Zeitung Heute : Schneefall im Juni

Hat Michel Friedman Kokain genommen? Der Moderator schweigt, seine Freunde sagen: Er ist tief getroffen

Christian Böhme

Da sitzt Michel Friedman am späten Mittwochabend auf einer roten Couch im Fernsehstudio des Hessischen Rundfunks, und er wirkt wie immer. Ein Profi. Ruhig, überlegt, kein Anzeichen von Nervosität. Klare, durchdringende Stimme, ab und zu schnellt sein Arm empor in Richtung Peter Scholl-Latour, der an diesem Abend sein Gesprächspartner ist. Vorgesehen war eigentlich der CDU-Politiker Heiner Geißler. Doch dann kam der Anschlag auf die Soldaten in Kabul.

Also sitzt nun der Terrorexperte dem Fernsehmoderator direkt gegenüber, gerade mal eine Armlänge entfernt. Die erste Frage in der Sendung „Friedman“: War das Attentat auf die Soldaten in Kabul ein Anschlag auf Deutschland? Scholl-Latour gibt eine ausweichende Antwort. Michel Friedman fasst nach, will es genauer wissen. Alles wie gehabt, und alles live. Kein Hinweis darauf, dass Friedman vermutlich innerlich vollkommen aufgewühlt, ja womöglich verzweifelt ist. Kein Versprecher, keine untypische Regung. Wie hält der Mann das durch?, fragt sich der Zuschauer. Erst wenige Stunden sind seit dem Ereignis vergangen, das Friedmans Leben von Grund auf verändern könnte.

Mittwochmorgen, Frankfurt am Main. Beamte des Landeskriminalamtes und des Bundesgrenzschutzes durchsuchen auf Bitten der Berliner Staatsanwaltschaft die Anwaltskanzlei und die Wohnung des Fernsehmoderators und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden. Der Verdacht: Drogenbesitz. Die Ermittler finden in Anwesenheit des Verdächtigen „drei szenetypische Päckchen“. Zwei sind leer, aber mit „Anhaftungen“. Im Dritten befinden sich den Angaben zufolge Reste einer weißen Substanz. Handelt es sich um Rauschgift? Eine Analyse muss das zeigen.

Den Hinweis auf Friedman bekam die Berliner Polizei bei Ermittlungen gegen 14 Mitglieder einer ukrainisch-polnischen Schleuserbande. Ihnen wird vorgeworfen, Prostituierte an Prominente vermittelt zu haben. Nach Informationen des Tagesspiegels hat eine Zeugin aus diesem Verfahren ausgesagt, Friedman habe Kokain besessen. Das reichte für den Anfangsverdacht, Friedman habe gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen.

Doch bewiesen ist noch nichts. Weder dass in den Päckchen Rauschgift war, noch dass Friedman es einnahm. Alle warnen vor Vorverurteilungen – die Justiz, die Freunde und Kollegen. „Er genießt mein volles Vertrauen“, sagt Zentralratspräsident Paul Spiegel und verweist darauf, dass dies eine Privatangelegenheit sei. Salomon Korn, der als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt seit Jahren mit Friedman zusammenarbeitet, betont ebenso wie die Verantwortlichen vom Hessischen Rundfunk: „Für ihn muss die gleiche Unschuldsvermutung gelten wie für jeden anderen auch. Vielleicht stammen die Päckchen, welchen Inhalts auch immer, von einem Dritten.“ Korn glaubt aber auch, dass nun viele klammheimliche Freude empfänden und versuchten, alte Rechnungen mit Friedman zu begleichen. Die Gerüchteküche brodelt. Verschwörungstheorien machen die Runde. Von Verbindungen zum Tod von Jürgen W. Möllemann ist die Rede, von rechten Kreisen in der Berliner Justiz, die „dem Juden“ mal eins auswischen wollten. „Die ganze Sache ist höchst merkwürdig“, sagt einer aus dem Zentralrat. „Der trinkt doch nie einen Tropfen, geht ins Sportstudio, achtet auf seinen Körper – so einer soll koksen?“ Und wann soll er das überhaupt ungestört tun?, fragt ein Vertrauter. Der Zentralratsvize werde doch rund um die Uhr auf Schritt und Tritt von mehreren Leibwächtern geschützt. „Der kann doch nicht mal allein aufs Klo gehen.“

