Zeitung Heute : Schnäppchen-Grenze

Billige Arbeiter und billige Waren – Deutschland stöhnt über die Konkurrenz aus dem Ausland. In Laufenburg am Rhein zeigt sich die Globalisierung mal andersherum: Schweizer kommen zum Shoppen rüber und holen sich preiswerte deutsche Handwerker.

Wolfgang Prosinger

Etwas stimmte nicht. Irgendetwas war da krumm, passte nicht, ein Fehler, na klar, ein Riesenfehler, eine Granatendummheit, wie konnte das bloß passieren?

Es war kurz vor Weihnachten, als die Bauarbeiter den Riesenfehler bemerkten. Bei der neuen Brücke, die das Schweizer Städtchen Laufenburg mit dem deutschen Städtchen, das genauso heißt, verbinden sollte, hatte sich jemand verrechnet. Die beiden Brückenteile, die da vom deutschen und vom Schweizer Rheinufer aufeinander zuzuwachsen begannen, passten nicht zusammen. Höhendifferenz: 54 Zentimeter. Was für eine Ingenieursschande.

Es war ein großes Gelächter damals über die Schildbürger von Laufenburg, der Schaden indessen konnte schnell und für wenig Geld behoben werden, und die Brückenteile fanden schließlich zueinander. Nichts als eine Episode also, hätte nicht die Forschung nach den Ursachen der Panne ein interessantes Detail zu Tage gefördert: Schweizer und Deutsche rechnen verschieden. In Deutschland wird die Meereshöhe, Normalnull, von der Nordsee aus gemessen, in der Schweiz jedoch vom Mittelmeer. Macht eine Differenz von 27 Zentimetern. Das ist Ingenieuren durchaus bekannt, weshalb sie eine Ausgleichsrechnung vornehmen. Dummerweise muss die zuständige Fachkraft an jenem Tag eine kleine Konzentrationsschwäche erlitten haben. Jedenfalls korrigierte sie den binationalen Höhenunterschied in die falsche Richtung, und plötzlich war die Diskrepanz verdoppelt. Und das Baudezernat des Kantons Aargau musste in einem an Heiligabend verbreiteten Communiqué bekennen: „Das Vorkommnis zeigt, dass zwischen der Schweiz und den EU-Ländern ganz offensichtlich immer noch ein Niveauunterschied besteht.“

Das war geografisch gemeint. Heute, gut zwei Jahre später, zeigt sich, dass es noch einen ganz anderen Niveauunterschied gibt.

Dabei gibt es viele, die so einen Satz ganz entschieden bestreiten würden. Und am vehementesten gewiss die Herren Lüscher und Wasmer. Sie bestreiten sozusagen von Amts wegen. Denn sie sind die Bürgermeister der Zwillingsstädte oder, um es ganz exakt zu sagen: Bürgermeister ist eigentlich nur Roland Wasmer; Robert Lüscher, der Kollege von der anderen Rheinseite, heißt, wie es sich in der Schweiz gehört, Stadtammann.

Jetzt sitzen die zwei im deutschen Rathaus, bärtig und im Pullover der Schweizer, adrett mit beigem Sakko und hellblauer Krawatte der Deutsche, und nun stimmen sie ein Duett der Jubeltöne an. Von wegen Niveauunterschied. Nein, nicht die geringsten Unterschiede gebe es zwischen den beiden Laufenburgs. Überhaupt seien das gar keine verschiedenen Orte, auch wenn da mit dem Rhein eine Grenze mitten hindurch gehe, das sei eine Stadt, so steht’s auch auf den Werbeprospekten. 800 Jahre gemeinsame Geschichte habe man auf dem Buckel. „Da versteht man sich schon“, sagt der Schweizer. „Wir bilden eine Symbiose“, sagt der Deutsche.

Tatsächlich war Laufenburg jahrhundertelang eine Stadt, der Rhein war keineswegs Grenze, sondern gemeinsamer Lebens– und Arbeitsraum für die Leute von hüben und drüben, Fischer zumeist. Und die alte Brücke war so etwas wie anderswo der Marktplatz, hier traf man sich, flanierte hin und her, baute Marktstände auf, hier spielte das kleinstädtische Leben. Bis Napoleon kam, den Fluss 1801 zur Grenze erklärte, und plötzlich war aus dem habsburgischen Laufenburg ein deutsches und ein schweizerisches geworden: Laufenburg im Kanton Aargau, Laufenburg in Südbaden.

