Zeitung Heute : Schlechte Zeiten für gute Ideen

Der Tagesspiegel

Von Joachim Huber und Jörg Rößner

Fast 320 Millionen Euro will der Berliner Fernsehsender Sat 1 in diesem Jahr für externe Produktionen ausgeben. Eine große Summe, die einer großen Zahl von Produktionsfirmen zugute kommt. Nun ist Sat 1 Teil der Senderfamilie ProSiebenSat 1Media AG, die wiederum zur Kirch Media AG in München gehört – und die befindet sich seit Montag in der Insolvenz. Eine fragile, eine unentschiedene Situation, für die Sat 1-Mitarbeiter wie für die Produzenten. Der Sender hat sich erkennbar zur Ruhe, zum professionellen Weitermachen entschlossen. Und diese Entschlossenheit soll auch nach draußen strahlen. „Wir haben keinen einzigen Produktionsauftrag storniert, weder für Serien noch für TV-Movies noch für Event-Programme“, sagt Sprecherin Kristina Fassler.

Natürlich sei sparsames Wirtschaften oberstes Gebot. Eine Haltung, die Sat 1 nicht erst seit Wochenbeginn einnimmt, sondern seitdem die Werbeumsätze in der gesamten Fernsehbranche stark zurückgegangen sind. Die Werbeflaute mache alle Sender bei der Projektierung neuer Programme vorsichtig, wie Fassler einräumt. Sie nennt ein Beispiel: Zu Zeiten üppig sprudelnder Werbequellen sei eine neue Serie gleich mit einer ersten Staffel von 13 Folgen produziert worden, jetzt „gibt es erst einmal Backdoor-Pilots“. Für fünf Serienprojekte seien gerade fünf „Piloten“ hergestellt worden, um zu sehen, welches tatsächlich zur Serie taugt. Das finanzielle Risiko muss ebenso ins Auge gefasst werden wie die Güte des Produktes. „Der Zuschauer soll es nicht an der Qualität merken“, fixiert Fassler den Anspruch, knappes Geld und gediegene Fernsehware im Sat 1-Produkt zusammenzubringen.

TV-Produzent Ulrich Meyer („Akte 02“) bestätigt Fasslers Aussagen: „Es gibt überhaupt keine Signale von Sat 1, dass laufende Sendungen gestoppt oder reduziert werden.“ Was den Produzenten aber Sorgen bereite, sei das Ausbleiben neuer Aufträge, da wirken Kirch-Krise und eingebrochener Werbemarkt zusammen. Laut Meyer wollen und können sich die Sender keine Fehler und kaum Risiko leisten, „selbst wenn der Produzent vor Kreatitivität platzt“. Angedacht und andiskutiert werde vieles, entschieden so gut wie nichts. Meyer stimmt der Beobachtung zu, dass das deutsche Privatfernsehen deswegen „2002 das Programm von 2001 verlängert“. Die Branche der deutschen Fernsehproduktionsfirmen stehe vor einem Prozess der Gesundschrumpfung, sagt Meyer.

Wie nervös ist dann die Berlin-Brandenburger Produzentenlandschaft? Nicht, dass Auftragsentzug oder Firmenzusammenbrüche gemeldet werden, nein, es ist die unsichere Zukunft, die manchen Blick flackern lässt. Während Stefan Oelze, Geschäftsführer der Firma Granada, die für Sat 1 die Comedy-Show „Mensch Markus“ produziert, zurzeit noch keine Krisenstimmung ausmachen kann, konstatiert Christian Kube, Geschäftsführer der Berliner Union-Film, eine „allgemeine Lähmung“. Es würde „sehr, sehr vorsichtig beauftragt“. Die Union-Film leistet den Dekorationsbau und die Beleuchtung für die Sat 1-Serie „Für alle Fälle Stefanie“ sowie für die Eigenproduktionen „Blitz“ und „18:30“. Nach Kubes Eindruck bekäme Bewährtes den Vorzug vor Neuem, „neue Projekte werden nicht mehr auf die Schiene gesetzt“.

Immerhin – noch, so stellen die Produzenten fest, werde bei den Sender der ProSiebenSat 1Media AG unverdrossen gearbeitet, nicht anders bei den übrigen Unternehmen der Kirch Media. So synchronisiert die Kirch-Tochter Taurus Film unverdrossen die Blockbuster- Filme aus Hollywood, die das Pro 7-Programm garnieren. Allerdings soll es auch vorgekommen sein, dass Taurus am Insolvenzverwalter vorbei Pro 7 Filmrollen zugeschoben habe, auf dass deren Spielfilm-Vorrat nicht zur Neige gehe.

Sat 1-Sprecherin Fassler weist darauf hin, dass auch bei der Kirch Media Entertainment ganz normal weitergearbeitet werde; die Produktionsfirma liefert dem Sender die Gerichtsshow „Alexander Hold“, „Quizfire“ und Galas zu. Auch für die Bundesliga-Show „ran“ kann bis zum Ende der laufenden Saison Entwarnung gegeben werden. Die Plaza Media, ebenfalls eine Kirch-Tochter, wird die noch ausstehenden vier Spieltage für alle Sender von der ARD über Premiere bis hin zu Sat 1 in Bild und Ton erfassen. Die Finanzlage von Plaza Media hatte sich drastisch verschärft: „Die Lastwagen der Dienstleister sind nur dann vom Hof gefahren, wenn Vorkasse geleistet wurde“, sagt einer. Ein anderer berichtet, dass mit den Kreditkarten der Plaza Media noch nicht einmal ein Wagen mehr zu mieten war. Hier haben die Geschäftsführung und der Insolvenzverwalter neue Stabilität geschaffen – Lastwagen und Leihwagen fahren für Plaza Media weiter zu den Stadien der Bundesliga.

Nervosität bei einzelnen Produzenten und Dienstleistern, hochfliegende Pläne bei anderen: „Bernd Schiphorst, Medienbeauftragter für Berlin-Brandenburg, und die regionale Politik sollten doch versuchen, Bereiche von Kirch Media von München nach Berlin und Potsdam zu locken. Hier wird einfach kostengünstiger produziert als in München-Unterföhring“, sagt ein Produzent und nennt zum Beispiel die Sendeabwicklung, die für die Programmfamilie und damit auch für Sat 1 in München geleistet wird. „Wenn sich die Strukturen in Unterföhring auflösen, dann hat Berlin etwas zu bieten.“ Die Krise in München als Chance für die Hauptstadtregion. Wenn das Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber erfährt, lässt er den Löwen los.

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