Zeitung Heute : Schlüsselübergabe: Fünf Sekunden Pathos

Markus Feldenkirchen

Renate Künast ist zu spät. Mit verschlafenen Augen stolpert sie in die Eingangshalle des neuen Kanzleramts, schaut sich verloren um, fragt einen Ordner und eilt schließlich in den Ehrenhof, wo Bauminister Kurt Bodewig schon zu gestanzten Einweihungssätzen angesetzt hat. Von hinten klettert sie auf das Podest, reiht sich ein in das feierliche Standbild, das sich Kabinett nennt. Wohin mit der Sonnenbrille? Besser ins Haar stecken. Renate Künast steht jetzt schräg hinter dem Kanzler. Gerhard Schröder hat keine Sonnenbrille dabei, was schade ist. Denn so kann man nicht genau sagen, ob es an der Sonne liegt, dass er bei dieser Zeremonie, die sich "Schlüsselübergabe" nennt, die ganze Zeit so verkniffen schaut.

Vor dem Architekten Axel Schultes darf also erst noch Bauminister Bodewig ans Festtagsmikrofon. Er gibt den Fachmann und wertet den Bau des neuen Amtes als "deutliches Zeichen für umweltverträgliches Handeln". Der Kanzler muss niesen. Seine Frau Doris kramt ein Taschentuch aus der schwarzen Handtasche. Kitzeln die Sonnenstrahlen in der Kanzlernase? Renate Künast setzt ihre Sonnenbrille mit orangefarbenen Gläsern auf. Wenn man böse sein will, könnte man Anspielungen aus der Rede Schultes herauslesen. Anspielungen darauf, dass nur wenige seinen Bau wirklich haben wollen. Deshalb gibt er den Satiriker und hebt noch mal die Vorzüge hervor: Er sei "auf fast unverschämte Weise sicher", dass der Kanzler die Akustik der Räume "mit Erfolg ins Wirken setzen" könne, sagt er zum Beispiel.

Dann die Schlüsselübergabe. Das Protokoll sieht vor, dass Schröder einen silbernen Plastikschlüssel in halber Kanzlergröße aus den Händen Schultes entgegennimmt. Den soll er in ein Loch stecken, das man am vorderen Podestrand auf den grauen Teppich gestellt hat. Schröder macht dabei keine nennenswerten Fehler. Der symbolische Akt verrauscht in fünf Sekunden. Nur die flinken Fotografen retten ihn für die Archive der Zeitgeschichte. Sicher hatten einige auf einen Showdown gewartet zwischen dem Kanzler und seinem Architekten. Würde Schröder noch mal zu einer Fundamentalkritik am Koloss ansetzen ("Alles viel zu wuchtig")? Würde er gar die Annahme des Schlüssels verweigern, wie der Bräutigam, der in letzter Sekunde vom Altar flüchtet? Das kann er natürlich nicht. Aber auch sonst ist der Kanzler an diesem Morgen korrekt und keinesfalls auf Krawall frisiert. Honig für den Architekten: Dass es sich hier um einen "prächtigen, beeindruckenden Bau" handle, der viele Gesichter habe, sagt Schröder zum Beispiel. Dass dem "Anspruch auf Transparenz" in hervorragender Weise genügt worden sei. Und dass die Umgebung die Kreativität aller Mitarbeiter beflügeln werde. Dann wird Schröder sogar kurz pathetisch. Er spricht davon, dass das Band des Bundes, in dessen Zentrum das Kanzleramt nach Abschluss aller Bauvorhaben stehen werde, sich wie ein "Verband über die Wunden der Teilung Deutschlands" legen werde.

