Zeitung Heute : Schluss mit der Kindheit und der Unmündigkeit

Der Tagesspiegel

Individuen und Gesellschaft müssen wollen, dass gearbeitet und gelernt wird. Diesen Willen zu zeigen, haben beide Seiten nach dem Vorliegen der Pisa-Studie nunmehr die vielleicht letzte Gelegenheit. Beide haben die Chance zu zeigen, dass sie bereit sind erwachsen zu werden, denn das heißt erwachsen sein: Bereitschaft und Fähigkeit, sich selbst am Leben zu erhalten. Beides ist im Bildungswesen der deutschen Republik nicht erkennbar – dieses ist eine wesentliche Botschaft der Pisa-Ergebnisse.

Beispiel Lesekompetenz: Deutschland liegt unter dem Durchschnitt, mit einem großen Abstand zur Spitzengruppe. 42 Prozent lesen nur, wenn sie dazu gezwungen werden; die Fähigkeit Texte zu reflektieren und zu bewerten ist verkümmert. Dabei ist diese Fähigkeit lehr- und lernbar. Mit anderen Worten: Eine viel zu große Zahl von Individuen will offenbar gar nicht, und den für diesen mangelnden Willen Verantwortlichen fehlt selbst der Wille, etwas dagegen zu unternehmen.

Was könte man unternehmen? – Nicht kleinere Klassen und weniger Pflichtstunden für Lehrer, nicht spielendes Lernen und Rückzugsecken – all das wurde probiert. Die Pisa-Studie zeigt, wie unabhängig die Qualität von solchen Maßnahmen ist. Jetzt sind Leistungen einzufordern, von den Kindern durch Lehrer, die als Leistungsträger selbst ein Vorbild sein müssen.

Beispiel Mathematik: Wenig Spitzenleistungen, gehören zu einer Risikogruppe, deren Berufsfähigkeit fraglich ist, und Mädchen werden durch ein fehlgeleitetes Selbstkonzept daran gehindert, mathematische Leistungen mit ihrem Ego in Einklang zu bringen. Das heißt: Die Gesellschaft gestattet ihrem Bildungssystem darauf zu verzichten, ein Viertel der Bevölkerung arbeitsfähig zu machen und wird künftig noch mehr in Sozialleistungen investieren müssen statt in das Bildungssystem. Sie unternimmt nichts dagegen, dass das Bildungssystem sich selbst in einer Weise in Geschlechter unterteilt: Unter den 15-Jährigen haben Mädchen eine größere Lesekompetenz als Jungen. Lehrerinnen geben den weniger „harten“ Fächern den Vorzug, weil sich ein Mathematikstudium nicht mit ihrem weiblichen Konzept vertrug. Deswegen muss man lange suchen, bis man weibliche Lehramtsstudierende in Mathematik, Informatik oder Physik findet, während man in den Grundschulen gleichzeitig weniger als 10 Männer unter den Lehrern sieht.

Beispiel Naturwissenschaften: Schwache Schüler werden unzureichend gefördert, der Unterricht ist zu wenig problem- und anwendungsorientiert. Das beginnt bereits bei der Lehrerausbildung: Künftige Pädagogen studieren eine Naturwissenschaft oft so, als wollten sie Atomphysiker werden, Professoren für reine Mathematik oder Genforscher. Dazu reicht es meist nicht und so enttäuschte Abgewiesene wenden sich dann Schulkindern zu, deren Lehrer aber ein ganz anderes Verständnis ihres Faches benötigen als das eines reinen Fachwissenschaftlers. Hier fehlt es nicht an der Ernsthaftigkeit des Lebens, sondern das Wissen der Lehrer bezieht sich auf eine andere Wirklichkeit als die der Schule.

Fazit: Die meisten Ergebnisse der Pisa-Studie lassen sich unter dieser existentiellen Frage betrachten: Dokumentieren sie nicht die Tatsache, dass dieses Land als Ganzes ebenso wie seine Individuen, Politiker, Lehrer, aber auch Eltern und Schüler den klaren Blick für die harte Wirklichkeit verloren haben? Was wird von jedem künftig verlangt? Mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Leistung, weniger Fun, Spiel und Illusion.

Wo sind die Bildungspolitiker, die sich trauen, dieses ihren Wählern, aber auch dem Bildungspersonal zu sagen? Nutznießer werden nämlich die jetzt lebenden Wähler kurzfristig gar nicht sein, sondern deren Kinder, die als Erwachsene gefordert sein werden, die jetzt lebende Elterngeneration am Leben zu halten, wenn sie alt geworden ist. Was, wenn die sich weigern, bedauernd auf ihre fehlende Qualifikation weisen und darauf, dassßwir heute unseren Teil des Generationenvertrags nicht erfüllt haben, zu dem heute mehr gehört als Essen und Kleidung? Zum Generationenvertrag gehört auch das Vermitteln von mehr Wissen und Können und der Wille zu Anstrengung und Mühe. Dieses Land muss endlich erwachsen werden. Da könnte dann Spaßßvorbei sein für uns alt gewordene Lebenszeit-Kinder.

Schule dient in jeder Kultur einem doppelten Zweck: Dem Einzelnen die Voraussetzungen für ein gutes Leben zu schaffen, indem ihm allgemeine und berufliche Bildung zuteil wird und der Gesellschaft ein Überleben dadurch zu ermöglichen, dass die Einzelnen in der Lage sind, durch gelernte Arbeit ihren Beitrag zur Gesamtproduktivität und damit zur Stabilität zu leisten. Folglich muss von beiden, den Individuen und der Gesellschaft, erwartet werden , dass sie ihren Beitrag zum Erwerb von Wissen und Können leisten.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und erster Vizepräsident der Freien Universität.

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