Zeitung Heute : Schluchtenflitzer, Weltenbummler

KTMs LC-4-Baureihe geht in die dritte Runde – und taugt immer noch fürs ernsthafte Geschäft

Bernd Zimmermann

Gut 20 Jahre ist es her, da spülten die ersten LC-4-Modelle ihrem Hersteller KTM zum ersten Mal dringend benötigtes Geld die Kasse. Damit sorgten die Maschinen dafür, dass die österreichische Motorradschmiede überleben konnte. Seit dem Produktionsstart haben mehr als 150 000 Motorräder mit dem kernigen LC4-Triebwerk die Fließbänder in Mattighofen verlassen. Und jetzt geht mit der 690 Enduro die dritte LC4-Generation an den Start.

Die aktuelle Version der Mutter aller Hard-Enduros ist längst nicht mehr so spartanisch ausgestattet wie das Urmodell: E-Starter, Ausgleichwelle, Antihopping-Kupplung und die Auswahl verschiedener Mappings per Schalter signalisieren den Sprung in die Neuzeit – und zwar mit Weltreisefunktion: Für Leute, die Gegenden mit schlechtem Sprit aufsuchen, wird einfach der Schalter auf „bad fuel mapping“ eingestellt – und schwupps verdaut die KTM auch 80-Oktan-Saft. Dazu trägt die 690er einen neuen Gitterrohrrahmen. Der verfügt über zwei Oberzüge und wo man den Tank vermutet, sitzt servicefreundlich die voluminöse Airbox über dem Motor.

Überhaupt, Wertigkeit. Die fällt auf, wohin das Auge blickt. Besohlt ist die Enduro mit schwarzen D.J.D.-Felgen, in den Klemmfäusten der Lenkerhalterung steckt ein konifizierter Renthal-Lenker. Und trotz der unbelastet 91 Zentimeter Sitzhöhe können Menschen über 1,80 Meter stoppen, ohne auf den Zehenspitzen zu zappeln. Dafür zeigt sich bei der schlanken Sitzbank wieder einmal: Was beim Drift im Gelände von Vorteil ist, muss noch lange nicht zur Weltumrundung taugen. Für längere Strecken ist die Bank einfach zu hart und zu schmal. Auch der schwerpunktgünstige Zwölf-Liter-Tank, der gleichzeitig als Rahmenheck fungiert, begrenzt den Einsatzradius des Weltenbummlers, eine 18-Liter-Variante ist in Vorbereitung. Beim Ausflug ins Gelände bilden die 250 Millimeter Federweg vorn wie hinten eine beruhigende Reserve.

Nach dem Druck aufs Starterknöpfchen pröttelt der Einzylinder spontan los. Das Getriebe lässt sich beispielhaft geschmeidig und präzise schalten und die hydraulische Kupplung ist weich und leicht zu bedienen. Der potente Einzylinder treibt das leichte Motorrad ab etwa 2500 Umdrehungen druckvoll nach vorn, inklusive steigendem Vorderrad, bis irgendwo über 7000 Touren der Begrenzer greift. Auf der Autobahn zeigt die Digitaluhr bei Vollgas im sechsten Gang 180 Stundenkilometer an. Ein leichtes Rühren im Fahrwerk und der stürmische Fahrtwind signalisieren dem Piloten allerdings, dass die Qualitäten des hochbeinigen Bikes nicht unbedingt auf sechsspurigen Rasepisten zu suchen sind. Aber: Vom Fahrwerk her zeigt sich die 690 Enduro im Straßenverkehr von ihrer besten Seite. Die Metzeler-Bereifung haftet sehr gut und lädt zum Kurventanz ein.

Und natürlich spielt die Enduro ihre Trümpfe auf unbefestigten Wegen und im Gelände voll aus. Lockeren Sandboden durchmahlt die KTM unter Zug, ohne zu zucken. Die Metzeler-Enduro-3-Bereifung gerät erst im Tiefsand an ihre Grenzen. Die hochwertigen Federelemente bügeln fast alle Unebenheiten gnadenlos glatt und 300 Millimeter Bodenfreiheit erweisen sich auch bei tiefen Rillen als ausreichend. Im Handling ist die Enduro fast mit reinen Sportgeräten vergleichbar, nur der Lenkeinschlag fällt etwas geringer aus. Kraft ist sowieso im Überfluss vorhanden, aber das weiche Ansprechverhalten macht jeden Zupfer an der Gasrolle berechenbar. Im Gegensatz zum alten Motor, der bei zu niedrigen Drehzahlen gerne mal abrupt den Dienst verweigerte, bollert die Neue weitaus eleganter durch den Keller. Und dann ist da noch der Mappingschalter, mit dem der Leistungseinsatz der Umgebung und dem Fahrkönnen angepasst werden kann.

Bleibt als Fazit: Die neue KTM 690 Enduro ist nicht nur alltagstauglicher, sondern auch sportlicher als das alte Modell. Der Weltumrunder wünscht sich aber eine bessere Sitzbank, einen größeren Tank und vielleicht eine schlanke Verkleidung – eine kleine Adventure.

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