Zeitung Heute : schlechte Laune Schöne

Sarah Schmidt ist in Kreuzberg groß geworden – aus der jungen Ausreißerin wurde ein Star der Berliner Lesebühnen. Ihre Geschichten handeln von Punks, Psychoten, Spießern und Dauertrommlern. Ein Porträt

Sarah Schmidt mag ihren Bezirk, aber das geht jetzt zu weit. Durch Kreuzberg spazieren? „Ich bin keine Flaneurin“, sagt sie. „Das ist kein Vergnügen für mich.“ Das stellt sich ein, wenn sie auf dem Balkon sitzt, raucht, den Menschen auf die Finger oder das Maul schaut und darüber Geschichten schreibt. Schmidt ist Schriftstellerin, oft spielen ihre Texte im Bezirk, in dem sie seit gut 30 Jahren lebt. Einige hat sie gerade veröffentlicht, in dem Erzählband „Bitte nicht freundlich“. Andere liest sie regelmäßig auf Lesebühnen. Jahrelang war sie die einzige Frau unter den Vorlesenden, der „Spiegel“ nannte sie deshalb einmal die „Alibi-Frau des Frühschoppens“ – in Anlehnung an die sonntäglichen Mittagsveranstaltungen.

Die 45-jährige Berlinerin sitzt lieber, als durch die Stadt zu streifen, und lädt dafür in das Cafe Oetke an der Körtestraße ein, einen Steinwurf von ihrer Wohnung und vom U-Bahnhof Südstern entfernt. Normalerweise ist sie nachmittags hier, wenn es halb voll ist. Gerade brummt der Laden, der Mittagstisch zieht plappernde junge Menschen aus den umliegenden Hinterhofbüros an, Sarah Schmidt scheint davon überrumpelt. „Wo kommen die alle her?“, fragt sie. Sie setzt sich. Lange blonde Haare, freundliches Gesicht, sie sieht gesund aus, als würde sie jeden Tag Sport an der frischen Luft treiben. Aber aus ihren Erzählungen weiß man, dass sie eigentlich bewegungsfaul ist – und stolz darauf.

Vielleicht ist man im Oetke genauso stolz auf die Wirsingsuppe. Das würde erklären, warum der Geruch so penetrant in der Luft hängt. Der Kellner klappert mit dem Spülgeschirr den „Säbeltanz“ nach. „Geht das mal ein bisschen leiser?“, ruft Sarah Schmidt hinüber, mit dieser Schnoddrigkeit, die erkennen lässt: Man kennt sich. Und tatsächlich lächelt der Kellner, zuckt mit den Schultern und wirft das Besteck nur noch halb so schwungvoll in das Emaillebecken.

Sarah Schmidt hasst Menschenansammlungen, in der U-Bahn wie auf öffentlichen Plätzen. „Aus der Entfernung mag ich die ganz gerne“, sagt sie – und meint: ihre Mitbürger. Aber nahe dürfen ihr nur wenige kommen: ihr Mann, ihr 25-jähriger Sohn, einige Freunde. Ist sie ein Menschenfeind? „Hab ich mich auch schon gefragt, ich bin mir nicht sicher.“ Immerhin kocht sie gern für Mann und Freunde. „Ich kann ein tolles Zitronen-Estragon-Hühnchen.“ Das Fleisch kauft sie am Biostand ein, in der Markthalle am Marheinekeplatz, dem bürgerlichen Herzen von SO 61. „Schluffig“ findet sie den Bergmannkiez, zu wenig passiere dort. Sie lebt selbst am Rande von Kreuzberg 61, ihr Epizentrum bleibt nach wie vor der alte Zustellbezirk Südost 36. Da hat sie einen Teil ihrer Jugend verbracht, 1992 angefangen, ihre ersten Texte zu schreiben – und dort tragen sich einige ihrer Geschichten zu.

Zum Beispiel die von Josy und Maria, zwei jungen Punk-Müttern, die im Winter 1986 nahe des Schlesischen Tors leben und sich zwei Monate Auszeit auf Mallorca ergaunern. Das erzählt sie im Romandebüt „Dann machen wir’s uns eben selber“, der 2004 erschien. Ihre Geschichten dokumentieren die eigene Biografie, die Veränderungen der Stadt, auch in ihrem neuen Buch.

