Zeitung Heute : Schneewittchen unterm Meeresspiegel

In Nordnorwegen nahe Hammerfest wird Flüssiggas in der weltweit modernsten Anlage produziert

Rolf Brockschmidt

Hellorange leuchtet der Himmel hinter dem Berg in der Bucht von Hammerfest bei der Einfahrt der „MS Trollfjord“ von Hurtigruten. Ein ungewöhnliches Licht in einer dunklen Polarnacht. Es kommt von zwei hohen Türmen, an deren Spitze Gas abgefackelt wird. Ein verheißungsvolles Symbol einer neuen Zeit für den hohen Norden, für eine Stadt, die noch vor Jahren eher der Hinterhof des Königreichs war. An den Flammen entzündet sich aber auch heftige Kritik, denn die umweltbewussten Norweger sind sehr empfindlich, wenn es um Emissionen von Ruß und Kohlendioxid in der Polarregion geht. Die beiden Fackeltürme stehen auf der Insel Melkøya an der Fahrrinne bei Hammerfest, wo seit August 2007 erstmals Flüssiggas aus dem „Schneewittchen-Feld“ 145 Kilometer vor der Küste produziert wird. „Snøhvit“, wie es auf Norwegisch heißt, ist das größe Industrievorhaben Nordnorwegens. Es ist das erste FlüssiggasexportProjekt Europas, und es nutzt eine völllig neue Technik, die jetzt erst erprobt wird.

300 Meter vom Hurtigroutenkai entfernt liegt das Büro von StatoilHydro in Hammerfest. Sverre Kojedal ist der Sprecher des Projekts und freut sich über den Besuch aus dem fernen Deutschland. Er kann sich denken, dass auch auf dem Schiff bei der Anreise die mitreisenden Norweger heftig über die beiden Flammen diskutiert haben. „Wir müssen da durch, vorübergehend sind Emissionen unvermeidbar. So lange die Anlage nicht voll ausgelastet ist, müssen wir das Gas aus Sicherheitsgründen abfackeln. Die dazu notwendigen Genehmigungen der Regierung liegen vor“, sagt Sverre Kojedal. Im Sommer soll es vorbei sein.

Es war ein langer Weg bis zur ersten Produktion. Das Feld wurde 1984 entdeckt, aber die technischen Möglichkeiten Anfang der 1990er Jahre waren damals völlig unzureichend, um an eine Förderung zu denken. Neue technologische Entwicklungen, neue Märkte für Flüssiggas und der Gaspreis ließen dann doch eine Entwicklung zu, die schließlich zum Ziel führte. „Snøhvit ist ein Pionierprojekt in Europa. Wir fahren heute die modernste Anlage der Welt“ sagt Kojedal nicht ohne Stolz.

Wenn man mit dem Fischerboot in die Snøhvit-Region fährt, sieht man nichts von dem, was sich in etwa 250 bis 300 Meter Tiefe auf dem Boden des Polarmeeres abspielt. Es gibt keine feststehende Bohrinsel mehr wie bei anderen Anlagen in norwegischen Gewässern. Auch die Fischer können ohne Behinderungen ihre Schleppnetze auslegen.

Die Gasgewinnung erfolgt dezentral unter Wasser. Durch Bohreinrichtungen, 26 Meter lang und 14 Meter hoch, wird das Gas zusammen mit Wasser, Sediment und Leichtöl über eine Unterwasser-Verteilerstation zur Flüssiggasanlage auf der Insel Melkøya gepumpt, wo das Bohrergebnis in drei Ströme, Waser, leichtes Öl und Gas getrennt und seperat verarbeitet wird. Da in den Reservoirs fünf bis acht Prozent CO2 lagern, wird dieses auf Melkøya vom Gas getrennt, verflüssigt und über eine andere Pipeline in ein mit Wasser gefülltes leeres Reservoir zurückgepumpt. „Unsere Produktion soll frei von Emissionen sein“, sagt Kojedal, und deswegen schmerzt auch ihn das Abfackeln von Gas. Zudem wird jede Tonne Kohlendioxid mit 50 Dollar Steuer belegt.

Das gewonnene Gas kommt in einen großen „Kühlschrank“, wo es auf minus 163 Grad Celsius abgekühlt und somit verflüssigt wird. Dass Flüssiggas, im Fachjargon LNG (Liquid Natural Gas) genannt, wird in zwei großen Tanks auf der Insel zwischengelagert, bis es von inzwischen vier eigens für den Transport angeschafften Flüssiggastankern abtransportiert wird.

Die Kühlungstechnik kommt von der Firma Linde – zur Zeit gibt es allerdings noch Probleme mit dem Kühlsystem. „Es läuft noch nicht so wie geplant, vielleicht müssen wir an den Kreisläufen etwas ändern. Es ist insgesamt ein hoch komplexes System“, sagt Kojedal und fügt hinzu: „Es gibt noch Kapazitätsprobleme. Wir forschen gemeinsam an der Verbesserung des Systems und hoffen, dass wir die Probleme in ein paar Monaten gelöst haben. Es ist wirklich ein Pionierprojekt, wir können nicht auf Vorbilder zurückgreifen – es ist learning on the job“.

