Zeitung Heute : Schlecht singen

Sonja Niemann

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Ich merke, dass Weihnachten naht. Die Anzeichen mehren sich: Das Toilettenpapier „Charmin Winterduft“ ist wieder auf dem Markt, die Imbissbuden-Angestellten in Neukölln sind barmherzig und machen darauf aufmerksam, dass die Flasche Bier beim Spätkauf 90 Cent billiger ist als bei ihnen, und der bullige Mann, der neulich nachts auf der sonst menschenleeren Straße eine Weile neben mir herging und mich fragte, ob ich nicht Angst so allein hier hätte, hat mich dann doch nicht ermordet.

Aus allem anderen – Glühwein, Backen, Singen – mache ich mir nicht so viel. Vor allem aus Letzterem nicht. Ich singe nicht gut und ich höre anderen Leuten, die nicht gut singen, auch nicht gerne dabei zu, zum Beispiel, wenn sie im Urlaub auf Karaokebühnen Klassiker massakrieren, wobei der Betrunkenste von allen immer „My Way“ singt.

Am Sonntag war ich mit S. auf eine Apfelschorle verabredet, „nur für ’ne Stunde“, und S. schlug das „Monster Ronson’s“ vor. „Ist eigentlich eine Karaokekneipe. Aber man kann auch einfach so nur was trinken.“

Es stimmte. Es war einfach eine nette Bar, und wenn einem unbedingt danach war, konnte man in lauschigen, schallgedämpften Kabinen singen, ohne andere Besucher zu belästigen.

Wir saßen am Tresen, und nur ganz leise drang ein gar nicht so schiefes „Angels“ von Robbie Williams an mein Ohr. Ich dachte an den Film „Lost in Translation“, an Bill Murray in der Karaokebar, der singt „More than this“, nicht sonderlich gut, aber ernsthaft, mit Herzblut, groß.

„Sag mal“, sagte ich, „wollen wir vielleicht auch mal …“ – ich schämte mich, es laut auszusprechen – „… äh, singen?“

Leider war „More than this“ nicht im Angebot. Wir sangen trotzdem. Ein bisschen U 2, Oasis, eine Zwanzig-Minuten-Oper von Meatloaf. Weather Girls. Johnny Cash. Gegen halb eins beschlossen wir ungern aufzubrechen. Aber es fehlte noch ein Abschluss, etwas Großes, Wichtiges, Pathetisches, dem Abend Angemessenes. Es gab nur ein Lied. „My Way“. Immerhin in der Sex-Pistols-Version.

Monster Ronson’s Sing Inn, Lübbener Str. 19, Kreuzberg. Karaoke-Kabinen: 10 Euro pro Stunde. Wenig Bryan Ferry, viel Frank Sinatra.

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