Zeitung Heute : Schlechte Platzierung Berlins beim "Focus"-Ranking stößt auf Widerspruch

Torsten Hampel

Berlin Liegt Hinten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Bremer Informatikers Edgar Einemann zur Nutzung des Internets in den 100 größten deutschen Städten. In einem Ranking des Magazins "Focus" (aktuelle Ausgabe), dem die Einemann-Erhebung zugrunde liegt, erreicht Berlin einen 35. Platz bei der Internet-Nutzung durch Privatleute. Die Quote der Firmen, die online sind, ist der Studie zufolge noch geringer. Den 52. Platz belegt die Stadt in dieser Kategorie. Ganz vorn in der Rangliste finden sich München und Düsseldorf, aber auch kleinere Städte wie Erlangen und Darmstadt. Insgesamt bekam Berlin von der Focus-Redaktion den 10. Platz unter Deutschlands Online-Kommunen zugesprochen.

In Berlin wird die Aussagefähigkeit der Studie bezweifelt. "Ich glaube, sie stimmt schlicht und ergreifend nicht", sagt Ulrich Schmid, Bereichsleiter Informationstechnologie bei der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Die repräsentative Befragung "Acta 99" des Institutes für Demoskopie Allensbach kommt zu anderen Ergebnissen als der Bremer Hochschullehrer. Allensbach gewichtet zwar nach Bundesländern und vergleicht nicht einzelne Städte, sieht aber beispielsweise den Stadtstaat Hamburg bei der Zahl der Online-Nutzer (24 Prozent) ganz vorn, Einemann platziert die Elbestadt im Mittelfeld. Berlin steht bei Allensbach auf Platz Drei mit 22 Prozent Netz-Nutzung. Die jährliche Acta gilt als eine der wichtigsten Datensammlungen zur Mediennutzung in Deutschland.

Dass seine Untersuchung nicht "bis in jedes Einzelteil repräsentativ" ist, bestreitet Einemann nicht. "Unsere Methode sollte nur etwas mehr aussagen als das, was man erfährt, wenn man den Finger in den Wind hält", sagt Einemann. In einem halben Jahr seien seine Ergebnisse ohnehin schon wieder überholt. Ihm sei es um eine "Trendstudie" gegangen, anhand derer man die "Stärken und Schwächen der 100 Städte" ablesen kann.

Legt man sozialwissenschaftliche Kriterien an, dann ist Einemanns Datengrundlage in der Tat fragwürdig. Der Forscher beschränkte sich vor allem auf Kundendaten eines Internet-Providers, eines Telefonanbieters, einer Online-Bank und eines Online-Auktionshauses. Die Streuung, die eine Gesamtbevölkerung repräsentiert, erhält man mit dieser Methode freilich nicht.

Eine Stärke Berlins sei seine offizielle Website. "Die Stadtseiten von www.berlin.de bekamen volle Punktzahl", so Einemann. Das ist, zusammen mit Bremen, der erste Platz. "Wir haben zu neun Fragen Informationen auf den Stadt-Websites gesucht, und zu allen bei berlin.de eine Antwort bekommen", so Einemann. Bremen hat bei einer Anfrage schneller geantwortet, hat deshalb ganz knapp die Nase vorn. Qualität und ästhetischer Standard der Webseiten flossen in die Bewertung nicht ein.

Auch die schlechte Platzierung bei den gewerblichen Internet-Nutzern kauft Ulrich Schmid von der IHK dem Bremer Informatiker nicht ab. München - der "Focus"-Listen-Sieger - habe zwar die größten Web-Firmen zu bieten, in Berlin befände sich dagegen die größte Gründerszene. Da spiele derzeit die Musik. "Man spricht von einer Schlacht um die Talente", sagt Schmid. Das sei ein Indikator für die Web-Präsenz einer Stadt, aber den könne man nur schwer messen. Immerhin, die meisten Informatik-Studenten bundesweit studieren in Berlin.

Einer IHK-Untersuchung zufolge besaßen im Frühjahr 1999 rund zwei Drittel aller Berliner Unternehmen einen Internet-Anschluss. Rund 45 Prozent der Firmen waren mit einer eigenen Website im Netz.

Vergleichsweise gut schneidet Berlin laut Einemann beim Internet-Geschäft ab. Allensbach sieht dagegen beim Thema E-Commerce bundesweite Düsternis. Besonders dunkel ist es in Ostdeutschland, ganz finster im Osten Berlins. Rechnet man die schlechte Ausstattung mit Online-Zugängen dagegen, hellt sich das Bild auf und die Quote kommt wieder auf den Bundesschnitt.

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