Zeitung Heute : Schlüsselszenen

Was nutzt das schönste Haus, wenn man nicht reinkommt – oder man sitzt drin und kann nicht raus. Um in Südafrika zu wohnen, muss man sich Zahlen einprägen – und nur mit einem Arm schwimmen können. Ein Sicherheitsreport.

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Von Esther Kogelboom An einem Dezembermorgen im Kaufhaus Edgars, umgeben von Plastiktannen, bete ich ein Stoßgebet. Hoffentlich ist mein Schlüsselbund noch hier, wo ich ihn am Vorabend vermutlich liegen gelassen habe – in einer Umkleidekabine im Erdgeschoss. Ich erkundige mich an der Kasse. Wie er denn aussieht, will die Verkäuferin wissen.

An meinem Schlüsselbund hängen nicht nur Schlüssel für die Wohnung in Kapstadt, sondern auch drei runde Plastikscanner, mit denen man Türen und Schranken öffnet, und eine Fernbedienung, mit der man das Hauptgate zum Haus vom Auto aus bedient. Dazu kommen noch die Autoschlüssel, die Schlüssel für das Lenkradschloss sowie die Scanner fürs Büro. Ein südafrikanischer Schlüsselbund ist so groß und schwer, dass man ihn nicht in die Hosentasche stecken kann, ohne dass die Hose runterrutscht.

Ich rede und rede und rede, während die Verkäuferin mich mitleidig ansieht. Als ich die kleine Elefantenfigur aus Filz erwähne, strahlt sie, springt aufgeregt hinter der Kasse hervor und drückt mich an ihren riesigen Busen: You’re lucky. Ich habe Glück, großes Glück. Der Schlüsselbund wartet schon auf mich. Ich darf ihn im Obergeschoss abholen.

Der südafrikanische Schriftsteller Ivan Vladislavic schreibt in seinem aktuellen Buch „Portrait with Keys“ von der Begegnung mit einer schwedischen Journalistin. Die entdeckt seine Schlüssel auf dem Tisch: „Eine enorme Schlüsselkollektion. So etwas habe ich noch nie gesehen. In Schweden würde nur ein Hausmeister so etwas brauchen.“ (…)

„Der erste Grundsatz des Schlüsselmanagements lautet, alle Schlüssel, die zu einem jeweiligen Lebensbereich gehören, an einem Ring zu befestigen. (…) Insgesamt sind es übrigens nur 17“, schreibt Vladislavic, aus dessen Buch eine große Hassliebe für Johannesburg spricht.

Im Januar, ein Wohnkomplex. Ich bin zum Abendessen eingeladen, halte mit dem Auto vor der Schranke. Der Wachmann kommt aus seinem Häuschen. „Hallo“, sagt er. „Wie geht’s?“ – „Gut danke. Und selbst?“ - „Bestens. Wo soll’s hingehen?“ – „Zu David und Stephanie.“ - „Wohnungsnummer?“ Ich zögere. War es 567 oder 754? Vielleicht 645? Ich rufe Stephanies Handy an. Es ist 391. 391.

„391“, sage ich. Der Wachmann ruft über eine Standleitung das Festnetz von David und Stephanie an. „Der Besuch ist da.“ Dann notiert er mein Autokennzeichen und die Uhrzeit. Ich muss ein Papier unterschreiben, und die Schranke geht hoch. Der Wachmann wünscht einen schönen Abend – Enjoy! – und verschwindet wieder in seinem Häuschen. Vom Balkon hat man einen unverstellten Blick auf die Mauer, die den Backstein-Wohnkomplex umgibt. Über die Mauer hinweg ziehen sich fünf Streben Elektrodraht. Die Grillen zirpen, der Pool liegt still im blauen Abendlicht. Aus der Küche duftet es nach frisch zerpflückter Minze. Es gibt Mojitos, und der Gastgeber zählt mit, wie oft sich Beyoncé im Video zu Irreplaceable ins Haar fasst. Ein entspannter Freitagabend im Kreise von weißen Durchschnittsverdienern. Die wirklich reichen Villenbewohner, erfahre ich, legen Wert auf individuelle Sicherheit. In einem Wohnkomplex teilt man sich die Kosten.

Kurz nachdem der international geschätzte Historiker David Rattray in seinem Haus ermordet worden ist, als er sich schützend vor seine Frau stellte, erzählt ein Deutscher:

„Wir haben einen Vertrag mit der Sicherheitsfirma ADT abgeschlossen. Der beinhaltet, dass ich einen Panic Button bekommen habe. Er liegt jetzt auf meinem Nachttisch und ist direkt mit einer privaten Sicherheitsleitzentrale verbunden. Vor einigen Tagen habe ich den Knopf gedrückt, um zu testen, was passiert. Schon zehn Minuten später sind zwei schwer bewaffnete Männer mit kugelsicheren Westen und Taschenlampen über die Mauer gesprungen. Ich glaube, auf ADT kann man sich verlassen. Allerdings … ich weiß nicht, reichen zehn Minuten? Manchmal muss ich einfach an Jodie Foster denken und den Film Panic Room.“ – Welche Sicherheitsfirmen leisten gute Arbeit, welche nicht? Was ist wem wo unter welchen Umständen passiert? Wie schützt man sich im Alltag? In Südafrika ist das Wetter nur selten Gesprächsthema.

