Zeitung Heute : Schlussstrich alla Romana

Der Tagesspiegel

Von Martin Gehlen

Ein schwerer Gang für Franz Kamphaus, als er am Freitag in der Unterkirche von St. Marien in Limburg vor die Presse tritt. Seine Stimme zittert, man merkt ihm die innere Erregung an. „Ich mache keinen Hehl daraus, dass mich die Entscheidung des Papstes sehr trifft und traurig macht“, sagt er. Angeschlagen sei er, aber ungebrochen in der Bereitschaft, Frauen, die vor einer Abtreibung stünden, weiter zu helfen. Bis zuletzt hatte der Limburger Bischof, der sich nie als Widersacher Roms oder als Kirchenrebell verstand, auf eine Lösung in seinem Sinne gehofft. Vergebens. Sogar seinen Rücktritt bot er an. Doch Papst Johannes Paul II. lehnte ab.

„Wer gegen sein Gewissen handelt, verliert seine Seele“, dieser Satz – geprägt durch das Zweite Vatikanische Konzil – gehört für den gebürtigen Westfalen Franz Kamphaus zum Fundament seiner Identität. Deshalb hat sich der 70-Jährige als einziger deutscher Oberhirte im Jahr 2000 der Anordnung Roms verweigert, aus der staatlichen Schwangerenberatung auszusteigen. Er gründete die Aktion Konfliktberatung mit dem Motto „Wir lassen euch nicht allein“. Für die elf Beratungsstellen seines Bistums gelang es ihm, ein einjähriges Moratorium zu erstreiten. Nach Ablauf der Frist, so lautete damals die Vereinbarung, wolle man prüfen, wie es weitergeht. Das klang so, als sei der Ausgang offen. Doch Rom wollte nicht mehr diskutieren, Rom wollte dem widerspenstigen Bischof nur noch Zeit geben, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden.

Kamphaus gab nicht auf, besuchte alle Beratungsstellen im Bistum. Seine Notizen hat er im Internet veröffentlicht, das Dokument eines Lernprozesses. „Ich habe keinen Mann zu sehen bekommen“, schrieb der Bischof. „Selten habe ich so unmittelbar erlebt, was es heißt, sitzengelassen zu werden, allein sehen zu müssen, wie man durchkommt.“ Ende des Jahres 2001 verfasste er einen – wie man auch im Vatikan zugab – eindrucksvollen Erfahrungsbericht in der Hoffnung, die Kurie doch noch umstimmen zu können.

„Wir denken an dich. Wir beten für dich. Wir hoffen fest, dass du auch künftig bei uns bist. Wir brauchen dich“, rief auf der letzten Vollversammlung unter dem Beifall des gesamten deutschen Episkopates der Vorsitzende Karl Lehmann dem bedrängten Bischof zu. Zwei Wochen später traf die römische Order in Limburg ein. Und Franz Kamphaus stellt klar: Die Verantwortung für den Ausstieg und dadurch vergebene Lebenschancen von Kindern trage der Papst. Das nehme ihm „ein Stück meiner Gewissensentscheidung“. Limburgs Weihbischof Gerhard Pieschl muss nun den vatikanischen Befehl ausführen. Was das in der Beratungspraxis bedeutet, haben die anderen 26 Bistümer bereits erfahren: Die Sprechzimmer bleiben fortan leer.

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