Zeitung Heute : Schlucken, ducken, bloß nicht aufmucken

Nach dem Geiseldrama bekommen in Moskau lebende Tschetschenen die Wut der Russen immer mehr zu spüren

Elke Windisch[Moskau]

Tazar taucht ein Handtuch in eiskaltes Essigwasser, wringt es aus und legt es Ruschd auf die geschwollene Nase und die blutunterlaufenen Augen. „Es hätte schlimmer kommen können. Also, reg dich nicht auf und denk an was Schönes“, sagt sie und lächelt ihm zu. Gestik und Mimik wirken ein bisschen zu munter, wie gespielt. Gut ein Dutzend Mal war die Schauspielerin Tazar im Film Krankenschwester und Frontärztin. Jetzt ist das Spiel zur Realität geworden. Ruschd, Tazars Ehemann, versucht zu grinsen und sagt: „Ich bin so etwas wie ein Kollateralschaden.“ Die rote Wut auf Tsche- tschenen, die sich bei vielen Russen in Moskau nach dem Geiseldrama angestaut hat, könne sich an jedem entladen, der dunklere Haut, Haare und Augen hat, sagt Ruschd. Weder er noch seine Frau sind Tschetschenen, ja nicht einmal Kaukasier, sondern Tadschiken aus Zentralasien. Aber solche Kleinigkeiten spielen momentan keine Rolle.

Das Wort „Pogrom“ will Ella Pamfilowa, die neue Vorsitzende der Menschenrechtskommission beim Präsidenten „nicht gehört haben“. Dennoch: Die Situation, sagt die 48-Jährige, die im usbekischen Taschkent aufgewachsen ist und die Diskriminierungen von Minderheiten nicht nur vom Hörensagen kennt, sei „ernst genug für ein permanentes Monitoring“. Umfrageergebnisse bestätigen das: Zwar machen die Moskowiter fast ausnahmslos das Versagen von Polizei und Geheimdiensten für die Geiselaffäre verantwortlich. Dennoch fordern rund 44 Prozent der gleichen Gruppe die Zwangsdeportation aller „Schwarzen“ in ihre Heimatregionen.

„Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen“, zitiert Achadi Isaidow einen Philosophen des 19. Jahrhunderts, „an Russland muss man glauben.“ Auch wenn es schwer fällt: In der zweiten Nacht des Geiseldramas ging Isaidows Geschäft in Orechowo-Sujewo bei Moskau in Flammen auf. Die Ermittler gehen von einen Kurzschluss aus. Trotz zersplitterter Fenster, und obwohl Isaidow stets die Sicherung rausdreht, wenn er abends geht. Und: In der Nacht vor dem Brand hatte jemand schon versucht, seine „Gazelle“ anzustecken – seinen Kombi. „Zum Glück“, sagt Zargan, Isaidows Ehefrau, „sind die wohl irgendwie gestört worden.“ So verbrannte nur die Schutzplane. Der Schaden von rund 9500 Euro, sagt Isaidow, sei jedoch nicht das Schlimmste. Einen halben Tag brauchte das Ehepaar, beide schon seit 1987 in der Kleinstadt ansässig, „wo wir bisher nie Probleme hatten“, um die hässlichen Worte abzukratzen, die jemand mit Ölfarbe an die Hausmauer gepinselt hatte: „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Tschetschenen, wir schlagen euch tot.“ Inzwischen steht ein Milizposten im Hof, und die Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen „vorsätzlicher Beschädigung fremden Eigentums mit Hilfe von Feuer“: Die „Iswestija“ und das regionale Fernsehen hatten über den Fall berichtet.

So schlimm, sagt Marcha, sei es selbst vor drei Jahren nicht gewesen, als in Moskau Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser verübt wurden und Oberbürgermeister Jurij Luschkow bei der ersten Tatortbegehung die Richtung der Ermittlungen vorgab: die tschetschenische Spur, für die bis heute schlüssige Beweise fehlen. Vor vier Tagen kam die Polizei und hat Marchas Wohnung durchsucht. „Zuerst haben sie mit den Fäusten gegen die Tür getrommelt, dann mit den Stiefeln.“ Die Polizisten haben das Oberste zuunterst gekehrt, sogar in der Schüssel mit eingeweichter Wäsche gesucht, erzählt Marcha. Nach Waffen, Munition, Rauschgift, islamischer Literatur. Befund negativ. Mann und Bruder – beide Bauarbeiter – mussten dennoch mit aufs Revier, wo ihnen Fingerabdrücke abgenommen wurden. Ihr Ehemann wurde nach ein paar Stunden entlassen. Der Bruder, weil die Aufenthaltserlaubnis abgelaufen war, wartet auf die Deportation nach Tschetschenien. „Vielleicht sehen wir uns da bald alle wieder“, fürchtet Marcha. Gestern war der Vermieter da und hat sie gebeten, sich nach einer anderen Wohnung umzusehen. „Er hat gesagt, es tue ihm Leid, aber er könne nicht mehr an Kaukasier vermieten.“ Nachbarn hätten mit „Konsequenzen“ gedroht.

„Das brauchen die sich nicht gefallen zu lassen.“ Abdullah Chamsajew trommelt mit den Fingern auf das russische Zivilgesetzbuch, das er fast auswendig kennt. Ebenso Strafgesetzbuch und –prozessordnung. Und darin steht, dass die Polizei für Durchsuchungen einen Gerichtsbeschluss braucht. Neulich kamen auch bei Chamsajew zwei Beamte vorbei, sie hatten eine Order der Staatsanwaltschaft. „Eigentlich“, hat der Anwalt zu ihm gesagt, und beim Erzählen kommt er so in Fahrt, als erlebe er alles noch einmal, „brauche ich euch gar nicht reinzulassen, aber wo ihr nun schon mal hier seid, könnt ihr dem Herrn Staatsanwalt einen schönen Gruß von mir bestellen und ihm sagen, dass er noch in den Windeln lag, als Chamsajew in Moskau für Ordnung sorgte.“ Der kleine Mann mit dem weißen Schnurrbart hatte es, obwohl Tsche- tschene, zu Sowjetzeiten immerhin bis zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt gebracht. Inzwischen gehört er zu Russlands Staranwälten. Und zu den meistgehassten: Chamsajew vertritt in Bedrängnis geratene Landsleute. Ruslan Chasbulatow etwa, den Jelzin 1993 in Moskau als Parlamentschef in einer Art Staatsstreich aus dem Amt hob, oder die Eltern der von einem russischen Oberst ermordeten Elsa Kungajewa. Arme Mandanten verteidigt er ohne Honorar. Und nach dem Geiseldrama manche zunächst gegen ihren Willen: Es gebe Fälle, wo Kaukasier bei Verhören geschlagen wurden, aber keiner wolle sich beschweren. Kein Wunder, sagt Chamsajew, in Tschetschenien selbst riskiere man bei Beschwerden standrechtliche Erschießung.

Schlucken, ducken, bloß nicht aufmucken, lautet der Rat des Chefs eines georgischen Vier-Sterne-Restaurants in Moskau an seine Köche und Kellner. Auch Georgier sind wie die Tschetschenen von Diskriminierung betroffen, obwohl Georgier zum gleichen Gott wie die Russen beten und der orthodoxen Kirche angehören. Aber das, sagt Kellner Surab, wüssten höchstens ein paar Intellektuelle.

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