Dennoch ist Kojedal optimistisch. Am 21. August 2007 habe man endlich die Ventile geöffnet – ein junger Mann tat es unspektakulär per Mausklick auf dem Festland – und das Gas sei in die Anlage geströmt. Zwei Wochen habe es gedauert, bis die Anlage funktionsfähig war. Ende Januar 2008 gab es wieder Probleme, die Anlage musste abgeschaltet werden. „Aber danach brauchten wir nur noch einen Tag, um sie wieder hochzufahren“. Das lässt Kojedal hoffen. „Es braucht viel Mut, der Erste zu sein. Wir wollen Pioniere sein und sind bereit, von Fehlern zu lernen. Wir trainieren wie ein Athlet, um besser zu werden.“

Auch die Konstruktion der Fabrik auf Melkøya ist ein Projekt der Superlative. 2002 wurde mit dem Bau der Anlage aus überwiegend vorgefertigten Teilen begonnen. So kam ein 4000-Tonnen-Element aus dem niederländischen Zwijndrecht per Schiff, die Vorratstanks kamen aus Sizilien, der 60 Meter hohe Kühlboxenturm – fast so hoch wie das Osloer Rathaus – wurde in einem Stück senkrecht aus dem belgischen Hoboken herangeschafft und die Gasverflüssigungsanlage – 35 000 Tonnen schwer, wurde aus dem spanischen Cádiz auf dem Halbtauchschiff „MV Blue Marlin“ in nur elf Tagen nach Hammerfest verschifft. 2004 lief der erste von vier Flüssiggastankern vom Stapel. Auf den 300 Meter langen feuerroten Schiffen sind deutlich die vier runden Tanks zu erkennen. Alle fünf bis sechs Tage wird ein Schiff von Hammerfest zu den Märkten nach Frankreich, Spanien und den USA reisen.

Das Snøhvit-Projekt hat der 9000-Einwohnerstadt Hammerfest etwa 400 neue Arbeitsplätze beschert. Es wurden neue Schulen, Kindergärten und ein Kulturhaus am Kai gebaut. Die ersten Wohnblocks stehen schon, weitere werden am Wasser hochgezogen, auch im Winter. Die Stadt profitiert von dem Projekt, vor allem durch das hohe Steueraufkommen. „Hammerfest wächst“, sagt Kojedal, „früher waren wir in einer negativen Abwärtsspirale, jetzt geht es aufwärts. Es gibt neue Geschäfte, die Gemeinde investiert. Umgekehrt sind die Häuserpreise stark gestiegen, hat der Verkehr deutlich zugenommen und wir verzeichnen jetzt auch mehr Prügeleien und Alkoholprobleme als vorher.“ 200 hochqualifizierte Mitarbeiter sind von außerhalb gekommen und wollen hier dauerhaft bleiben. „Wir alle haben doch ein großes Interesse daran, dass unsere Kinder in einer gesunden Umwelt aufwachsen“, meint Kojedal noch einmal im Hinblick auf die Feuertürme.

Und noch etwas ist wichtig. Norwegen ist der zweitgrößte Energieversorger Europas. „Die Erfahrungen, die wir hier mit Snøhvit sammeln, werden uns helfen, vielleicht in 20 Jahren noch weiter nördlich zu gehen, um die Energiereserven unter dem ewigen Eis zu heben. Jetzt ist das technisch noch nicht möglich, aber so war die Situation doch auch 1984, als Snøhvit entdeckt wurde.“, sagt Kojedal. An dem Pionierprojekt ist Deutschland über Linde beteiligt und RWE hat mit 2,8 Prozent Beteiligung an den Lizenzen einen Fuß in der Tür.

Snøhvit zeigt, welch enormes Energiepotenzial im Norden schlummert. Norwegen bietet sich als verlässlicher Energielieferant für Deutschland und Europa an, und das entspricht auch der „Nordgebiete-Strategie“ der norwegischen Regierung. „Wir wollen die Möglichkeiten der Barentssee als einer neuen europäischen Energieprovinz nachhaltig nutzen“, heißt es in dem Papier. Der Norden Norwegens gewinnt damit unter den Aspekten der Energiesicherheit und des Klimschutzes mehr und mehr Bedeutung für Deutschland und Europa. „Deutschland setzt immer mehr auf Erdgas aus Norwegen“, sagt Kojedal. „Das ist gut für uns. Und wenn wir gemeinsam neue Technologien entwickeln können, erwächst daraus auch ein neuer Exportschlager.“

Bei einem Besuch in Tromsö im August vergangenen Jahres hatte Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Bedeutung Norwegens als Energielieferant für Deutschland hervorgehoben. Um das Ziel einer größeren Vielfalt bei den Lieferanten von Öl und Gas zu erreichen, sei es im deutschen Interesse, „dass Norwegen einen möglichst großen Teil davon übernimmt“. Zur Zeit deckt Norwegen etwa 28 Prozent des deutschen Gasverbrauchs, Tendenz leicht steigend.

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