Zeitung Heute : Schmusen verboten

Intimitäten im Büro sind ein Störfaktor: Worauf man achten sollte, wenn man Kollegen liebt

Elisabeth Binder

Man sagt, dass es nur blutigen Greenhorns passiert, aber das ist natürlich Unsinn. Liebe schlägt zu, wo sie will, da kann man sich noch so sehr in Acht nehmen. Sie fragt einfach nicht danach, ob das gerade passend ist oder comme il faut. Im Gegenteil, sie ist gern auch mal unvernünftig und äußerst phantasievoll bei der Suche nach neuen unmöglichen Zusammenhängen. Seit Romeo und Julia hat sich die Welt zwar heftig geändert. Aber die Liebe in ihrer Mutwilligkeit ist anpassungsfähig. Also gibt es wirklich keinen Ort, wo man vor ihr sicher ist. Nicht mal das Büro. Und wenn sie ganz kapriziös drauf ist und sich mal richtig daneben und provokant benehmen will, dann schlägt sie eben auch bei der Weihnachtsfeier zu. Obwohl (oder gerade weil) es nirgendwo verbotener ist. Und das ist keineswegs immer mit einer kurzen Nacht abgetan. Manchmal entwickeln sich daraus Beziehungen bis ins Neue Jahr hinein oder sogar darüber hinaus. Wie damit umgehen?

Glücklicherweise geht es uns hierzulande besser als manchen Arbeitnehmern in den USA, denen es schlicht verboten ist, sich von der Liebe treffen zu lassen. Umso größer ist die Selbstverpflichtung, mit den Folgen des Liebesblitzschlags möglichst diskret umzugehen.

Es sollte überflüssig sein, das zu sagen, ist es aber leider nicht. Aufdringlich vorgeführtes Glück, halbiert sich leicht, wenn es sich in den verfinsterten Mienen der Kollegen spiegeln muss. Natürlich möchte man, solange die Hormone noch Tango tanzen, gern eng umschlungen in der Kantine sitzen, schmusend den Kopierer summen lassen und am liebsten den ganzen Tag die Hände nicht voneinander lassen. All das ist natürlich tabu. Man sollte eine Beziehung nicht krampfhaft verstecken, wenn sie denn entstanden ist. Aber das darf nach außen hin nicht anders aussehen als der Umgang zwischen gut kooperierenden, weil eindeutig auf der gleichen Wellenlänge befindlichen Kollegen. Unübliche Intimitäten sind in erster Linie zwar nur peinlich, aber letztlich auch Störfaktoren in einem reibungslosen Umgang miteinander. Außerdem ist es umso schöner, abends nach Hause zu kommen, wenn man sich tagsüber ein bisschen zusammenreißt.

Zusätzlich sollte man versuchen, keine unzulässigen Vorteile aus der Verbindung zu ziehen, sondern möglichst verantwortungsvoll damit umzugehen. Natürlich erfährt man zu Zweit mehr, was in einem Betrieb so läuft, aber wer die Liebe allzu rasch und pragmatisch in ein intrigierendes Zweckbündnis umwandelt, hat sie am Ende wohl gar nicht verdient. Eher wäre es schön, wenn man die Strahlkraft des eigenen Glücks dazu nutzen könnte, das Klima insgesamt ein bisschen zu erwärmen und von der akuten Lebensfreude, die frisch Verliebte normalerweise mit Macht ergreift, auch andere profitieren zu lassen.

Immer wieder gibt es Berichte darüber, dass sich in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten der unmittelbar vergangenen Jahre das Klima in den deutschen Betrieben weiter abgekühlt hat. Das ist für niemanden bekömmlich, aber es ist auch kein Naturgesetz, dass es allein Sache der Chefs sein soll, die Arbeitsatmosphäre im Sinne einer besseren Produktivität wieder etwas anzuwärmen. Im Grunde möchte ja jeder in einer angenehmen Umgebung leben und arbeiten, möchte nicht krank werden vom Stress, den Negativstrahlungen verursachen. Leider gibt es in diesem Land einen vergleichsweise ausgeprägten Hang zu einigen Untugenden, um nicht zu sagen Lastern, die ein schlechtes Klima befördern: Neid gehört dazu an erster Stelle, Missgunst folgt gleich darauf. Und damit sind wir von den Folgen der Weihnachtsfeier in einem entschlossenen Sprung gleich bei den Neujahrsvorsätzen angelangt.

Auch wer gerade nicht verliebt ist, kann versuchen, positive Gefühle in sich wach zu kitzeln und nach außen strahlen zu lassen. Jeder Einzelne sollte versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen auf dem Weg zu einem Klima, das alle bekömmlich finden. Das fängt mit ganz kleinen Schritten an. Auch und gerade wenn es ein grauer Januarmorgen ist, der eigentlich dringend danach verlangte, dass man noch ein bisschen länger im Bett bleibt, kann es nicht schaden, das Lächeln anzuknipsen, wenn man ins Büro kommt und jeden, der einem entgegen kommt, möglichst freundlich zu grüßen.

Ein guter Trick, um sich selber heiter zu halten, ist positives Denken. Das geht ganz einfach. Ein Kollege erringt einen überraschenden Erfolg, einen richtig guten Geschäftsabschluss zum Beispiel. Da kann man sauer sein und sich fragen wieso es diesem blöden Klotz gelungen ist und nicht viel wohlverdientermaßen einem selber. Man kann sich fragen, mit welchen miesen Tricks er das geschafft hat und alle entsprechenden Möglichkeiten mit anderen Kollegen durchhecheln.

Oder man kann sich freuen, dass dem Unternehmen ein weiterer zukunftssichernder Coup gelungen ist und sich fragen, wie man selber auch so was schaffen kann. Wo ist der Kollege besser als man selber? Was kann man von ihm lernen? Statt zu lästern, könnte man mit den Anderen erörtern, was man von dem erfolgreichen Kollegen unter Umständen abkupfern kann. Sicher würde er sich auch freuen, wenn man ihn nach seiner Strategie fragt und bereitwillig Auskunft geben.

Es gibt Dinge, vor denen kann man sich hüten, aber das ist nie eine Garantie, dass man auch verschont bleibt. Liebe im Büro zum Beispiel. Dafür gibt es jede Menge anderer Dinge, die man selber mitgestalten kann. Freundlichkeit im Büro gehört bestimmt dazu. Sie ist gewissermaßen die Zentralheizung für Arbeit nehmende Herzen, die von der Liebe verschont geblieben sind.

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