Zeitung Heute : Schnauze voll, Regale leer

Seit Tagen streiken Deutschlands Milchbauern, nun blockieren sie auch Molkereien im ganzen Land. Wird die Milch bald knapp?

Maren Peters

Erste Warnhinweise gab es bereits am Montagnachmittag. Knapp eine Woche nach Beginn des Milchstreiks redeten zum ersten Mal nicht nur die Bauern, sondern auch die Molkereien offen über die Endlichkeit der Bestände. Und auch ihre Kunden, Lebensmittelhändler wie Edeka und Plus, räumten erstmals ein, dass es schwerer wird, den Nachschub für die Frischetheken zu organisieren.

Am Montag war der Milchstreit eskaliert: Tausende Landwirte hatten Molkereien in ganz Deutschland blockiert und damit nicht nur den Nachschub mit Frischmilch sondern auch die Auslieferung abgeschnitten. Am Nachmittag kündigte der Milchindustrie-Verband (MIV) an, dass spätestens am Mittwoch „Schicht“ sei. Die Lieferengpässe bei frischer Milch und H-Milch nähmen stündlich zu, sagte Geschäftsführer Eckhard Heuser.

Je länger der Streik dauert, desto schwieriger wird es für die Molkereien, die Lieferung an die Supermärkte sicherzustellen. Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka räumte als erster ein, dass es wegen der Molkereiblockaden „punktuell“ zu einem verringerten Angebot in den Supermärkten kommen könne. „Die Molkereien können nicht mehr in vollem Umfang liefern, das schlägt sich natürlich auch bei uns nieder“, erklärte ein Sprecher der Regionalgesellschaft Edeka Minden-Hannover, zu der auch die Berliner Reichelt-Märkte gehören, dann am Dienstag. Noch gebe es genug Frischmilch und H-Milch, „aber Verbraucher sollten sich darauf einstellen, dass sie auf andere Artikel und Marken ausweichen müssen“.

Auch bei den Discountern Plus und Aldi Süd gibt es erste Lücken. „Aufgrund des Einkaufsverhaltens von Kunden kann es kurzfristig zu verringerten Beständen bei Frisch- und H-Milch kommen“, sagte eine Plus-Sprecherin vorsichtig und meinte damit, dass schon einige Verbraucher aus Angst vor Engpässen anfangen, Milchtüten zu hamstern. Das Problem sei aber auf einzelne Filialen begrenzt. Von ersten Schwierigkeiten in einzelnen Regionen und Märkten, berichtet auch Real. Konkurrent Kaiser’s Tengelmann rechnet ab dem heutigen Mittwoch mit ersten Ausfällen. „Heute konnten aber noch alle Filialen ausreichend beliefert werden“, sagte eine Sprecherin.

Beliefert werden die Lebensmittelmärkte von Molkereien wie Nordmilch. Bei dem Branchenführer aus Bremen wurden am Montag alle elf Werke „nahezu hundertprozentig blockiert“, wie eine Sprecherin sagte. Am Dienstag waren noch drei Werke betroffen. „Wo nichts reingeht, geht auch nichts raus“, sagte die Sprecherin der Genossenschaft, die normalerweise von 9000 Landwirten beliefert wird. Wenn der Nachschub an Frischmilch fehle, müsse die gesamte Produktion eingestellt werden. Die Folgen zeigen sich mitunter erst Wochen später. Nordmilch produziert nach Angaben der Sprecherin unter anderem große Mengen an Käse für die Industrie, Pizzakäse zum Beispiel, der eine längere Reifezeit hat. „Wenn uns jetzt der Rohstoff fehlt, gibt es in einigen Wochen keinen Käse“, sagt die Sprecherin. Schon jetzt rechnet das Unternehmen mit Schäden in zweistelliger Millionenhöhe.

Auch den Milchverarbeitern geht wegen des Bauern-Streiks langsam die Milch aus. „Für diese Woche ist noch genug Milch vorhanden, um die Produktion sicherzustellen, für nächste Woche nicht mehr“, sagte Michael Müller, Geschäftsführer des Aldi-Lieferanten Rosen Eiskrem, dem Tagesspiegel. „Wir spüren den Druck der Vorlieferanten.“ Das Unternehmen ist Marktführer bei Handelsmarken-Eiskrem und beliefert alle großen Discounter mit 230 Millionen Litern Gefrorenem pro Jahr. Es gebe zwar Lagerbestände, aber wenn die Streiks anhielten, könnte es schon in zwei bis drei Wochen schwierig werden, genug Speiseeis in die Märkte zu liefern, befürchtet Müller. Der Streik trifft das Unternehmen in der Hochsaison, sogar am Wochenende werde derzeit produziert. Wegen der Knappheit muss Müller den Lieferanten schon jetzt Preisaufschläge von bis zu 15 Prozent zahlen. Teurer soll das Eis für Verbraucher trotzdem nicht werden.

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