Und Friedman, der Vielsprecher, der Allgegenwärtige? Er schweigt eisern zu den Vorwürfen, ist abgetaucht und für niemanden zu erreichen. Am Donnerstag ließ der Talkmaster nur mitteilen, er werde seine Moderationen vorerst ruhen lassen. Zum Drogenverdacht wolle sich Friedman aber nicht äußern, sagt sein Anwalt Eckart C. Hild. „Dafür ist es einfach zu früh.“ Doch die, die Friedman gut kennen, sind sich sicher: Er ist tief getroffen. Ein Drogenverdacht inklusive Haarprobe gegen einen, der gerne und häufig scharfzüngig auf die Moral verweist – das allein könnte schon reichen, um ihn und seine Argumentation im Nachhinein und in der Zukunft in Frage zu stellen. Egal, wie die Sache ausgeht – irgendetwas wird wohl an Friedman hängen bleiben. Das befürchten selbst die, die ihm sehr wohlgesonnen sind. Und im Laufe des Donnerstags wuchsen ihre Befürchtungen. Stürzt der Überflieger nun ab? Friedman wäre nicht der erste Prominente, dem Kokainkonsum vorgeworfen wird. Bei Christoph Daum bestätigte sich der Verdacht, auch bei Konstantin Wecker. Hamburgs Innensenator Ronald Schill musste sich ebensolcher Vorwürfe erwehren. Bei den Ermittlungen kam aber nichts heraus.

Friedman ist ein streitbarer Geist. Vergangene Woche beim Frühstück in einem Berliner Hotel ärgerte er sich zum Beispiel über seine Parteikollegin Angela Merkel. Die soll in einem Interview gesagt haben, nur Christen gehörten in den Vorstand der CDU. Oder die Proteste gegen Reformen der Sozialsysteme in Deutschland – „alles Gejammere auf hohem Niveau. Schauen Sie mal nach Osteuropa, das ist Aufbruchstimmung“, ruft er so laut über Croissant und Orangensaft hinweg, dass alle im Frühstücksraum es hören können, vielleicht sogar hören sollen. Eine Sekunde später dann der ruhige, belesene, charmante Friedman. Selbst das ständig bimmelnde Handy bringt ihn nicht aus der Ruhe.

Mischu, wie ihn seine Freunde nennen, stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie. Seine Eltern hatten den Holocaust mit Hilfe des berühmten Oskar Schindler überlebt. Vater und Mutter fühlte sich der Sohn Zeit ihres Lebens eng verbunden. Einfach kann die Kindheit im Schatten der Shoah nicht gewesen sein, auch wenn er sie oft als glücklich bezeichnet hat. Der Holocaust, die Judenfeindschaft, die Ausgrenzung einer Minderheit, all das sind die Themen des promovierten Juristen geworden. Mit ihnen hat er sich als Provokateur einen Namen gemacht. „Es kann ruhig ein bisschen piken, wenn ich für etwas streite“, hat Friedman mal selbst seine Art beschrieben, auf Missstände aufmerksam zu machen. Dass er dabei häufig aneckt, Menschen auch vor den Kopf stößt, nimmt er in Kauf. Ihm gehe es immer nur um Demokratie und Zivilgesellschaft, sagt er. Beides sah er vor einem Jahr bedroht.

Der Antisemitismusstreit mit der FDP, Jürgen Möllemanns Vorwurf, Friedman fördere durch sein Verhalten geradezu Judenfeindschaft, der ausbleibende Aufschrei der Gesellschaft – all das hat den Zentralratsvize schwer getroffen. So einsam hatte er sich noch nie in Deutschland gefühlt. Doch Friedman will sich nicht entmutigen lassen. Wenn es um die Interessen der Juden geht, gibt er sich kämpferisch. Riga, Tel Aviv, Ankara, Frankfurt, Wien – ein solches Programm schafft Friedman schon mal in einer Woche. Und wann schläft er? Auf die Frage antwortet er gerne: Wozu gibt es Flugzeuge?

Mitarbeit: Frank Jansen

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