Für den Zeitraum von Anfang April 2005 bis Ende März 2006 zählte die südafrikanische Regierung 18 545 Morde, 20 553 Mordversuche, 54 926 Vergewaltigungen, 226 942 Überfälle mit Gewaltanwendung und 12 825 Carhijackings – also bewaffnete Überfälle auf Autofahrer. Stark gestiegen ist die Zahl der bewaffneten Hausüberfälle. Allein in Johannesburg, schätzen Experten, werden rund 50 Häuser oder Wohnungen am Tag überfallen. Die Regierung will die Polizei bis 2009 von 150 000 Mann auf 190 000 Mann aufstocken. Augenblicklich beschäftigen private Sicherheitsfirmen wie ADT dreimal so viele Mitarbeiter wie die Polizei.

Kapstadt, öffentliches Salzwasserschwimmbad an der Beachfront in Seapoint. Führen diese Männer ein Wasserballett auf? Nein, sie halten beim Brustschwimmen mit einer Hand ihren Schlüsselbund in die Höhe. Wer sich schnell mal abkühlen will und niemanden kennt, der kurz auf seine Sachen aufpassen kann, hat nicht nur das Schlüsselproblem. Wohin mit dem Geld? Eine junge Frau gibt mir den Tipp, das Wechselgeld ins Bikini-Top zu stecken. Klar, das werde dann nass, aber sie hänge das Geld zu Hause auf die Wäscheleine. Wenn sie beim Eintrittzahlen Münzen zurückbekommt, ist das eben Trinkgeld. RandScheine trocknen schnell.

Johannesburg, Ende Januar. Power Failure. Stromausfall. Teile der Stadt liegen im Dunkeln, ein Huhn liegt halbgar im Ofen. Es sollte eine kleine Housewarming-Party werden, und nun gibt es keine Musik. Ein paar Leute sitzen bei Kerzenschein um den Tisch und fluchen. Plötzlich steht ein Mann in orangefarbener Warnweste im Raum und fragt, ob er vielleicht was zu essen haben kann. Die Runde erstarrt. Aber es ist nur der eigens engagierte Parkwächter, der draußen auf die Autos der Gäste aufpassen soll. Ein Einbrecher, sagt eine Drehbuchautorin, würde wohl kaum in orangefarbener Warnweste erscheinen, nicht wahr? Alle lachen erleichtert. Der Mann bekommt ein Stück Kuchen und verschwindet wieder. Am nächsten Morgen werden alle Nachbarn, die kein Notstromaggregat haben, ihre Alarmanlagen neu programmieren müssen.

Ich fahre eine Kollegin nach Hause, die zwei, drei Schnäpse zu viel hatte. Weil ich sie ins Haus bringen will, frage ich nach dem Code für ihre Alarmanlage. „Sie ist vierstellig“, lallt sie „Rate mal.“ – „4652“, schätze ich. – „Fast.“ Sie kichert. Sie sagt, dass sie immer dann in ihrem Auto schläft, wenn ihr die Zahlen nicht mehr einfallen wollen – so wie heute. Denn wenn sie dreimal die falschen Ziffern eingibt, geht der Alarm los. Ein seltsames Gefühl: Alles, was man zu seinem Schutz aufgebaut hat, kann sich gegen einen selber richten.

Ein deutsches Restaurant in Johannesburg. Alpenländische Gemütlichkeit. Die Kellnerin tischt den besten rheinischen Sauerbraten auf. Dann sagt sie: „Ich halte es hier eigentlich nicht aus, aber das Geschäft läuft gut. Meinem Mann gefällt es. Aber unserem Sohn haben sie mehrmals Autos gestohlen. Die Einbrüche …“ Sie fasst sich erschöpft an den Kopf, rollt mit den Augen. „Es ist wie eine ständige Bedrohung. Man muss permanent auf alles achtgeben. Mal ist die Angst größer als man selbst, mal kleiner.“ Angst macht unfrei, die Zeitungen und Magazine sind voll davon – dramatische Schicksalsgeschichten werden geschildert, psychosomatische Krankheiten analysiert. In vielen Handtaschen findet sich Rescue Remedy, eine homöopathische Bachblüten-Medizin gegen Panikattacken. Die Tropfen gibt es in Getränkemarken.

VW rüstet die Autos, die in Südafrika verkauft werden, auf Wunsch mit einem speziellen Sicherheitssystem aus. Das bedeutet neben dem Hijacking-Panic-Button: Wenige Sekunden nach dem Anlassen des Motors wird der Wagen automatisch von innen verriegelt. Die Knöpfchen verschwinden dann, begleitet von einem leisen Fiepen, in der Türverkleidung. Dumm, wenn man gerade seinen Oberarm auf der schmalen Fensterbank abgelegt hat – das Knöpfchen verschwindet so schnell, dass es eine Spur Haut mit in die Tür zieht. Ich habe an der Stelle jetzt eine kreisrunde Narbe.

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