Die beiden Bürgermeister, stolz und entschlossen, scheinen vor Napoleon allerdings nicht den geringsten Respekt zu haben. Von wegen Trennung, alles mache man hier gemeinsam, Kultur, Feste, Tourismus, Vereinsleben und ganz besonders natürlich die weithin berühmte alemannische Fasnacht – ein einig und einzig Laufenburg. „Die Trennung ist in den Köpfen nie nachvollzogen worden“, sagt Stadtammann Lüscher und schwingt sich auf zur völkerverbindenden Emphase: „Wir atmen doch alle die gleiche Luft.“ Da will Bürgermeister Wasmer nicht nachstehen, und er steigert sich zum heiligen Eid: „Die nächsten 800 Jahre gehören wir zusammen.“

Sie haben ja Recht in ihrem grenzüberschreitenden Stolz. Verwinkelt schmiegen sich die Altstadtkerne ans abfallende Rheinufer, hohe Bürgerhäuser, die sich im Wasser spiegeln, spitze Giebel, krumme Gassen, lauschige Brunnen. Eine felsige Schlucht war hier früher, die den Rhein zu einer Schmalstelle von nur zwölf Metern zusammenpresste, durch die das Wasser mit Getöse und über zahlreiche Stromschnellen („louffen“, daher der Name) zischte.

Vor 100 Jahren erst wurde das Gestein für einen Kraftwerksbau weggesprengt, heute fließt der Rhein ruhig dahin, und an die alten Zeiten erinnert nur noch ein einsamer Felsen, der schroff und steil am badischen Ufer steht. Aber es sitzt keine Loreley darauf und kämmt ihr goldenes Haar, sondern ein gewaltiger steinerner Adler, der ein Kreuz in seinen Klauen hält und an die Toten des Ersten Weltkriegs gemahnt. Ein malerischer Platz, dieses Laufenburg, und dazu ein Umland der Attraktionen: der Schwarzwald im Norden, die Alpen im Süden, ein paar Kilometer zum Bodensee, eine halbe Stunde nach Basel, eine dreiviertel nach Zürich. Die Fremdenverkehrsprospekte haben keinen Themenmangel.

Was sie nicht schreiben: Es ist eigenartig still in den Ortskernen links und rechts vom Fluss, wenig Leute sind unterwegs, kaum ein Auto, und die Geschäfte … Ja, was ist eigentlich mit den Geschäften los? Schaufenster mit Papier verklebt, mit Vorhängen verschlossen; andere Schaufenster, fast leer, in denen spärlich Kunst und Kunstgewerbe angeboten wird, Dekorationen, hinter denen nichts ist. Auf der Schweizer Seite gibt es so gut wie keine Läden mehr, auf der deutschen werden es immer weniger. Laufenburg, eine Stadt der Kulissen. Was ist da los?

Es ist etwas passiert, was sehr eng mit jener Brücke zu tun hat, der mit dem Rechenfehler. Sie liegt ein wenig außerhalb der beiden Altstädte, an die eineinhalb Kilometer entfernt, am 17. Dezember 2004 war feierliche Eröffnung. Dafür wurde die alte innerstädtische für den Autoverkehr geschlossen, und durch die beiden Laufenburgs ging ein großes Aufatmen. 4500 Autos hatten sich zuletzt täglich durch die kleinen Gassen gequält, ihren Gestank, ihren Lärm und Schmutz hinterlassend. Nun fahren sie über die neue Brücke, spazieren gemütlich und unbehelligt hin und her, auch die Zollhäuschen sind längst geschlossen, und die Altstädte haben endlich ihre Ruhe.