In den 80er Jahren etwa wohnte Sarah Schmidt eine Weile in besetzten Häusern, eines hieß das Psychohaus, „weil alle einen Hau hatten“, erinnert sie sich. Im Keller lebte ein älterer Mann, der hinkte, Rüschenkleider trug und mit Vorliebe aus dunklen Ecken hervorsprang, um Menschen zu erschrecken. In „Bitte nicht freundlich“ schreibt sie über ihr Zimmer mit Aussicht: „Die Brücke lag schlafend im Dunkeln und wurde nicht häufig benutzt. Blickte ich aus meinem Fenster, konnte ich sie, wann immer ich wollte, anschauen. Doch das wollte ich nicht, denn sie war ganz einfach ganz und gar gewöhnlich.“

Die Brücke, das ist die Admiralbrücke, und spätestens seit vergangenem Sommer ist sie nicht mehr gewöhnlich. Sie ist ein Symbol für Grabenkämpfe zwischen altem und neuem Kreuzberg geworden. Auf dem Kopfsteinpflaster treffen sich Jugendliche, sehen sich kurz den Sonnenuntergang an und feiern lange mit Bier, Pizza und Gitarrenmusik. Die Anwohner empören sich. „Die waren in den frühen 80er Jahren die Guten.“ So schreibt Schmidt im neuen Buch. Jetzt pochen sie auf ihr „Recht auf dörfliche Stille“.

„Mein großes Glück ist ja, dass ich nicht dort wohne“, sagt Schmidt. Sie seufzt. „Ich weiß nicht, wen ich blöder finde: die doofen Jugendlichen, die auf der Straße Bier trinken, oder die Menschen, die sich immerzu beschweren, weil sie angeblich um fünf Uhr früh aufstehen müssen.“ Schmidt verachtet die Dauertrommler und Hobbygitarristen, aber sie mag das internationale Flair, das auf einmal nicht nur durch Kreuzberg weht. „Wie viel schlechter würde es unserer Stadt gehen, wenn die Touristen nicht kämen“, sagt sie. Und glaubt ganz fest daran, dass die Karawane weiterzieht, zum nächsten Ort, wo man aufsehenerregend trinken kann. „In zwei Jahren kräht kein Hahn mehr danach.“

Vielleicht ist sie so gelassen, weil sie bereits einige Trends mit- und überlebt hat. Schmidt ist 1981 nach Kreuzberg gezogen, mitten hinein in die Hausbesetzerunruhen, als junge Menschen Altbauten besetzten, sie notdürftig instand setzten und vor Verfall und Abriss bewahrten – und das Viertel vor Neubauten und Autobahnzubringern. Sie lebte im Herzen der Oranienstraße, an der Ecke Adalbertstraße, zusammen mit anderen Jugendlichen in einer betreuten Wohngemeinschaft. Erst 16 war sie damals und „ein problematisches Kind“, wie sie sagt. Bis zum elften Lebensjahr wuchs sie in Dinslaken auf, dann zog die Familie nach West-Berlin, nach Schmargendorf. „Wir haben nicht reingepasst, wir waren zu arm“, sagt sie. In der Schule trug sie keine Levi’s-Jeans, fühlte sich ausgegrenzt, riss von zu Hause aus, und als ihre Eltern 1981 wieder zurück nach Westdeutschland gingen, blieb sie in Berlin – unter der Aufsicht des Jugendamtes. Ins Zeugnis hat ihre Lehrerin damals geschrieben: „Sarah ist ein mürrisches Kind.“

Die Mürrische lebte an der Oranienstraße auf. Alles wirkte auf sie „großstädtisch, voller Leben“, Hausbesetzer liefen neben Türken auf der Straße. Das gab es weder in Schmargendorf noch in Dinslaken. Sie strickte Pullover, mit einem übergroßen V-Ausschnitt, so dass der eine Ärmel über die Schulter rutschte und sie freigab. „Wegen der schwierigen Erotik der Linken musste das so sein“, sagt sie. Nackte Haut war verpönt, aber mit neonfarbener Wolle wurde sie toleriert. Dazu trug Schmidt Miniröcke mit Leggings, einmal kurze schwarz gefärbte Haare. „Die passten überhaupt nicht zu meinem Hauttyp. Ich sah aus, als hätte ich mir die Haare mit Wimperntusche angemalt.“

So feierte sie im Punk-Club SO 36, in der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette, es war ständig feucht, heiß, laut und voll. Wenn sie im Winter nach Hause ging, sog sie den Geruch der Ofenheizungen ein. „Ich mochte das.“ Aber dann sagt sie, dass man in der Jugend eben doof ist. Dass genau das ein Vorrecht der Jugend sei. Neulich hat sie einen Film über die Straße in den frühen 80er Jahren gesehen, und wie grau und dreckig alles war. Aber ihre Erinnerungen waren bunt.

