Zeitung Heute : Schlüssel zum Mottenschrank

Der Tagesspiegel

Hat die Macht ein Wohnzimmer, ein Hinterstübchen, wo sie ausheckt, was sie anrichtet? Zumindest in der frühen DDR hatte sie es, meint der Historiker Hans-Michel Schulze. Es lag in Pankow. Schulze muss es wissen – nach fast dreijähriger Recherche in jener Villenidylle am Majakowskiring, in der Staatspolitik mitunter zwischen Wintergarten und Elite-HO-Laden verhandelt wurde.

Denn im so genannten Städtchen am Schloss Schönhausen wohnten seit Kriegsende bis zum Umzug nach Wandlitz DDR-Obere wie Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Otto Grotewohl, Johannes R. Becher, Erich Mielke, später auch Erich und Margot Honecker. Das machte den Namen des Stadtteils auch für die Folgezeit zur Metapher.

Doch was wirklich hinter Schlagbaum und Stacheldraht vor sich ging, das wissen die meisten bis heute nicht. Das Geheimnis des Städtchens zu lüften, verspricht der Autor mit seinem Buch „In den Wohnzimmern der Macht“. Seine zentrale These: dass die Nomenklatura sich am Majakowskiring einmauern ließ, nimmt den Mauerbau ums ganze Land vorweg. Soweit, so spannend.

Was dann allerdings auf 168 Seiten geboten wird, ist ebenso gehaltvoller wie mitunter harter Lesestoff. Schulze schildert die Zeit von der Entstehung des Dorfes Niederschönhausen über die Enteignung der Villenbesitzer durch die russischen Besatzer nach Kriegsende, DDR-Staatsgründung und Einzug ihrer Funktionäre in Pankow samt Ausblicken auf die Zeiten von Mauerbau und Mauerfall. Schulze weiß seine Geschichte kenntnisreich zu beschreiben als eine von Personen und Bündnissen, Kontakten und Kollisionen zwischen Funktionären, Ehefrauen, Familienmitgliedern, enteigneten Hauseigentümern, Feind- und Liebschaften. Darunter sind groteske Details, wie das, was Piecks Tochter, Elly Winter, Mitte 1946 an die gerade erst aus der Villa vertriebene Familie des eigentlichen Hausbesitzers Christian Zeller schreibt: „Heute habe ich eine große Bitte. Könnten Sie mir nicht sagen, wo der Schlüssel für den Mottenschrank sein kann? Vielleicht haben Sie ihn?“

Eine besondere Erwähnung wert ist auch die dem Buch beiliegende CD, auf der unter anderem nie gesendete TV-Dokumente zu finden sind, die Schulze aus Archiven gerettet hat, darunter bedrückende Bilder eines von Altersdemenz gezeichneten Wilhelm Piecks, der bei Feierlichkeiten von vermeintlich ergebenen Genossen wie eine Puppe der Macht für die Kamera hofiert wird.

Doch diese Details illustrieren, was ansonsten auch im Städtchen offenbar grauer Alltag war und als solcher die Faktenfülle des Buches dominiert. Es sind Details einer Lokalgeschichte, die laut Schulze schon vor der Gründung des späteren Mauerstaates eine Art Schmelztiegel der Geschichte von SED und DDR gewesen ist. Ole Töns

Hans Michael Schulze: In den Wohnzimmern der Macht, Das Geheimnis des Pankower Städtchens. Mit einem Vorwort von Wolfgang Leonhard, Quintessenz Verlag, Berlin. 244 Seiten, 39,90 Euro.

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