An der neuen Brücke aber brummt das Leben. Neben dem deutschen Laufenburg und dem Schweizer Laufenburg ist dort nämlich ein drittes Städtchen entstanden: das Konsum-Laufenburg. Eine Stadt ohne steile Giebel, ohne hohe Häuser, eine Stadt der Flachdächer, der platt hingestreckten Hallen. „Laufenpark“ heißt das Agglomerat. Aldi ist da und Lidl, Edeka und Deichmann und Schlecker. Immer neue Flachbauten sind entstanden, mit riesigen Parkflächen. Darauf stehen Autos, die Schweizer Nummernschilder tragen: Aargau, Zürich, Solothurn, Basel, Luzern.

Vorhin im Rathaus, bei der großen Beschwörung der deutsch-schweizerischen Einheit, hat Bürgermeister Lüscher gesagt, eigentlich gebe es zwischen den beiden Laufenburgs nur zwei winzige Unterschiede. Der eine ist die Bevölkerungszahl: Während der Schweizer Ort immer mehr Bürger verloren hat und jetzt auf dem Tiefpunkt von 2100 angelangt ist, wächst die deutsche Schwester, hauptsächlich durch Eingemeindungen, und ist jetzt bei 8600. Und der andere Unterschied, das ist – das Preisgefälle.

Deutschland ist in den letzten Jahren für die Schweizer zum Schnäppchenland geworden: 30 Prozent billiger sind hier die Waren im Durchschnitt, berichtet die „Basler Zeitung“. Und in manchen Einzelfällen sind die Unterschiede besonders massiv. Fleisch zum Beispiel: bis zu 98 Prozent billiger. Andere Nahrungsmittel: 49 Prozent. Artikel der Gesundheitspflege: 50 Prozent. Und dazu kommt noch die Mehrwertsteuer, die sich Schweizer zurückerstatten lassen können.

Also kommen sie in Scharen zum Großeinkauf über den Rhein, so, wie die Deutschen in Scharen über die polnische Grenze strömen, immer auf der Suche nach dem Preisgefälle. Und die Deutschen pflastern die Grenzlandschaft am Hochrhein mit Billigdiscountern. Gar nicht weit von Laufenburg steht das Vorbild, in Jestetten bei Schaffhausen: der größte Aldi-Markt Deutschlands, 10 000 Liter Milch werden von dort aus an manchen Samstagen über die Grenze zur Schweiz befördert. Unglaublich, waren doch die Schweizer immer so stolz auf ihre eigenen Kühe. Könnte das nicht auch in Laufenburg so sein? Goldgräberstimmung. Und Bürgermeister Wasmer sieht die Kurve der Gewerbesteuereinnahmen einen geradezu entzückenden Verlauf nehmen: „Wir sind eine Einkaufsstadt, 50 Prozent kommen aus der Schweiz, und die Investoren stehen Schlange.“

Das hat Folgen. Hüben und drüben. Einen Umsatzrückgang von 30 bis 40 Prozent beklagt Rudolf Lüscher für sein schweizerisches Laufenburg. Nicht nur die kleinen Geschäfte mussten schließen, weil sie mit den Dumpingpreisen nicht mithalten konnten, erzählt ein anderer im Rathaus, auch beim großen Supermarkt der Schweizer Coop-Kette ist der Umsatz eingebrochen, es hat Kündigungen gegeben. Die auf der anderen Rheinseite, sagt er, die leben von uns.Was auf doppelte Weise wahr ist: Sie verkaufen den Nachbarn nicht nur ihre billigen Waren, sie gehen auch noch in die Schweiz zum Arbeiten. Weil es da Jobs gibt und Gehälter, von denen die Deutschen nicht zu träumen wagen. Etwa 30 000 aus der Hochrheinregion gehen täglich zur Arbeit über die Grenze. In die Labors der Schweizer Pharmaindustrie hauptsächlich, aber auch deutsche Handwerker zieht es über den Rhein. Weil sie dort erheblich höhere Preise als zu Hause verlangen können. Und die Schweizer freuen sich über die Gäste, sind sie doch immer noch viel billiger als die einheimische Handwerkerschaft. Viele deutsche Betriebe am Hochrhein, heißt es bei der Industrie- und Handelskammer, machen einen Großteil ihres Umsatzes inzwischen in der Schweiz, geschätzte 100 Millionen Euro etwa.

