuerst Mitglied bei „Mensa“, aber vor etwa acht Jahren hat er „hIghQ“ mitgegründet. Bei Mensa hatte es damals Querelen gegeben, dazu kam, dass „ich so´n Vereinsmeier bin“: Eine Gruppe, die auf einen Ort konzentriert ist, bietet mehr Möglichkeiten für gemeinsame Unternehmungen. Doch der Verein ist auch über Berlin hinaus aktiv: Am 11. Mai veranstaltet „hIghQ. e.V.“ einen IQ-Test in Göttingen (Voranmeldung unter Tel. Berlin-3618987).

Jetzt hören die knapp 50 Berliner hIghQ-ler Vorträge, spielen Snooker und veranstalten Spieleabende. Jeder kann anbieten, was er will, „Gäste sind willkommen!“, betont er. Die so genannte Hochbegabung ist durch alle Bevölkerungsschichten gleichmäßig verteilt. Dementsprechend finden sich unter den Mitgliedern Studenten, Schüler, Taxifahrer, Karosseriebauer, Ärzte, Sekretärinnen, Kellner und Selbstständige.

Detlef Oeffner schätzt gerade diese Vielseitigkeit an den Hochbegabten. Zwar ist er auch in anderen Vereinen aktiv, der ehemalige Amateurboxer engagiert sich zum Beispiel sehr bei den Neuköllner Sportsfreunden, hat die B-Trainer-Lizenz – und: „Ich habe die erste aktive Boxtrainerin maßgeblich beim Erwerb ihrer Lizenz unterstützt!“ Doch im Sportverein ist eben der Sport die Vorgabe. „Bei hIghQ gibt es keine Vorgabe, sondern der Verein ist das, was die Mitglieder draus machen.“ Vor allem die männlichen.

Zwar sind Männer und Frauen gleich intelligent, aber es gibt viel weniger weibliche als männliche Mitglieder bei „hIghQ“. Warum? Der Umgang mit intelligenten Frauen wird in Deutschland, so drückt es Detlef Oeffner aus, „sehr vorsichtig gehandhabt.“ Gabi Rothe bestätigt dies: Einerseits macht es ihr sehr viel Spaß, viele Dinge zu verstehen. Andererseits, „wenn man ständig alles hinterfragt, gilt man leicht als etwas schwierig – es gab sicherlich nicht nur einen Tag, an dem ich mir gewünscht hätte, blond, dünn und doof zu sein.“

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