Und es mangelte nicht an Abenteuern. Einmal wurde sie festgenommen, im April 1987. „Selbstverständlich“, meint sie, als stehe das in jeder Kreuzberg-Biografie. Nur war der Grund unpolitisch – oder weniger politisch, als man ihr unterstellte. Sarah Schmidt hat nämlich am selben Tag Geburtstag wie der Mann, den sie Führer nannten. Als sie mit ihren Freunden und dem zweijährigen Sohn feierte, stand plötzlich die Polizei in der Wohnung in der Cuvrystraße und vermutete Rechtsradikale.

Die Gäste wurden in eine grüne Minna abgeführt, auf das Revier Friesenstraße gebracht. „Wir saßen in Kurzaufenthaltszellen, mit unseren Kleinkindern, weil wir uns weigerten, die abzugeben.“ In der Zwischenzeit bekamen Freunde Wind von der Sache, druckten Flugblätter, und als die Gruppe nach einigen Stunden freigelassen wurde, empfing sie eine kleine Delegation. „Wahrscheinlich wurden Parolen geschrien, so etwas wie ‚Solidarität mit Sarah’, aber genau weiß ich das nicht mehr.“

Die Erinnerungen überfallen sie, wenn sie zum Beispiel über die Admiralbrücke geht, am Psychohaus vorbei. Das geschieht meist am Sonntagabend, wenn sie die Woche ausklingen lässt, in einer Bar am Kottbusser Tor – im Möbel Olfe. In den 80er Jahren gab es in den Räumen einen Spätkauf, „der sah aus wie in der Bronx, die Türen verrammelt, die Fenster mit Silberrollläden verdeckt“, aber wenn die WG-Jugend nach 18 Uhr Klopapier oder Zigaretten benötigte, war das ihre Anlaufstelle.

Sarah Schmidt setzt sich links an das kurze Treseneck, an der nackten Betonwand hängt eine riesige Installation mit silbernen Halbkugeln, die wie eine überdimensionale kaputte Uhr aussieht, der Barkeeper schenkt ihr ein Glas Gin Tonic ein. „Der Laden ist eigentlich unattraktiv“, sagt sie und stützt ihr Kinn elegant auf die Hand, in der sie die Zigarette hält. „Es gibt Beton an den Wänden, einen langen Tresen, ein paar Tische und große Fenster. Wenn man das erste Mal hineingeht, kriegt man Angst, aber man wird von einer überbordenden Freundlichkeit mitgerissen. Bis man gar nicht mehr anders kann, als zu sagen: Ich nehme noch einen!“ Wie viele es pro Abend werden? „Zwei plus.“

Im Rücken läuft die Dresdner Straße direkt auf sie zu, dreht sich Schmidt von der Bar weg, kann sie gut das „Gewese und Gehabe“ ihrer Kreuzberger beobachten. Sehen und Nichtgesehenwerden, das gefällt Schmidt. Dabei bemerkt sie, wie hilfsbereit die Menschen nach wie vor sind. So wie der Obdachlose, der neulich eine alte Frau auf der Straße getröstet hat. „Sie trug ein Bein im Gipsverband und weinte – und er strich ihr mehrmals über den Rücken. Ganz lange. Dann hat er sie in den Arm genommen, sich bei ihr untergehakt und ist mit ihr ein Stück mitgelaufen.“ Solche Erlebnisse bestätigen Sarah Schmidt. Die Menschlichkeit ist nicht verloren gegangen.

Lange schaut sie solchen Szenen möglicherweise nicht mehr zu. Sarah Schmidt erzählt, dass sie Kreuzberg nach 30 Jahren verlassen könnte. Sie sucht mit ihrem Mann eine Wohnung, die ein Zimmer mehr hat, einen Balkon braucht sie auch, „dafür richte ich ja draußen nicht so viel Schaden an, weil ich mich nicht so viel herumtreibe“. Seit einem Jahr sucht das Paar in Kreuzberg vergebens – jetzt könnte eine Wohnung in Charlottenburg infrage kommen. Es ist ein wehmütiger Abschied, aber ins Olfe kommt sie sonntags bestimmt zurück.

Das Buch von Sarah Schmidt „Bitte nicht freundlich“ erschien im Verbrecher Verlag, Berlin 2010. Die Autorin liest am 29. und 30. Oktober zum 20. Bestehen der Lesebühne „Frühschoppen“, 20.30 Uhr, im Schlot, Chausseestraße 18, Mitte.

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