Zeitung Heute : Schmökern im Datennetz

HELMUT MERSCHMANN

"Vergriffen!" - lautet oft die Antwort bei der Suche nach einem bestimmten Buch. Immer kürzer wird die Lagerdauer in den Läden. Vor wenigen Jahren erschienene Publikationen sind häufig gar nicht mehr im Handel vorrätig, auch nicht auf Bestellung. Manchmal landen die Werke schon nach zwei Jahren im Ramsch. So listet das "Verzeichnis lieferbarer Bücher" zwar 750 000 Einträge auf. Doch bei jährlich80 000 Neuerscheinungen ist die Fluktuation im Buchregal notgedrungen groß. Da hilft nur eins: Der Gang ins Antiquariat.Dort wiederum stellt sich einem ein ganz anderes Problem, nämlich das der Organisation. Wie erhält man die gewünschte Lektüre, wo fängt man mit der Suche an? Nichts gegen stundenlanges Trödeln. Will man aber bloß an ein bestimmtes Buch gelangen, und das noch möglichst schnell, läuft man sich meist die Hacken ab. Als Jens Bauersachs und Bernd Heinisch sich 1997 dieser Misere bewußt wurden, war das Problem auch schon zur Hälfte gelöst. Ihre Geschäftsidee: eine antiquarische Datenbank im Internet. Das "Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher" (ZVAB) ( www.zvab.de ) war geboren.Anfangs beteiligten sich bloß zehn Berliner Antiquariate, die ihre kompletten Bestände in die Internet-Datenbank einspeisten. Augenblicklich sind es 179. Dafür brauchte es gehöriges "Klinkenputzen", wie Friedemann Kutschbach, zuständig für die Kundenakquise, erzählt: "Wir mußten die Antiquare vom Internet überzeugen". Die Mühe hat sich freilich gelohnt. Über die flinke Suchmaschine hat der Bücherwurm nunmehr Zugriff auf 628 000 Werke, geordnet und verschlagwortet nach 2359 Sachgebieten, von A wie Abenteuer bis Z wie Zug. Die Suchanfrage ist beim ZVAB denkbar einfach gehalten. Binnen Sekunden erhält man das Ergebnis aufgelistet, inklusive der Adresse des Antiquariats, wo das gesuchte Exemplar zu beziehen ist. Anruf genügt und schon ist man selbst oder das Objekt der Begierde auf dem Weg.Augenblicklich wird der Datenbestand meist monatlich aktualisiert, abhängig von der Betriebsamkeit der Teilnehmer. Nach und nach jedoch sollen die Buchläden mit entsprechender Software für einen Direktzugriff ausgestattet werden. Im Idealfall, so meint Kutschbach, ist der Bestand dann immer aktuell. Auf mehr als eine halbe Million Datenbankzugriffe kann monatlich verwiesen werden - wesentlich mehr als das westdeutsche "Antiquariatsnetz" ( www.antiqnet.de ), wesentlich weniger als international agierende Großdatenbanken wie "Bibliofinds" ( www.bibliofinds.com ), dem amerikanischen Vorbild mit einem Bestand von neun Millionen Büchern. Indes gehen internationale Anfragen auch beim ZVAB ein. Gerade die Germanistik-Abteilungen amerikanischer Universitäten begeben sich systematisch auf die Suche nach Erstausgaben und anderen Raritäten. Weltweite Sammler gehören ebenfalls zum Kundenstamm. Etwa achtzig Prozent der Suchanfragen stammen aus Deutschland, schätzt Kutschbach, weitere fünfzehn aus dem deutschsprachigen Ausland.Zu den Teilnehmern der ersten Stunde zählt das Berliner Antiquariat Rainer F. Meyer, welches auf historische Bücher bis 1620 und Pressedrucke ausgerichtet ist. Auch solche hochspezialisierten Antiquariate profitieren von der Datenbank, wenngleich sich sein Betreiber bessere Recherchemöglichkeiten wünscht: "Es fehlt die Suchmöglichkeit nach kompletten Sammelgebieten wie in amerikanischen Datenbanken", kommentiert Meyer. Abhilfe ist schon in Vorbereitung. Denn sonst könnten die Antiquare ganz in die internationalen Datenbanken abwandern.

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