Schnee in London : Das Imperium wankt

Helmut Schümann

Die Wintersportnation England ist noch stark ausbaufähig. Man denke nur an Eddie the Eagle, der Ende der achtziger Jahre glaubte, von Skischanzen plumpsen zu müssen und damit das Imperium bei Olympia der Lächerlichkeit preisgab. Außer James Bond und den Windsors gibt es auch kaum Skifahrer auf der Insel, was unter anderem daran liegt, dass der Engländer nur sehr vage Kenntnisse vom Schnee hat. Das belegten am Montag die Sprecher der U-Bahn-Stationen und Bahnhöfe, die den Ausfall der Züge oder wenigstens ihre stundenlange Verspätung mit den Worten „due to the wrong kind of snow, we apologise“ entschuldigten. Falsche Art von Schnee? Die 15 Zentimeter, die draußen auf den Straßen lagen, waren anfangs weiß, nass, kalt und rutschig, so wie Schnee eben ist, aber dem Londoner war er falsch. The right kind of snow dürfte demnach der sein, der gar nicht fällt, dann kann er London nicht ins Chaos stürzen.

Auch der Berliner gerät angesichts der ersten Schneeflocken im Jahr traditionell ins Schleudern, aber mit einigem Stolz kann hier verkündet werden, dass er insgesamt doch sehr sou verän mit der Sache umgeht – im Vergleich zu London. O my God, 15 Zen timeterchen, und das Imperium schwankt, erstarrt, liegt brach, als sei es dem Untergang nah.

Der Busverkehr? Eingestellt. Warum auch nicht, Schulen haben dichtgemacht, Universitäten auch, Banken haben zu, Bibliotheken und Theater auch. Züge, die die Engländer zu den Flughäfen rausfahren, damit sie von dort nach Malta oder Mallorca in die Sonne fliegen können? Stillgelegt, braucht auch keiner, weil die Flüge natürlich auch gestrichen sind. Da Winterreifen in England nahezu unbekannt sind, erliegt selbstredend auch der Straßenverkehr, zumal auch der Fuhrpark der Räumfahrzeuge Ihrer Majestät sehr überschaubar ist. Wer braucht Räumfahrzeuge, wenn es alle paar Jahre mal ein wenig rieselt? Was bloß, wenn am Mittwoch der Schnee noch liegt und die Premier League wieder Fußball spielen will? Rasenheizungen sind allenfalls etwas für die Weicheier vom Kontinent, in England aber unbekannt.

Zum Glück wird dem Londoner ein gewisser Hang zum Understatement zugeschrieben. Er nimmt’s gelassen, er nimmt sich ein verlängertes Wochenende und baut Schneemänner. Und am Nachmittag erreichte uns die Meldung, dass sich eine der Säulen des Commonwealth auch wieder stabilisiert hat. Die Wachablösung in Whitehall musste verspätet vollzogen werden, fiel aber nicht aus. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird das Imperium den Schnee überstehen. Bis zum nächsten Mal.Helmut Schümann

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