Zeitung Heute : Schmettern wie die Großen

Der Tagesspiegel

Von Benjamin Quiram

Berlin. Hochpass über außen, Angriff und wieder ein Punkt. Der Netzspieler war einfach zu klein und hatte keine Möglichkeit, den Angriff des Gegners zu entschärfen oder abzublocken. So erging es Thilo von Hagen, einem ehemaligen Erstliga-Volleyballer, eigentlich immer. „Ich war mit 1,84 Meter der Kleinste und musste deswegen Zuspieler werden“, erzählt der 34-Jährige. Und wenn auf dem Feld ein so „kleiner“ Spieler steht, wird das vom Gegner eiskalt ausgenutzt. Dann schlagen die Angreifer drüber.

Das muss nicht so sein, findet Rubens Acosta. Seit einigen Jahren versucht der Präsident des Internationalen Volleyballverbandes (FIVB) schon, durch verschiedene Regeländerungen seine Sportart interessanter zu gestalten. Dabei hat er jetzt die Körpergröße entdeckt. Die nationalen Verbände werden von der FIVB aufgefordert, von 2003 an Volleyball-Ligen für Kleine einzurichten. Dabei gilt bei den Volleyballern natürlich nicht als klein, wer im normalen Leben mit eher geringem Wuchs ausgestattet ist. Bis zu 1,75 Meter (Frauen) und 1,85 Meter (Männer) dürfen die Aktiven schon aufweisen.

In Brasilien wurde das Ganze schon ausprobiert. Mit Erfolg, wie der internationale Verband ausdrücklich betont. Warum das alles? In anderen Ballsportarten wie Basketball oder Handball gibt es doch auch keine verschiedenen Ligen für unterschiedlich große Spieler. Der Weltverband verweist auf demographische Studien zur Weltbevölkerung. Demnach liegen 97 Prozent aller Männer und 95 Prozent aller Frauen unterhalb des vorgeschlagenen Limits.

Im Spitzenvolleyball aber haben Athleten mit Körpermaßen unter 1,90 Meter kaum mehr eine Chance. In der deutschen Nationalmannschaft überschreiten fast alle Spieler die Zwei-Meter-Marke. Die anderen verfehlen sie nur knapp. Genauso sieht es in der Ersten Bundesliga aus: Auch dort sind kleine Spieler kaum vertreten. Bei den deutschen Frauen zeigt sich ein ähnliches Bild. Allerdings können die mit den Außenangreiferinnen Ulrike Jurk und Peggy Küttner immerhin zwei Spielerinnen aufweisen, die zum aktuellen Kreis der Nationalmannschaft gehören. Trotz der für Volleyballerinnen vergleichsweise bescheidenen Körpergröße von 1,74 Meter.

Doch beim Deutschen Volleyballverband (DVV) hält man nicht viel von den Vorschlägen aus Lausanne. „Ich kann mich damit noch nicht anfreunden“, sagt Präsident Werner von Moltke, „ich bin aber auch nicht dagegen.“ Muss er wohl auch nicht. Denn ob der Vorschlag in Deutschland überhaupt Anklang findet, ist fraglich. „Wir werden erst einmal prüfen, ob diese Idee auf Resonanz stößt“, sagt von Moltke und weist auf den kommenden Verbandstag hin. Aber eigentlich ist es auch egal, was von Moltke und der deutsche Verband von der neuen Idee aus Lausanne halten. Denn diese Idee dient natürlich keinem gemeinnützigen Zweck für kleine Spieler aus Europa. Vielmehr sollen vor allem die asiatischen Verbände besänftigt werden. Die fühlen sich schon seit langer Zeit von der Entwicklung hin zu extrem großen Spielern benachteiligt. Deshalb plädieren auch sie für eine Unterteilung in verschiedene Größenkategorien. Denn in Asien wachsen die Menschen nicht so in den Himmel wie in europäischen Breiten. Und die Verbände aus China, Japan und Südkorea sind im Volleyball einflussreich.

Allerdings findet die Idee auch in Deutschland Gefallen. „Ich bin dafür“, sagt Thilo von Hagen, der nach seiner sportlichen Karriere als Pressesprecher für den Deutschen Volleyballverband tätig ist. „Dann habe ich vielleicht noch eine Chance auf eine zweite Karriere und werde Angreifer.“

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