Zeitung Heute : Schleier-Fahndung

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Die Fragen sind unvermeidlich: Was ist in Deutschland passiert, zwischen dem 11. September und dem 11. April? Haben die Sicherheitsbehörden das islamistische Terrorpotenzial so gut im Blick, dass weder „Djerba“ hierzulande denkbar erscheint, geschweige denn „New York“?

Eine Antwort, die beruhigt, wäre unseriös. Anti-Terror-Experten sagen, halblaut, die islamistische Szene sei nur schwer zu durchdringen. Trotz der nach dem 11. September groß angelaufenen Rasterfahndung, obwohl Bundesregierung und Parlament mit Sicherheitspaketen die Befugnisse von Polizei und Nachrichtendiensten neu dimensioniert haben. Dennoch sind zentrale Probleme nicht gelöst. Und möglicherweise auch „mit Sicherheit“ nicht zu beherrschen.

Die Rasterfahndung hat offenbar weniger gebracht, als die Behörden erwartet haben. Erwischt wurden vor allem Kleinkriminelle – etwa ausländische Sozialhilfebetrüger. Von der Festnahme potenzieller oder schon agierender Terroristen ist zumindest nichts bekannt geworden. Obskure Figuren wie der Mülheimer Christian G., der mit dem Attentäter von Djerba kurz vor der Explosion telefoniert haben soll, entsprechen den Kriterien der Rasterfahndung auch gar nicht. Dieser Muslim ist nicht in einem islamischen Land geboren, sondern im stockkatholischen Polen. Er ist kein Student und mit 35 Jahren schon an der Grenze altersbedingten Verdachts. Zum Glück und zu Recht wurde er dennoch abgehört und als „Gefährder“ registriert. Denn der Mann ließ sich in Afghanistan trainieren und indoktrinieren. Aber die Behörden wussten offenbar bis vergangenen Montag nicht, dass ein Bekannter von G. , der in Duisburg lebende Marokkaner Karim M., die Hamburger Telefonnummer von Ramsi Bin Al-Shibh aufbewahrte. Bin Al-Shibh ist kein kleiner Fisch: Der abgetauchte Jemenit zählte zur Gruppe um den Terrorflieger Mohammed Atta, war vermutlich selbst als Kamikazepilot vorgesehen.

Es wäre trotzdem falsch, die Rasterfahndung als gescheitert und untauglich abzuqualifizieren. Die präventive Wirkung ist nicht zu unterschätzen: Dass in der Bundesrepublik nach dem 11. September islamistischer Terror ausblieb, ist vermutlich auch mit der gewachsenen Vorsicht potenzieller Attentäter zu erklären. Außerdem gab und gibt es Fahndungserfolge, nicht erst seit dem Angriff auf die USA. Immerhin steht in Frankfurt/Main die „Meliani“-Gruppe vor Gericht, die Ende 2000 den Straßburger Weihnachtsmarkt mit Bomben heimsuchen wollte.

Es bleibt jedoch ein zentrales Manko: Die deutschen Sicherheitsbehörden finden zu wenig Vertrauenspersonen, die aus dem religiösen Milieu berichten. Die Islamisten-Szene ist weit schwieriger zu unterwandern als die NPD. Anders als Neonazis oder auch Linksextremisten geraten fromme Spitzel schneller und stärker in einen inneren Konflikt. Sie verraten angeblich nicht nur eine „Sache“, sondern Gott. Fanatische Prediger reden Muslimen ein, Allah stünde über dem Werte- und Rechtssystem des Westens. Wer das glaubt und sich entsprechend abkapselt, ist kaum zu locken. Weder mit Bargeld noch mit Hilfe bei der Ausländerbehörde.

Müssen nun bundesweit Moscheen verwanzt werden? Wahrscheinlich brächten Stasi-Methoden deutlich mehr Aufklärungserfolge, aber mit verheerenden Konsequenzen: Die in Deutschland lebenden Muslime empfänden kollektiv den Rechtsstaat als Feind, Islamisten bekämen noch mehr Zulauf. Sinnvoll wäre vielmehr, die Kooperation zwischen Nachrichtendiensten und Polizei zu verbessern, dem Personal mehr sprachliche Kompetenz zu verschaffen - und mit allen Kräften die soziale Integration zu fördern.

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