Zeitung Heute : Schlüsselloch- Technik

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Leistenbruch-Behandlung

Hartmut Wewetzer

Der Mensch ist perfekt. Fast jedenfalls. Wäre da nicht jenes knapp fingerdicke Loch in der linken und rechten Leistenbeuge. Hier verläuft der streichholzlange Leistenkanal. Er verbindet die Bauchhöhle gewissermaßen mit der Außenwelt. Durch ihn ziehen beim Mann der Samenstrang zum Hoden und bei der Frau das Mutterband, das die Gebärmutter am Becken befestigt. Eine Schwäche des Bindegewebes führt aber nicht selten dazu, dass Eingeweide – vorzugsweise Darmschlingen – in den Kanal hineindrücken und die Leistenbeuge ausbuckeln.

Dieser kleine Konstruktionsfehler namens Leistenbruch ist lästig und schmerzhaft – und wird den Chirurgen Arbeit bis ans Ende aller Tage geben. Wenn die herausgedrückten Eingeweide im Leistenkanal eingeklemmt werden, kann es sogar gefährlich werden. Denn dann besteht die Gefahr, dass Darmgewebe abstirbt, und sofortiges Handeln ist geboten.

Jedes Jahr werden in Deutschland schätzungsweise 200 000 Leistenbrüche operiert. Früher wurde der Leistenkanal repariert, indem man die Lücke im Bindewebe aufspürte, zusammenraffte und vernähte. Das hielt meist ganz gut, führte aber dazu, dass an dieser Stelle schmerzhafte Spannungen und erneute Risse auftreten konnten.

Vor 15 Jahren begann dann der Siegeszug einer neuen Methode. Der amerikanische Chirurg Irving Lichtenstein und andere Mediziner entwickelten eine „spannungsfreie“ Leistenbruch-Reparatur. Fortan wurde die Bruchpforte mit einem feinen Netzgewebe übernäht, ähnlich einem Flicken auf einem durchgescheuerten Ellbogen oder Knie. Eigentlich einen Nobelpreis wert!

Fortschritt Nummer zwei: die „minimal-invasive“ Schlüsselloch-Chirurgie. Bei diesem Verfahren wird kein langer Schnitt gemacht, sondern die Operationsgeräte werden über kleine Löcher in der Bauchdecke eingeführt, der Chirurg sieht über eine Videokamera den Ort des Geschehens. Der Vorteil gegenüber der „offenen“ Operation: Kleine Narben, schnelle Erholung. Der Nachteil: Vollnarkose, höhere Kosten. Und außerdem mehr Komplikationen und häufigeres Wiederauftreten von Leistenbrüchen. Das jedenfalls geht aus einer neuen Studie von Leigh Neumayer von der Universität von Utah in Salt Lake City hervor.

Andere Chirurgen halten dagegen. So Heinz-Johannes Buhr von der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin, der gute Erfahrungen mit der Schlüsselloch-Technik gemacht hat. Einiges spricht dafür, dass Chirurgen, die oft Leistenbrüche operieren, erfolgreicher sind. Es könnte also sein, dass Erfahrung eine entscheidende Rolle spielt – und nicht nur die Operationstechnik.

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