Das alles klingt versöhnlich. "Sie ahnen, dass jetzt das Aber kommt", sagt Schröder und setzt zu einer Warnung vor missverständlicher Symbolik an, die von der gewaltigen Größe des Baus ausgehen könne. "Wir beziehen nicht Sanssouci. Hier wird nicht geherrscht, sondern regiert." Vor dem hochgewachsenen Amt sehnt der Kanzler sich nach Erdhaftung. "Lasst uns den Ball flach halten", heißt das im Schröder-Deutsch. "Also: An die Arbeit." Geschafft. Irgendwie ist dieser von Befindlichkeiten überlagerte Akt ohne gegenseitige Giftspritzen über das Podium gegangen.

Alle klettern dann auch rasch hinunter und strömen erleichtert in die Weiten des neuen Amtes. Renate Künast nimmt sich einen Orangensaft und will erstmal die "Birnbäume auf den Felsen" sehen, die in sechs Meter hohen Betonkübeln gepflanzt sind - Felsenbirnen nämlich, ein Zierstrauch mit kleinen, essbaren Früchten. Gerhard Schröder spaziert mit Gattin Doris durch den Kanzleramtsgarten, der zurzeit so wenig grün ist wie, sagen wir, die Außenpolitik von Joschka Fischer. Bis der Rasen gepflanzt ist, bleibt der einzige Farbtupfer im Garten ein rot-weißer Windsack, der an diesem Mittwoch lustlos vor sich hin schlabbert. Oben, vor dem Kabinettssaal, vergnügt der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seine Gesprächspartner mit der Anekdote vom Feldstecher. Den habe er sich jetzt nämlich bestellt, weil er damit von seinem Büro im Bundestag freie Sicht in den Kabinettssaal, das Arbeitszimmer des Kanzlers und dessen Schlafgemach habe. "Ich kann meiner Kontrollfunktion als Parlamentspräsident jetzt voll nachkommen", freut sich Thierse. Der Mann, den sie in seiner Fraktion gelegentlich als "Reichsbedenkenträger" verspotten, ist heute ganz gelassen: "Die Berliner werden sich schon gewöhnen an das neue Kanzleramt."

Aber ein kleines bisschen wird das schon noch dauern. Allein die praktischen Fragen! Da ist die Sekretärin der "Außenstelle Kanzleramt", die extra aus Bonn angereist ist und nun verkündet, dass "wir aus Bonn einhellig der Meinung sind: Das gefällt uns nicht." Zu groß, zu lang die Wege. Alleine um einen Kaffee aus der Kantine zu holen, brauche man hier zehn Minuten. Ihre düstere Prognose: "Hier wird man weniger geschafft kriegen als in Bonn."

So etwas wie Mitleid mit dem neuen Hausherrn schwingt aber doch mit bei der altgedienten Schreibkraft: "Das war ja auch für den Dicken geplant." Ihr Bruder rede ja immer von "Kohls Rache". Recht hat er, der Bruder.

Der Fahrer des Partyservice kommt auch noch nicht klar mit dem neuen Kanzleramt. Er rammt seinen Lkw gegen die Überdachung des Pförtnerhäuschens. Der Lkw wackelt, das Kanzleramt hält. Immerhin. Und immerhin gibt es nicht nur die Meckerer, sondern auch die Polizeihauptkommissarin Beate Schmidt vom Bezirk Mitte. Die musste die Mauern des Kanzleramts die ganze Nacht vor angekündigten Schmierereien schützen. Weil alles sauber geblieben ist, kann sie jetzt entspannt durch Kanzlers Garten laufen und ist "von außen begeistert und von innen begeistert". Diese Scheu vor den Großbauten kann sie ohnehin nicht nachvollziehen. "Es ist halt was Neues. Ein Neuanfang für die Bundesrepublik." Endlich hat es jemand verstanden, hätte Architekt Schultes sicher gedacht. Doch der Mann mit hochstehendem Kragen hat heute für sich beschlossen, nur noch mit Fernsehteams aus dem Ausland zu plaudern. Die Fragen der deutschen Journalisten, die immer nur wissen wollen, ob er denn nun mit dem Kanzler versöhnt sei, hat er satt. "Dazu sage ich nichts mehr, wirklich nicht."

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