Zeitung Heute : Schloss Bensberg: Die grauen Zeiten sind vorüber

Stefan Quante

Der Mann verstand es, sich einen Namen zu machen. Als Jan Wellem verehren ihn die Nachkommen seiner Untertanen noch heute. Wenn man wissen will, warum, sind sich Nicht-Historiker im sinnenfreudigen Rheinland schnell einig. Fürst Johann Wilhelm II. von der Pfalz-Neuburg, Kurfürst in Düsseldorf, verstand zu leben und war immer großzügig. Vor allem beim privaten Ausgeben öffentlicher Gelder. Eines seiner Lieblingsprojekte wurde in diesen Tagen fertig: Schloss Bensberg, hoch über Köln.

Der begeisterte Waidmann hatte sich den höchsten Punkt über der Kölner Bucht als Standort für ein barockes dreiflügeliges Jagdschloss ausgesucht. Der in zweiter Ehe mit einer Medici verheiratete Monarch ließ 1705 den Grundstein legen. Bei seinem Tode 1716 war das Schloss immer noch nicht ganz fertig, mit dem Prunkbau ging es bergab. Sein Bruder trat die Nachfolge an, verlagerte seinen Sitz weg vom Rheinland und gab das Schloss zur Ausschlachtung frei. Der imposante Bau verkam im Laufe der Jahrhunderte immer mehr. Er wurde als französisches Lazarett, preußische Kadettenanstalt, Kaserne, Obdachlosenasyl, Napola, belgische Schule und Asylbewerberheim genutzt. Noch vor fünf Jahren war das ehemalige Prachtschloss eine Bruchbude mit eindrucksvoller Fassade. Bis das Land Nordrhein-Westfalen mit der Aachen und Münchener Versicherung einen potenten Investor fand. Der Vorstandsvorsitzende machte Bensberg zur Chefsache und pumpte 150 Millionen Mark in die Ruine. Nicht um das Schloss so originalgetreu wie möglich wieder herzustellen, sondern um hier eines der spektakulärsten Hotels Deutschlands zu etablieren. Das Geld floss in Marmorbäder für alle 120 Zimmer und Suiten, echte und fast echt aussehende Antiquitäten, ein unterirdisches Wellnesszentrum, elf üppige Konferenz- und Tagungsräume sowie drei feine Restaurants. Die Hotelketten der Welt standen als Betreiber Schlange, den Zuschlag aber erhielt der Privathotelier Thomas Althoff aus Köln. Er geht mit einem langfristigen Pacht- und nicht risikolosen Management-Vertrag einen mutigen Schritt, um sich als führender Privathotelier Deutschlands zu etablieren.

Anfang August ging das Hotel schon einmal in Betrieb. Zunächst 100 Mitarbeiter unter der Direktion von Uwe Frommhold (ehemals Taschenbergpalais/Dresden und Atlantik/Hamburg) kümmern sich seither um das Wohl eines bunt gemischten Publikums: Neugierige Anwohner, die nur mal auf einen Kaffee (sechs Mark) vorbeischauen wollen, schwer zu beeindruckende Geschäftsreisende, halb und ganz Prominente, die wissen, wo es schön ist und auch ein paar selbstzahlende Genussreisende.

Nirgendwo in Deutschland, darauf legt Althoff wert, gebe es eine annähernd große Fläche pro Gast wie in seinem neuen Flaggschiff. Der Kampf der Mitarbeiter indessen gilt den weiten Wegen der weitläufigen Anlage und auch den Widrigkeiten, die der Erfolg so mit sich bringt. Fast 300 Jahre lang war das Schloss den Bensbergern selbst verschlossen. Sie mussten draußen bleiben, während drinnen Soldaten und Schüler, Obdachlose und Asylbewerber ein Zuhause auf Zeit fanden. Und mit dem ersten Öffnungstage stürmten die Einheimischen "ihr" Schloss. Weniger um tüchtig Umsatz zumachen, mehr um endlich zu erfahren, wie es drinnen aussieht. Ganz kecke Eroberer klingelten da auch schon mal an den Suiten, um sich von indignierten Hotelgästen zeigen zu lassen, wie es sich jetzt hier so wohnt.

Am 19. Oktober soll das Grandhotel Schloss Bensberg professionell eingefahren sein. Denn mit dem Grand Opening ist die Schonzeit vorbei, und das Haus muss sich am Fünf-Sterne-Standard europäischer Spitzenhäuser messen lassen. Dann wird auch das neue Spitzenrestaurant "Vendôme" fertig sein. Dort wirkt dann Joachim Wissler, der in Schloss Reinartshausen zwei MichelinSterne erkocht hat. Jetzt steht er in Konkurrenz zu einem anderen Spitzenkoch der Althoff-Hotels. Fast nebenan im Relais&Châteaux-Haus Schloss Lerbach kocht Drei-Sterne-Mann Dieter Müller. Und außerdem kocht im Hauptrestaurant des Grandhotels (es heißt passenderweise "Jan Wellem") mit Walter Leufen (ehemals Breidenbacher Hof) ein Mann, der sich auch einen Stern erhofft. Jan Wellems Kunstschätze mögen jetzt in Italien und in München, Brühl und Mannheim hängen. An Küchenschätzen können es die neuen Herren von Schloss Bensberg mit ihm aufnehmen.

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