Nur eine Ausnahme gibt es in diesem deutsch-schweizerischen Grenzverkehr: das Benzin. Da ist wiederum die Schweiz das Billigland. 1 Euro 04 kostet dort der Liter Super, also sind es in diesem Fall die Deutschen, die zum Einkaufen in die Schweiz fahren. Auch hier sind die Folgen schon zu spüren: Im Grenzort Konstanz am Bodensee, einer Stadt mit 80 000 Einwohnern, gibt es gerade noch drei Tankstellen.

Aber das mit dem Benzin ändert nichts am Grundbefund: Die Deutschen sind im Kräftespiel an der Grenze derzeit die Gewinner. Aber auch auf der deutschen Rheinseite sind nicht alle glücklich über die ungleiche Entwicklung. Otto Ebner zum Beispiel, vor 69 Jahren wurde er hier geboren, führt ein Bekleidungshaus in der Altstadt und ist einer der wenigen, der mit seinem Geschäft überleben konnte. „Man opfert die Innenstädte“, sagt er. Dabei sei er ja keineswegs gegen die Aldis und Konsorten, bitte, man möge das nicht missverstehen, er begreife ja die Interessen der Gemeinde, schließlich saß er lange Jahre im Stadtrat, man könne sich der Entwicklung nicht verschließen, da habe der Bürgermeister ganz Recht. Aber dass nun auf der grünen Wiese auch Artikel verkauft würden, die eigentlich in die Innenstadt gehörten, das gehe nun wirklich zu weit. Er wolle ja nichts sagen, aber ein Schuhgeschäft zum Beispiel, also, das muss doch in die Innenstadt, oder? Und dann wirft er einen Blick in eine gar nicht rosige Zukunft: „Wenn Aldi und Lidl einmal in die Schweiz gehen, wird das ein Problem.” Dann stehen in Laufenburg riesige Konsumhallen, die keine Kunden mehr bekommen. Geschäftsruinen auf der Wiese, geschlossene Läden in der Innenstadt.

Otto Ebners Sorgen sind nur allzu berechtigt. Am 27. Oktober 2005 haben die ersten vier Aldis in der Nordschweiz eröffnet.

20 Kilometer rheinaufwärts macht sich auch einer Sorgen. Karl Heinz Hoffmann-Bohner hat sein Büro in der deutschen Kreisstadt Waldshut, ist Direktor des Kreisverbands Hochrhein-Bodensee und hat die Aufgabe, die Raumplanung der einzelnen Gemeinden zu koordinieren, auch die Zusammenarbeit mit der Schweiz. Und weil er findet, dass nicht jede Kommune mit der Landschaft einfach so umgehen darf, wie es ihr passt, macht er sich mehr als Sorgen. Eigentlich ist er ein bisschen zornig. Eine Explosion habe es in Laufenburg gegeben, „da werden wertvollste Flächen billig verramscht. Eine ungesunde Entwicklung, die wir nicht in den Griff kriegen. Wir sind hilflos”. Denn sein Regionalverband, der für Qualität und Nachhaltigkeit wirbt, hat keine Möglichkeiten, Sanktionen gegen die Gemeinden zu verhängen. Man sieht Hoffmann-Bohner an, dass er das schade findet.

Und zwar nicht nur, weil er dann besser gegen Landschaftsverbrauch kämpfen könnte, gegen Verschandelung und Zersiedelung, sondern weil ihm gerade die gute Nachbarschaft mit der Schweiz so sehr am Herzen liegt. 800 Jahre, sagt er, haben die in Laufenburg immer alles gemeinsam gemacht, linksrheinisch, rechtsrheinisch, stets im Gleichtakt. Und jetzt auf einmal, innerhalb kürzester Zeit, werde dieser Takt zerstört. „Diese Entwicklung ist ein Kontrapunkt.”

Man möchte ins Grübeln geraten. Über die Schnelligkeit der modernen Zeiten, über die Grenzen, auch die Grenzen in den Geldbeuteln. Es gibt einen schönen Satz über die Flüsse dieser Welt. Er lautet: Die treibende Kraft ist das Gefälle.

Hier am Rhein, zwischen Deutschland und der Schweiz, könnte man ihn ein bisschen abwandeln: Die treibende Kraft ist das Preisgefälle.

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